Id muborak, Glückwünsche zum Fest

Es ist Freitag, der erste Tag des Festes zum Fastenbrechen, das Ende des Ramadhans. Das Morgengebet läutet den Beginn der Feierlichkeiten ein, Fast alle Geschäfte sind geschlossen, doch jede Menge Strassenhändler bevölkern die Bazar-Strassen rund um die Rauwza, das heilige Grabmal Hazrat Alis. Sie verkaufen vor allem Geschenkartikel, ganz oben auf der Beliebheitsskala finden sich Pistolen und Maschinengewehre für die Kinder, die kleine gelbe Plastikkugel abfeuern können. Kaum sind die Festlichkeiten in den Häusern der Familien eröffnet, gehört die Strasse den Kindern.


In den Häusern treffen sich in den nächsten drei Tagen Nachbarn, Freunde, Verwandte, Geschäftspartner, politische Freunde und Gäste von weit her. Sie besuchen einander im Wohnviertel, im gesamten Stadtgebiet und darüber hinaus. Während sie um die reich gedeckten Festtafeln herum ihre Gückwünsche, Grüße und Fragen nach Wohlergehen austauschen, herrscht draussen Krieg. Kinderschaaren jagen einander, ballern sich gegenseitig die Plastikkugeln um die Ohren und wenn einer mal zu arg getroffen wurde, nimmt dieser auch gerne mal einen kleinen Stein, um es seinen Kontrahenten mal so richtig zu zeigen.

Wenn man durch diese Guerillia Kämpfer seinen Weg bahnt und auch mal ein Kügelchen abbekommt, entschuldigen sie sich und wünschen ein glückliches Fest. Dann und wann kracht auch einmal ein Böller in den Strassen, oder Zündplätzchenpistolen knallen und stinken vor sich hin. Das Id al fitr, wie das Fastenbrechenfest heisst, ist ausgelassen, die halbe Stadt auf den Beinen. Sind die Familien auf Besuch, muss ein Familienmitglied jeweils im Haus bleiben, um die kommenden Gäste zu bewirten und zu unterhalten. So kommt es auch, dass ich auf dem Weg mit meinem Turkmenischen Freund und Ratgeber zwar jede Menge Leute sehen, in den Häusern, die wir besuche wollen, aber kaum einer anzutreffen ist. Eine Ausnahme bildet ein turkmenischer Freund Oqmurods. Dieser weilt zu Hause und mit an den Tisch setzt sich seine Frau. In Afghanistan ein ganz aussergewöhnliches Ereignis, denn normalerweise gibt es Festräume der Frauen und Festräume der Männer, die sich streng voneinander getrennt ihre Glückwünsche unterbreiten. Hier aber sitzen wir zusammen und die Unterhaltung führt seine Frau. Bald gesellt sich auch noch die Tochter des Hauses dazu. Wir erfahren, dass die Mutter mit einer Menge NGO Ausländern zu tun hat. Sie koordiniert bei ihrer Arbeit hier in der Stadt Mazar einige Projekte. Die Tochter hingegen arbeitet als Reporterin und Journalistin bei einer Turkmenischen Radiostation.

Wir verweilen lange hier, viel länger als gewöhnlich, die Jungs, die sich unterdessen zu Oqmurod und mir gesellt haben (Verwandte meines Turkmenischen Freundes) sind ebenso amüsiert, peinlich berührt und finden es lustig, hier in einer Familie zu sitzen, und nicht nur unter Männern. Es plätschert ein entspanntes Gesprächs zum heiligen Fest dahin.

Wenig später am Abend, sind wir beim Sohn eines turkmenischen Senators eingeladen, der sich wie viele andere aus der turkmenischen Führerelite um einen Platz bei der am Wochenende bevorstehenden Wahl bemüht. Es wird immer wieder über den Pastor Jones in Miami geredet. Alle warten gespannt auf die Nachrichten, ob sie nun den Koran verbrannt haben oder nicht. Als die Neuigkeiten kommen, dass das für Afghanen Unvorstellbare ausbleibt, sind alle froh. Die gespannte Situation der letzten drei Tage, in denen in Mazar auch schon mal Strohpuppen und der Volkszorn aufloderte, ist verflogen. Als dann noch in den Nachrichten von einer Fatwa aus dem Iran berichtet wird, die den Pastor Jones für verrückt (devona) erklärt, lachen alle. Ja, Verrückte muss es geben, ernst nehmen kann man sie nicht und sie unterstehen alleine Gottes Urteil. Ein Mensch kann nicht über sie richten, so will es der Koran.

Id muborak, Glückwünsche zum Fest, kann man da nur sagen, auch wenn heute hier schon wieder alles vorbei ist.

PS. Gestern brachten sie in den Nachrichten einen Betrag, der das Übermaß dieser Ballerspiele anprangerte. Ein Passant auf seine Meinung zum Thema angespochen meinte, das es ja kein Wunder sei, dass die Kinder aller Orten Krieg spielen, nach 30Jahren Kriegsgeschichte in Afghanistan...

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Olim ist ein arabischer Vorname, der sich aus der Silbe ilm ableitet und soviel heißt wie der Wissende oder Wissenschaftler. Ich habe den Namen 1994 in Buchara verliehen bekommen und ein Jahr später angefangen, Mittelasienwissenschaften zu studieren. Das tue ich heute immer noch im fortgesetzten Stadium. Devona ist ein Wort das man fuer verrückt, entrückt, weggetreten benutzen kann. Es hat immer irgendwie mit Liebe zu tun, zu den Menschen, zum Leben, zu Gott. Naja und das zusammen macht die Figur Olim devona aus. Manchmal schlüfe ich in sie hinein und fuehle mich dann total devona.

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