Dhaka

Am Anfang war Dhaka für mich nur die radikale Fremde. Kaum etwas woran ich mich festhalten konnte, keine Strassenecken, die einem das Gefuehl gaben, sich orientieren zu koennen. Ich hatte keine Ahnung, wie ich mich hier fortbewegen sollte... Nach einem einfachen Spaziergang im Viertel überprüfte ich immer gleich die zurueckgelegte Route. Wieviel Mal bin ich jetzt rechts, wie viel mal links gegangen? Wie heisst die Strasse aus der ich komme? Strasse Nummer 7, obwohl hier gerade 9 und da 11 ist, ist dahinten etwa die 7 gewesen?

Heute, nach zwei Tagen Gehversuchen habe ich die groessten Huerden absolviert. Ich kann mittlerweile Busnummern auf dem Bussen erkennen (wer schonmal bengalische Zahlen gesehen hat, weiss, dass dies nicht ganz einfach ist), Ich weiss nun wie lange eine Rikschafahrt sein sollte, ohne das man sich spaeter ueber den Preis aergert und ich kenne auch die groesseren Orientierungspunkte Newmarket, Shahbag, Sahmoli, Muhammadpur. So kann ich inzwischen manche Punkte im Koordinatensystem der Megastadt Dhaka orten.WOW! Ich haette nie gedacht, dads so einmal eine Reise beginnen kann. Aber so kann ich mich auch damit troesten, mal eine Ahnung von der radikalen Fremde bekommen zu haben.

Ich habe hier ein paar Freunde lieb gewonnen, die mir unendlich geduldig die Gegenwart Bangladeshs erklären. Ich würde sie nicht Patrioten nennen (obwohl das fuer sie in ihren Augen das Beste Kompliment ist, das man gegenwärtig Politikern machen kann – solche soll es naemlich kaum geben) aber sie reden anders über ihr Land, als ich das von Leuten, die von Bangladesh reden, gewöhnt bin. Die krassen Arm Reich Gegensätze in einer Stadt, in der jeder Stadtteil mehr Einwohner hat als Berlin ingesamt, sind für sie kein Manko, sondern Herausforderung. Viele tausend einheimische NGOs bauen an einer etwas besseren Gegenwart herum und selbst Nobelpreistraeger und ihre Familie, wie der Begründer der Grameen Bank, Dr. Junus, sind keine Luftgestalten, sondern haben schon das eine oder andere Projekt von meinen Freunden persoenlich betreut. Das soll nicht heissen, sie waeren irgendeine krasse Geldelite. Es bedeutet aber wohl, dass die Leute hier naeher zusammenstehen und auch schon mal der Innenminister bei einer NGO Veranstaltung vorbeischaut.

Diese Freunde habe mir immer wieder die Zusammenhaenge zwischen Geschichte, Armut, Politik, Oekosystem und den Menschen mittendrin auseinandergenommen. Ich hatte beispielsweise auf einem “Stadtspaziergang”, den kann man in Dhaka wirklich nur in Anfuehrungszeichen setzen, ein Armenviertel entdeckt, dessen Anblick mich echt schaudern lies. Wellblech war hier ein Luxusgegenstand, es gab keine Wege, sondern nur verkrustete Erde, die sofort aufweicht, wenn die ersten Regentropfen sie treffen, in den Haeusern, die eher offene Unterstaende waren, gab es kaum Fussboeden usw.. Nun es waren die Viertel der Biharis einer Muslimischen Ethnie aus dem Norden, die im Unabhaengigkeitkrieg von 1970/71 auf Seiten Pakistans standen. Diese wollen seit langem nach Pakistan auswandern. Der Pakistanische Staat will sie aber nicht haben und die Bangladeshis wollen sie auch nicht mehr. So sind diese Menschen nach 40 Jahren immer noch die Traeger einer diffusen kollektiven Schuld, die auf viele Biharis trifft, die jemals das Licht Bangladeshs erblickt haben. Andere Armenviertel widmen sich dem Müllsammeln und der Muelltrennung. Sie sind oft Flutopfer aus den Bengalischen Sueden, dem Deltaland. Klimafluechtlinge werden sie gerne in unseren Medien genannt. Das darunter aber vor allem Frauen und Kinder zu finden sind, die von den Maennern verstossen wurden, oder bei denen die Maenner bei Fluten ums Leben gekommen sind, erleichtert zwar nicht da Los dieser Menschen, macht das gesamte Armutsbild aber um so komplexer, denn viele Familien, die als Familien die Fluten ueberstehen, wandern im Land einfach auf andere Flaechen ab, die sich nach den Fluten immer wieder von neuem bilden, die so genannten Char Länder, Sandbänken im Delta. Das Delta kann seit Jahrhunderten von vielfaeltigen Formen von Mobilitaet erzaehlen.

Die Erfolgsgeschichten aus der Stadt Dhaka, in der man schnell Arbeit als Rikschafahrer finden und hier am Tag so um die 200 Thaka machen kann, etwa 2,5 Dollar, locken immer wieder Menschen
vom Land hierher. Im Jahr 2050 sollen hier, wenn die Statistiken so weitergehen wie bisher, etwa 240 Millionen Menschen leben. Das waere eine Stadt unvorstellbaren Ausmaßes.

Ich allerdings werde nun aufs Land fahren, nach Barisal, um Gruppen zu suchen, die ebendiese Mobilitaet im Delta als alltaegliche Lebensform kennen, die Bede, Flusszigeuner, wie sie genannt werden. Viele von ihnen sind jedoch mittlerweile Zeltzigeuner, weil auch im Brahmaputra- / Jamuna- / Merghnadelta die Kanaele trocken fallen, und aufgrund der von der Weltbank gebauten Schleusen, die Flusszigeuner vielerorts nicht mehr mit ihren Booten passieren koennen.

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Olim ist ein arabischer Vorname, der sich aus der Silbe ilm ableitet und soviel heißt wie der Wissende oder Wissenschaftler. Ich habe den Namen 1994 in Buchara verliehen bekommen und ein Jahr später angefangen, Mittelasienwissenschaften zu studieren. Das tue ich heute immer noch im fortgesetzten Stadium. Devona ist ein Wort das man fuer verrückt, entrückt, weggetreten benutzen kann. Es hat immer irgendwie mit Liebe zu tun, zu den Menschen, zum Leben, zu Gott. Naja und das zusammen macht die Figur Olim devona aus. Manchmal schlüfe ich in sie hinein und fuehle mich dann total devona.

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