Dienstag, 5. Juni 2007

Der Rhythmus der Unterwelt

Die Vorfreude vieler Orten über den neuen Tourstart von Sandow diesen Sommer ist ehrlich, das kann ich aus eigenen Anschaun bestätigen. Auch ich freue mich seit einer Weile über diverse Einblicke in das Bandleben wie über den wirklich netten Vorgeschmack auf der Seite von Kai Uwe Kohlschmidt. Und seit kurzem gibt es dort ein Tag, was den Leser auf einen kürzlich eingerichteten Blog verweist. Und hoppla, da war ich aber überrascht. Da springt einen eine Sprache an, die kaum zu irgendeinem in der Band passt. Das muss einer dieser Managertypen in der Musikszene sein, die immer solche fulminant schwachsinnigen Sprachblasen produzieren, um das Publikum vermeintlich anzuheizen. Das kenne ich aus einigen Newslettern Berliner Clubs. Da gibt es Worte bzw. Redewendugen wie reingehauen, was das Zeug hält, Haben ihr Zeug drauf und wollens endlich loswerden.

Dieser Blog produziert komplette Unlust. Wenn es sowas in Zusammenhang mit der Musik von Sandow überhaupt geben kann.

Sonntag, 3. Juni 2007

Wieder Pamir

JurtenGlueck

Aus Tadschikchronik, ein Foto aus dem Jahre 1977, dem Jahr des 50 Jährigen Bestehens der Sowjetmacht.

Bildunterschrift

Kulturvoll und ordentlich leben die Hirten im östlichen Pamir. Besseres Einkommen macht es möglich, dass sie sich Autos, Motoräder und Radioempfänger anschaffen können. Hier der vorbildliche Hirte D.Abdusattorov aus dem Kolchos "Lenins Weg" aus dem Kreis Murghab.

Montag, 28. Mai 2007

Pamir

Dies ist ein weiteres Bild aus der Fotochronik Tadschikstans, diesmal aus dem Jahre 1972.

Pamir

Bildunterschrift

Aus der Serie: Unser Heimatland

Ein Treffen auf einer Dorfstraße im östlichen Pamir.

Bildkommentar


Der Pamir teilt sich auf die Länder Afghanistan, Kirgistan, Tadschikstan und China auf. Das Bild hier entstand im östenlichen Tadschikistan. Die Hüte der beiden Bergbewohner zeigen an, dass es sich um Kirgisen handeln muss, denn die Pamiris hier haben flache Kappen auf dem Kopf. Bei den Kirgisen heisst der Hut "Ak Kalpak", was soviel heisst wie weisser Gipfel, oder Hügel.

Freitag, 25. Mai 2007

Fotochronika

Nun habe ich mich also fast zwei Monate in Mittelasien herumgetrieben und dabei im Norden Tadschikistans im Museum für Geschichte Khodjands im Archiv gearbeitet.

DSCN3575

Dieses war zwar noch immer in Kisten verpackt und so nicht systematisch einsehbar aber immerhin konnte ich fünf dieser Kisten im Fond des Museum aufspüren und ausplündern. Dabei stieß ich auf eine angenehme Überraschung. In der Hauptstadt der Sowjetrepublik Tadjikistans (Duschanbe) gab es eine Einrichtung, die sich Fotochronik Tadschikistans nannte. In dieser Institution wurden Bilderserien erstellt, die monatlich an die verschiedenen Institutionen -- vor allem Museen der Republik entsandt wurden, damit diese sie an einem speziellen Ort auf Schautafeln den Besucher zeigen. Damit nichts schief geht, haben sie auch die Schautafelüberschriften und den Aufhängeplan gleich mitgeliefert. Nun will ich der Weltöffentlichkeit diese Dokumente auf keinen Fall vorenthalten. Dazu habe ich hier auf dem Webblog eine Rubrik eingerichtet, die sich Strasse der Besten nennt. Hier will ich in lockerer Reinfolge immer mal wieder ein Bild aufhängen und kommentieren.

Also los gehts...

Agitation

Aus einer Fotoserie aus dem Jahre 1962.

Bildunterschrift
Die Pionierleiterin aus der Mittelschule der Sowchose "Kabadian" im Kreis Kolchosabad Rano Kucharova kann man oft bei den Hirten auf den Weiden treffen. Mit Leib und Seele nimmt sie die gesellschaftliche Verantwortung wahr und kann sich deshalb mit Recht die "Beste Agitatorin" nennen. Auf dem Foto R. Kucharova (rechts) in der Familie des Hirten Holov.

Kommentar

Sowchosen waren die nach dem II. Weltkrieg eingeführte Wirtschaftsform auf dem Land. Waren vorher die Dörfer ab 1929 im Zuge der Kollektivierungskampagne zu Kolchosen (was soviel wie Kollektivwirtschaft heisst) umgestaltet, war der neue Trend ab den 50er aber Sowchosen also Sowjetwirtschaften zu etablieren. Das diese Sowchose aber in einem Kreis mit der Kreisstadt Kolchosabad (zu deutsch "reich an Kolchosen" oder "durch Kolchosen schön/wohl erbaut") zu finden ist, verdeutlicht, dass sie nicht in einem traditionell landwirtschaftlichen Gebiet steht, sondern in einem Kreis, der im Zuge der Neulandkampangen erst gebildet wurde. So wurden im Zuge der vielen Bewässerungsprojekte der Sowjetzeit ganze Landstriche neu besiedelt und vor allem für den Baumwollanbau urbar gemacht. Dass die Pionierleiterin jedoch eine Hirtenfamilie besucht, ist lange Tradition in der Geschichte der Agitation in der Sowjetunion. Denn seit der russischen Revolution von 1917 ff war es Gang und Gebe die Bauern und Hirten auf dem Lande über die Vorzüge der Sowjetmacht aufzuklären. Damit aber nichts falsch gemacht werden konnte, sollten die Agitatoren vor allem aus den Zeitungen vorlesen. Das künstklerische Wort frei vor dem Bauern gesprochen war zwar ebenfalls Agitationsalltag jedoch wurde es vor allem von herumreisenden Theatergruppen vorgeführt und deshalb entsprechend seltener als die aus der Stadt anreisende Pionierleiterin. Dass diese die Hirten überhaupt besucht hat, hat sicher nicht nur damit zu tun, dass sie ihr Herz der Sowjetmacht geschenkt hatte, sondern auch seine Ursache darin, dass vor Ort gleich auch noch Käse und Milch mit nach Hause zu nehmen waren.

Die auf den Foto zu sehenden Plakate an der Jurte waren sicher eigens für das Fotochronikabild inszeniert.

Mittwoch, 23. Mai 2007

Wasser plus Kraft gleich Werk

Meer
Das ist die GES Kairakum. Eine GES ist eine HydroElektrischeStation, russisch verpackt, zu deutsch Wasserkraftwerk, doch steht sie auf dem Territorium des nördlichen Tadschikistans. Und wie das kam, da ist der Lenin dran schuld. Der hat naemlich sich gedacht, als er im dunklen Güterwagon verplombt von die Schweiz nach Rußland gefahren ist, eine Revolution führt nicht direkt in den Kommunismus. Da muß man sich ein bissel anstrengen. Also hat er eine sehr einfache aber griffige Formel erfunden, die viele Tausend Menschen in der Sowjetunion Jahrzehnte lang im Atem halten konnte: Kommunismus ist gleich Sowjetmacht und Elektrifizierung im ganzen Lande. Daran war 1917 noch nicht zu denken. Und da das 20. Jh. das Jahrhundert der einfachen Antworten war auf so komplizierte Fragen, wie was ist Kommunismus, hat die vollauf gereicht. Dann kamem die Fünfjahrpläne Stalins, dann der Krieg Hitlers und dann mit der weiterreichenden Industrialisierung auch die Frage nach der Elektrifizierung des ganzen Landes Tadschikistans. Und da haben die angefangen, den Syr Darya, einer der beiden großen Flüsse Zentralasiens anzustauen. Mit dem Anstau wurden Wuestenland ueberflutet und das eine oder andere Bauernhaus. Wurden aber alle umgesiedelt weiter nach oben.
Meer-noch
Und da das Wasser immer den Fluss hinunter fliesst kam es dazu, das heute ein Meer (so sagen die Lokalen) von 40 Kilemeter Breite und 80 Kilometern Länge entstand. Neben der GES wurde eine neue Stadt gebaut mit dem Namen "`guess what?"' Kairakum. Hier nun und in der unweit gelegenen Stadt Khudjand wollten die Europäer auch baden gehen. Also haben sie ein ganzes kleines Universum des Sports und der Erholung gebaut. Die Tadschiken und Usbeken machten mit und da entstanden dann Jachtklub, Fischrestaurants, Sanatorium und Strand. Als die Europäer, wegen des Krieges 1993 -- 1997 und weil sie darin wenig Zukunft für sich sahen, gingen, blieben nur die lokalen Männer der Herren des Strandes. Die lokalen Damen hielten sich von jeher diesen Vergnügungen fern. Das war unschicklich. Und weil unschicklich aber immer irgendwie überall vorkommt sind jetzt die wenigen Damen am Strand bezahlbare Konkubinen, Prostituierte, um es in der Sprache der heutigen Zeit auszudrücken.
noch-Meer
Als ich das den Khudjander BekanntInnen erzählte, waren sie bass erstaunt. Ich las schon in ihren Gesichtern: "`Und da geht mein Mann also baden?"' Aber sei's drum, kommen wir zurück zu Lenin. Wenn also nun Sowjetmacht aus der Rechnung gestrichen wird, bleibt Elektrifizierung im Land ist gleich Prostitution. Komisch, klappt aber schon deshalb nicht, weil diese einfachen Rechnungen aus dem 20 Jh. eh nie aufgehen. Und da wär ich mal wieder bei meinem Lieblingsthema: Grau ist alle Theorie. Aber wenn ich jetzt damit anfange, werde ich noch Netz- ähh Nestbeschmutzer.

Freitag, 4. Mai 2007

Geschichtsding.

Das mit dem Gedenken ist ja ganz eine moderne Sache. Das haben die Historiker mit ihren Aufdeckungen zur Memoriakultur in den 1980er Jahren doch schön herausgearbeitet. Aber auch wenn es eine moderne Sache ist, ist es trotzdem nicht weniger wichtig, wie jüngste Ausschreitungen in Estland zeigen, wo die schon ein bissel grantigen Esten ausgerechnet in der Woche zum Gedenken an den Großen Vaterländischen ein Weltkriegsdenkmal aus der Sowjetzeit abbauen wollten. Hätten sie ja im Sommer machen können, nein, es musste die Maiwoche sein. Rechnung macht da dann nicht immer der Wirt. Hier in Tadschikistan ist das mit dem Gedenken an den Großen Vaterländischen überhaupt kein Problem, das wird gefeiert, dass die Bude kracht. Komisch, rein äußerlich, müssten die Tadschiken so grantig sein wie die Esten, sind ja auch so ein peripheres Volk mit russischer Chauvigeschichte aber hier sieht man das ganz anders und das kam so. Nach dem die Stalinisten nun in den 30ern vor allem im Zuge der Kollektivierung, der sogenannten Frauenbefreiung ihre Säuberungskampagnen so richtig zum Staatsterror haben werden lassen, brauchte man für den Weg in den Schützengraben eine bissel andere Musik. Da haben sie den Nationalitäten, die vorher mit Deportationen in die Lager ganz „entnationalisiert“ werden sollten, wieder ein bissel ihre Kultur zurückgegeben. Da gab’s dann nicht mehr modernen nur sozialistischen Foxtrott auf dem Parkett, sondern wieder nationale Tänze. Nationale darstellende Kunst war nun Zirkus. Sport- und Spiele wurden nicht mehr als grob, vorrevolutionär oder reaktionär angesehen, sondern wurden nationale Folklore. Zwanzig Jahre gleissende, elektrisierende Kulturrevolution wurde ausgeknippst und der Empfänger nun mit Folkloreliedchen gefüttert, damit es sich besser im Schützengraben singt. Die Internationale ist da ja nun auch nicht so gut dafür. Und als der Hitler nun immer weiter in den Osten rein und totales Chaos, da haben sie die Fabriken in Rußland Stück um Stück abgebaut -- Rüstung-, Film- und Bekleidungsindustrie vor allem -- und wieder schön in Sowjetischzentralasien aufgebaut (sprich also alle -stans außer Afghanistan und Pakistan versteht sich). Das war dann zwar schon zehn Jahre nach dem ersten Fünfjahrplan, wie da ja die Industrialisierung genannt wurde, aber dafür war es auch eine wirkliche Industrialisierung; nicht nur `nen Kanal oder so 'nen Anbau für die Seidenfabrik, sondern richtige Raketen- und Auto- und Bombenfabriken. Und als dann die Jungs aus dem Krieg wiederkamen, blieben die Fabriken stehen. Die Folklore durfte auch bleiben und dann kam Chrustschow und dann war eigentlich alles super, auch wenn der Brezhnew wieder die ganze Suppe versalzen hat. Aber das ist nun auch schon wieder lange her. Erinnert sich ja auch keiner mehr dran. Nur der Krieg, der natürlich ganz groß, und so doof war der ja nun auch wirklich nicht für Zentralasien. Aber nun sind mehr als sechzig Jahre rum und morgen treffen sich die paar, die den erlebten und noch übrig sind und gedenken. Da richtet das Museum einen Gedenkvormittag aus, und weil ich da arbeite, muss ich auch hin. Aber nun kommt das Problem. Meine Gewährsfrau aus der Abteilung Wissenschaft wollte nun, das ich auch was sage. Wir sind doch auch von den Faschisten befreit worden. Und da hätten wir doch auch die sowjetischen Soldaten begrüsst, hätten sie willkommen geheißen und ihnen Brot und Salz als Gruß gereicht. Nun muß man wissen, das Brot und Salz so eine alte Geste aus tausend und einer Nacht ist, islamisches "`Gruess Gott!"' quasi. Wir hätten auch Blumen geworfen und Hände geschüttelt. Nun wurden meine Augen ganz groß. Ich weiß nicht, ob es deshalb war, weil ich mir zuerst vorstellen musste, wie wir da ganz tadschikisiert mit Chalat und Stiefeln den Soldaten das Brot und Salz reichen. Oder ob es wegen diesem Geschichtsding war. Ich habe nun zwar nie was gegen die russischen Soldaten gehabt, das war ja für mich Geschichte von damals. Aber Russischunterricht scheisse und die russischen Soldaten auch scheisse dran, in ihren Uraltkasernen mit Nullausgang. Nun aber so was sagen wie Willkommensgruss, nee soviel trau ich meinen Geschichtsbalken nun auch nicht zu. Die wurden zwar nun schon ordentlich in 14 Jahren DDR belastet, aber biegen und brechen nee danke, da krieg ich ja `ne Gehirnerschütterung von, wenn das geht, so mit Geschichtsbalken im Kopf. Nun bin ich aber auch kein Mediziner. Aber interessant, die Geschichtsbalken von der Wissenschaftsabteilung wollte ich nun jedoch auch nicht wieder biegen. Warum bloß haben wir diesen Balken uns da in der Moderne eingebaut? Die Altvoderen haben sich einfach am Lagerfeuer eine kleine Geschichte erzählt. Die waren zwar nicht wahr aber hatte viel Wahres in sich, und der Hase wusste auch so, wo er lang laufen musste, aber das haben die Grimms nicht verstanden, und auch all die anderen auch nicht: die Herren Volksschullehrer alla Herder und Hegel. Haben uns also diese dings Aufklärer den Schlammassel eingebrockt. Und ich sitze hier am Laptop im Archiv und sinniere über die Altvorderen …. auch schon so ein Volksschullehrer geworden. Kommen nun plötzlich die Mädchen in den Keller, die Aspirantinnen von der Abteilung Wissenschaft. Nach der ausgiebigen Begrüßung fragen sie mich kichernd, ob ich mich nicht für die Kriegsveteranen als Hitler verkleiden wolle, das wäre doch ein Spass. Darüber nun haben wir alle gelacht. Und das gilt hier immer als die beste, weil noch kostenlose Medizin...

Samstag, 28. April 2007

Damenbart

Heute ist Freitag. Banale Feststellung, wenn man nicht gerade im islamischen Tadschikistan in der Stadt Khudjand am Basar wohnt (eine stalinistische Augenweide, das Du denkst, Frankfurter Allee in Berlin ist Bauhaus). Bloß dieser Basar wäre auch nicht jetzt der Basar, wenn in seiner Nähe nicht das Heiligtum der Stadt und die Freitagsmoschee wäre. Und die Freitagsmoschee ist das Symbol für eine islamische Stadt. Darf nicht jeder Ort haben, sind da so gewisse Kriterien, die erfüllt sein müssen. Egal, also Freitag mordswaslos bei uns vorm Haus. Zur gleichen Zeit, wie die Männer Gebetsteppich an Gebetsteppich legen und bis auf die Strasse rauf der Boden sich mit Gebetstüchern bedeckt, bin ich ins Museum. Und endlich Durchbruch. Die Abteilungsleiterin Wissenschaft darf mich im Museumsfond arbeiten lassen, nach nervenzerreissendem Kampf mit der Vizedirektorin, die den Verdacht hat, ich zahle der Abteilungsleiterin Bakschisch. Eigentlich sind da eineinhalb Wochen nicht wirklich viel Wartezeit. Ein Kollege von mir wartete letztens drei Monate auf die Erlaubnis, im Archiv arbeiten zu dürfen. Jetzt also ich ins Museum. Dann habe ich gesehen, was da für ein Durcheinander ist. Also quasi nicht Regal suchen, in dem die Bücher stehen, sondern Kiste suchen, in dem dokumentarisches Papier rumliegt. Nun haben wir eine Kiste gefunden voller Fotos. Die ist nun für die nächsten Tage mein erstes Opfer. Dann kamen zwei Mädchen von Abteilung Wissenschaft nach unten und haben gemeint, sie würden ein paar Kriegsfotos brauchen, da bald die Veteranen des Krieges sich im Museum zum 62. mal treffen, um alte Kriegserinnerungen auszutauschen. Dafür muss man den Saal ein bissel mit Panzerbildern und gefallenen Kameraden schmücken. Und die historischen Girlanden sollten sie in der Kiste finden. Nun war da alles andere als Kriegsfotos. Mehr so Fotos von verdienten Arbeiterinnen der 70er und 80er. Hübsche Mädchen, die Nähgarn auf die Webmaschine stellen. Da haben wir also Fotos geschaut und die zwei netten Mädels laufend gekichert und gequatscht. Ich habe nun nicht alles verstanden und ausserdem bin ich ja den hiesigen Mädels gegenüber immer etwas schüchtern. Habe also versucht nicht hinzuhören. Ging aber nicht, sie haben mich trotzdem manchmal in den Grund ihres Lachens eingeweiht. Aber ihr Lachen, das war so ansteckend, haben wir halt alle zusammen gelacht. Auf einmal wieder Gelächter. Ich frag, was los ist, sagen die Mädels, "`Hier die Soundso, schau mal, die hat einen Damenbart."' Frag ich zurück, ob man so heute nicht mehr so rumgehen würde. Nee, war die vollmundige Antwort, die zupft man sich doch raus! Aha! dachte ich, das ist also Sozialismus, Damenbart. Super, was für eine Metapher! In China spuckten sie vor lauter proletarischen Sitten anno 1994 noch die Zuege voll und haben sich dann in die Aule hinein gelegt (längst Vergangenheit), in der Sowjetunion Damenbart und in der DDR behaarte Beine und Achselhaar. Nicht das ich was gegen Achselhaar habe, oder behaarte Beine. Aber so sind sich im Kapitalismus und Sozialismus doch fremde Aesthätiken entgegengetreten. Kein Wunder, dass man keine von meinen Westtanten mit ein bissel Ostschick verwöhnen konnte. War halt komplett eine andere Aestetik. Nur jetzt im Retrogedöns kann sich die Avantgarde von Berlin Mitte gar nicht genug wund scheuern an der vergangenen Aesthetik. Bevor ich mich hier aber weiter mit den Werturteilen zurückhalten muss, mach ich mal lieber Schluss.

Dienstag, 24. April 2007

Zigeunerkanal

Gestern waren wir in der Nähe von Khodjand. Wir haben da naemlich so einen kleinen Knall, muessen am Wochenende immer raus. Spazieren gehen im Schloßpark Soundso. Nun haben wir diesen kleinen Knall also auch nach Tadschikistan mitgenommen. Und da man diesen Spleen am besten auslebt, wo die Einheimischen meinen, es sei schön, haben wir also gefragt: "`Wo erholt Ihr Euch denn so?"' Da geben die Einheimischen im Ferghanatal eigentlich immer ein Heiligengrab an. Und so sagte unsere Bekannte aus der hiesigen Wissenschaft also, "`Fahrt mal nach Dehmoj!"' Haben wir dann auch gemacht. Nur wussten wir nicht, was dort ist, nur was zum Erholen eben. Hält der Bus an der ersten Station und ich frage eine nette Uzbekin (Im tadschikischen Ferghanatal leben in den Dörfern fast ausschließlich UzbekInnen... Das wär toll das I jetzt klein zu schreiben. Hach! aber ich schweife ab.) Also ich frage die Uzbekin nun: "`Ist das hier das Dehmoj"'. Und sie fragt: "`Soundso oder Krankenhaus?"' Soundso hört sich nichtsagend an, aber Krankenhaus ist gut. Nun muß man wissen, dass in der Sowjetzeit Krankenhäuser in der Pampas immer da hingebaut wurden, wo eine heilige Quelle fließt oder ein Heiliger unter irgendeinem Baum gesessen hat. Und diese Naturdings wirken heute noch Wunder. Das also glauben die Leute hier, und selbst die Kommunisten konnten sich dem Glauben nicht so recht entziehen. War wohl auch sowas wie eine Säkularisierung des Ortes, dachten sie, nicht aber die Einheimischen. Die dachten, seht mal was der Mann-oh-Mann immer noch für eine Bedeutung hat. Bau'n sie ihm auch noch ein Krankenhaus zur Seite. Na jedenfalls wollten wir nicht bei Soundso aussteigen und Krankenhaus haben wir nun auch nicht gesehen, nur saftige grüne Berge. Nun sind wir also raus und stehen an der staubigen Strasse. Zu unserer Rechten ein Schild: "`Nationales Tuberkolosezentrum Tadschikstans"'. Zu unserer linken die staubige Strasse, dahinter Obsthain, aber mehr so privat ohne Wanderweg. Wie wir später erfahren, ist dahinter dann auch gleich Zaun und Grenze zu den Kirgisen. Aber das ist im Ferghanatal normal. Wo Du hinschaust, Grenze. Nicht das die hier so wichtig ist, kann man aber auch schlecht spazieren gehen, am Stacheldrahtzaun. Naja egal, wir steigen also am Nationalen Tuberkulosezentrum aus und fragen ein paar alte Frauen: "`Sagt mal, Wo kann man sich hier wohl erholen."' Sie wissen es auch nicht, wissen eben nur, dass es hier nicht geht, weil Krankenhaus. Naja, dann weitergefragt. Und Gegenfrage: "`Wollt Ihr zur Präsidentendatscha?"' "`Hmm, ja"' sag ich, weil der wird schon wissen, wo man sich hier prächtig erholt. Also kriegen wir raus, dass wir noch zwei Stationen weiter dürfen, und stehen an der staubigen Strasse. Nicht das die schon immer staubig war, jetzt bauen hier aber die Chinesen den Tadschiken eine Strasse hin, das du sagst, meine Herren! Die Chinesen sind ja nun wirklich die Strassenbaumeister hier, haben ja auch das feine Kunststück mit dem Karakorumhighway hingekriegt. Gilgit in Pakistan und Kashgar in China mit einer Strasse verbunden, die an den krassesten 4000ern vorbei geht. Aber egal. Die Chinesen bauen also die Strasse und die ist auf Kilometer hin aufgerissen. Macht man! Aber was soll ich sagen, irgendwann sind wir da eben auch mal angekommen am Erholungsort. War eine Quelle, an der vor 750 Jahren Hastenichtgesehen begraben wurde. Eine ordentliche Legende wusste nun der Heiligengrabvorsteher auch nicht, die haben da sonst immer so ein Konvolut im Kopf, dass Du denkst, der Harzer Sagenschatz ist was für Pränatale.

Also sind wir herumspaziert, ging aber nicht, weil zu klein, und eine ganze Gruppe Türkei-Türken beim Schaschlikmachen. Berlin Tiergarten in transition. Wie wir aber wegfahren, holt uns der Taxifahrer von eben wieder ab und zeigt uns sein Dorf. Lobt seine Gegend, weil sie soviel Wasser hat. Das Dorf durchziehen vier Kanäle mit Rauschewasser. Der oberste davon heisst Zigeunerkanal. Der heisst so, sagte der Taximann, weil die Zigeuner hier immer im Frühling herkamen und ein paar Tage dort campiert haben. Das Wasser gut, die Gegend auch schön, naja, so was von Lebensunterhalt hat er nicht erzählt. Sie seien da bis in die sechziger immer mit ihren Arbas dagestanden. Dass sind die hiesigen Kutschen mit riesigen Rädern wegen der Schlammwege und dem Steckenbleiben. Auf diesen Kutschen hatten sie ihre Zelte und lebten von der Kutsche aus. Mit Ende Sechziger war Schluß. Danach kamen sie nicht mehr, er hat sie in seiner Jugend noch gesehen. Der Zigeunerkanal heisst aber immer noch so. Und das war nun wirklich interessant.

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Olim ist ein arabischer Vorname, der sich aus der Silbe ilm ableitet und soviel heißt wie der Wissende oder Wissenschaftler. Ich habe den Namen 1994 in Buchara verliehen bekommen und ein Jahr später angefangen, Mittelasienwissenschaften zu studieren. Das tue ich heute immer noch im fortgesetzten Stadium. Devona ist ein Wort das man fuer verrückt, entrückt, weggetreten benutzen kann. Es hat immer irgendwie mit Liebe zu tun, zu den Menschen, zum Leben, zu Gott. Naja und das zusammen macht die Figur Olim devona aus. Manchmal schlüfe ich in sie hinein und fuehle mich dann total devona.

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