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Samstag, 28. April 2007

Damenbart

Heute ist Freitag. Banale Feststellung, wenn man nicht gerade im islamischen Tadschikistan in der Stadt Khudjand am Basar wohnt (eine stalinistische Augenweide, das Du denkst, Frankfurter Allee in Berlin ist Bauhaus). Bloß dieser Basar wäre auch nicht jetzt der Basar, wenn in seiner Nähe nicht das Heiligtum der Stadt und die Freitagsmoschee wäre. Und die Freitagsmoschee ist das Symbol für eine islamische Stadt. Darf nicht jeder Ort haben, sind da so gewisse Kriterien, die erfüllt sein müssen. Egal, also Freitag mordswaslos bei uns vorm Haus. Zur gleichen Zeit, wie die Männer Gebetsteppich an Gebetsteppich legen und bis auf die Strasse rauf der Boden sich mit Gebetstüchern bedeckt, bin ich ins Museum. Und endlich Durchbruch. Die Abteilungsleiterin Wissenschaft darf mich im Museumsfond arbeiten lassen, nach nervenzerreissendem Kampf mit der Vizedirektorin, die den Verdacht hat, ich zahle der Abteilungsleiterin Bakschisch. Eigentlich sind da eineinhalb Wochen nicht wirklich viel Wartezeit. Ein Kollege von mir wartete letztens drei Monate auf die Erlaubnis, im Archiv arbeiten zu dürfen. Jetzt also ich ins Museum. Dann habe ich gesehen, was da für ein Durcheinander ist. Also quasi nicht Regal suchen, in dem die Bücher stehen, sondern Kiste suchen, in dem dokumentarisches Papier rumliegt. Nun haben wir eine Kiste gefunden voller Fotos. Die ist nun für die nächsten Tage mein erstes Opfer. Dann kamen zwei Mädchen von Abteilung Wissenschaft nach unten und haben gemeint, sie würden ein paar Kriegsfotos brauchen, da bald die Veteranen des Krieges sich im Museum zum 62. mal treffen, um alte Kriegserinnerungen auszutauschen. Dafür muss man den Saal ein bissel mit Panzerbildern und gefallenen Kameraden schmücken. Und die historischen Girlanden sollten sie in der Kiste finden. Nun war da alles andere als Kriegsfotos. Mehr so Fotos von verdienten Arbeiterinnen der 70er und 80er. Hübsche Mädchen, die Nähgarn auf die Webmaschine stellen. Da haben wir also Fotos geschaut und die zwei netten Mädels laufend gekichert und gequatscht. Ich habe nun nicht alles verstanden und ausserdem bin ich ja den hiesigen Mädels gegenüber immer etwas schüchtern. Habe also versucht nicht hinzuhören. Ging aber nicht, sie haben mich trotzdem manchmal in den Grund ihres Lachens eingeweiht. Aber ihr Lachen, das war so ansteckend, haben wir halt alle zusammen gelacht. Auf einmal wieder Gelächter. Ich frag, was los ist, sagen die Mädels, "`Hier die Soundso, schau mal, die hat einen Damenbart."' Frag ich zurück, ob man so heute nicht mehr so rumgehen würde. Nee, war die vollmundige Antwort, die zupft man sich doch raus! Aha! dachte ich, das ist also Sozialismus, Damenbart. Super, was für eine Metapher! In China spuckten sie vor lauter proletarischen Sitten anno 1994 noch die Zuege voll und haben sich dann in die Aule hinein gelegt (längst Vergangenheit), in der Sowjetunion Damenbart und in der DDR behaarte Beine und Achselhaar. Nicht das ich was gegen Achselhaar habe, oder behaarte Beine. Aber so sind sich im Kapitalismus und Sozialismus doch fremde Aesthätiken entgegengetreten. Kein Wunder, dass man keine von meinen Westtanten mit ein bissel Ostschick verwöhnen konnte. War halt komplett eine andere Aestetik. Nur jetzt im Retrogedöns kann sich die Avantgarde von Berlin Mitte gar nicht genug wund scheuern an der vergangenen Aesthetik. Bevor ich mich hier aber weiter mit den Werturteilen zurückhalten muss, mach ich mal lieber Schluss.

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Impressum

Olim ist ein arabischer Vorname, der sich aus der Silbe ilm ableitet und soviel heißt wie der Wissende oder Wissenschaftler. Ich habe den Namen 1994 in Buchara verliehen bekommen und ein Jahr später angefangen, Mittelasienwissenschaften zu studieren. Das tue ich heute immer noch im fortgesetzten Stadium. Derzeit arbeite ich am SFB 640 "Repräsentationen sozialer Ordnungen im Wandel".

devona

devona ist ein Anhängsel an einen Namen, der soviel bedeutet wie "der Verrückte". Doch bedeutet Verrückt im sufischen islamischen Kontext mehr "der zu Gott entrückte". Denn der Narr gibt seinen Verstand an Gott ab, Gott aber schenkt ihm dadurch die Nähe zum Paradies. Da er seinen Verstand abgegeben hat, darf der nicht wie andere verständige Mitmenschen behandelt werden. Er liegt ausserhalb der weltlichen Gerichtsbarkeit. Er kann aufgrund seines Statuses sogar Gott tadeln oder mit ihm hadern. Er besitzt also Narrenfreiheit. Als mich ein Blogger dazu anhielt, einen eigenen Webblog einzurichten, anstatt den Leuten ungefragt ständig Reisemails zu senden, fing ich an dieses Blog zu schreiben. Damals muß ich verrückt gewesen sein, denn bloggen ist sowas von scheisse zeitaufwendig. Man ist ja quasi -zig Ressorts in einem: a) Ideenfindung, b) Recherche, c) Bildredaktion, d) Lektorat, e) Layout, d) Leserbriefe, e) Kritik. F) wie Service, G) Literatur, H) Musik und I) wie "Religion und Gesellschaft" schlafen eh seit Monaten den Dornröschenschlaf.

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