Reisenotizen

Dienstag, 1. Januar 2008

Willkommen, Herr ... ! Falsche Freunde bei der Bahn...

Das Jahr 2008 wird sicherlich das Jahr der Vorratsdatenspeicherung...
Komisch, das so ein alter Hut mich hier zum Schreiben bringt, denn bislang habe ich mich aus der Debatte blogtechnisch herausgehalten, da ich andere kenne, die das stimmengewaltiger und substanzieller tun. Ich muss auch zugeben, dass ich aus der Soll und Haben Perspektive des Datenschutzes immer meinen Dispokredit überziehe. Doch ich habe Freunde, die das anders sehen... Und bei denen höre ich dann Sachen, sie hätten ihren Handyvertrag gekündigt, wegen "Bewegungsprotokolle herstellen können", ab heute und so. Denke ich mir, nur gut, dass ich kein Handy habe! Und dann Bahncard 25 gegen 50er eintauschen, wegen Automatenkauf und keine Abspeicherung von Fahrkartenkäufen bei der Bahn. Nur gut, denke ich mir, dass ich sowas auch habe, also eine Bahncard 50 meine ich!

Nun muß man wissen, dass ich etwa mindestens zwei Mal in der Woche vor so einem Automaten stehe. "Kannst du doch ooch online machen", sagen die Schlaustberger jetzt sicherlich. Aber die sind auch etwas organisierter als ich. Da ich total unorganisiert bin, eigentlich liebe ich eher den Ausdruck spontan, stehe ich also immer etwa 5 Minuten vor Abfart des Zuges vor dem Automaten. Nun denkt sich die Bahn für ihren Fahrkartenkauf aber auf dem Display des Automaten immer was Neues aus! Super, denke ich jedes Mal, wenn meine flinken Finger gestoppt werden. Da hat die Bahn sich wieder mal 'nen teuren Logistiker geleistet, der für etliche tausend Euro den Fahrkartenkauf um eine Spur komplizierter macht!

Komme ich also neulich zum Automaten bei der Bahn, Tickets im Sylvesterverkehr. Aha, schon wieder durchzuckt es mich. Das Display wurde geändert. Ich also auf Expresskauf, jetzt aber Ballett, denke ich, die Diesellok pustet auf dem Bahnsteig schon ihre Rohre frei... Nach dem "Expressverkauf" gleich die Frage, ob ich Bahncard habe. Jau, tippe ich und freue mich schon, gleich sagen zu dürfen, 50 Prozent bitte, subito! Nix da! Sagt dieser verkackte Automat doch bitte, "'na dann stecken Sie mal die Bahncard ein!" Ich staune mir eins. Wieso meine Bahncard? Ich bin aber gehorsam und stecke sie in den Automatenschlitz. Sagt darauf doch der Automat mit seiner Anzeige: "Willkommen Herr Undwieichheisse!" Was für eine Frechheit! Will ein Automat auf einem kalten Bahnsteig zu mir sagen, "Willkommen Herr Undwieichheisse!" Obwohl ich weiss, dass ein jeder Automat mit so 'nem Job auf 'nem zugigen Bahnsteig denkt: "Ey du Sackgesicht! Watt' willst Du denn hier so auf die Fixe von mir, laß mich in Ruhe!" Aber dieser neuerlich von der Bahn dressierte Automat sagt ganz freundlich "Willkommen!" und meint doch was ganz anderes. Aber sicherlich nicht "Willkommen Terrorist!" was die Bundesregierung jetzt dann gleich wieder argumentieren würde, sondern: "Willkommen Scheiss Kunde! Nun erhöhe ich nicht nur jeden dritten Monat die Fahrpreise um soundsoviele Prozentchen. Nein ick will Dir auch noch in dein Sackgesicht sagen, dass ich deine Daten sammle, um Dich als Kunde noch besser ausnehmen zu können." Klartext: Horch die gläsernen Kunden nicht mehr aus, befrage sie nicht ständig, sondern hole Dir die Daten, wie es Dir passt, schließlich warst Du ja auch mal ein Teil vom Bund....

Mittwoch, 23. Mai 2007

Wasser plus Kraft gleich Werk

Meer
Das ist die GES Kairakum. Eine GES ist eine HydroElektrischeStation, russisch verpackt, zu deutsch Wasserkraftwerk, doch steht sie auf dem Territorium des nördlichen Tadschikistans. Und wie das kam, da ist der Lenin dran schuld. Der hat naemlich sich gedacht, als er im dunklen Güterwagon verplombt von die Schweiz nach Rußland gefahren ist, eine Revolution führt nicht direkt in den Kommunismus. Da muß man sich ein bissel anstrengen. Also hat er eine sehr einfache aber griffige Formel erfunden, die viele Tausend Menschen in der Sowjetunion Jahrzehnte lang im Atem halten konnte: Kommunismus ist gleich Sowjetmacht und Elektrifizierung im ganzen Lande. Daran war 1917 noch nicht zu denken. Und da das 20. Jh. das Jahrhundert der einfachen Antworten war auf so komplizierte Fragen, wie was ist Kommunismus, hat die vollauf gereicht. Dann kamem die Fünfjahrpläne Stalins, dann der Krieg Hitlers und dann mit der weiterreichenden Industrialisierung auch die Frage nach der Elektrifizierung des ganzen Landes Tadschikistans. Und da haben die angefangen, den Syr Darya, einer der beiden großen Flüsse Zentralasiens anzustauen. Mit dem Anstau wurden Wuestenland ueberflutet und das eine oder andere Bauernhaus. Wurden aber alle umgesiedelt weiter nach oben.
Meer-noch
Und da das Wasser immer den Fluss hinunter fliesst kam es dazu, das heute ein Meer (so sagen die Lokalen) von 40 Kilemeter Breite und 80 Kilometern Länge entstand. Neben der GES wurde eine neue Stadt gebaut mit dem Namen "`guess what?"' Kairakum. Hier nun und in der unweit gelegenen Stadt Khudjand wollten die Europäer auch baden gehen. Also haben sie ein ganzes kleines Universum des Sports und der Erholung gebaut. Die Tadschiken und Usbeken machten mit und da entstanden dann Jachtklub, Fischrestaurants, Sanatorium und Strand. Als die Europäer, wegen des Krieges 1993 -- 1997 und weil sie darin wenig Zukunft für sich sahen, gingen, blieben nur die lokalen Männer der Herren des Strandes. Die lokalen Damen hielten sich von jeher diesen Vergnügungen fern. Das war unschicklich. Und weil unschicklich aber immer irgendwie überall vorkommt sind jetzt die wenigen Damen am Strand bezahlbare Konkubinen, Prostituierte, um es in der Sprache der heutigen Zeit auszudrücken.
noch-Meer
Als ich das den Khudjander BekanntInnen erzählte, waren sie bass erstaunt. Ich las schon in ihren Gesichtern: "`Und da geht mein Mann also baden?"' Aber sei's drum, kommen wir zurück zu Lenin. Wenn also nun Sowjetmacht aus der Rechnung gestrichen wird, bleibt Elektrifizierung im Land ist gleich Prostitution. Komisch, klappt aber schon deshalb nicht, weil diese einfachen Rechnungen aus dem 20 Jh. eh nie aufgehen. Und da wär ich mal wieder bei meinem Lieblingsthema: Grau ist alle Theorie. Aber wenn ich jetzt damit anfange, werde ich noch Netz- ähh Nestbeschmutzer.

Freitag, 4. Mai 2007

Geschichtsding.

Das mit dem Gedenken ist ja ganz eine moderne Sache. Das haben die Historiker mit ihren Aufdeckungen zur Memoriakultur in den 1980er Jahren doch schön herausgearbeitet. Aber auch wenn es eine moderne Sache ist, ist es trotzdem nicht weniger wichtig, wie jüngste Ausschreitungen in Estland zeigen, wo die schon ein bissel grantigen Esten ausgerechnet in der Woche zum Gedenken an den Großen Vaterländischen ein Weltkriegsdenkmal aus der Sowjetzeit abbauen wollten. Hätten sie ja im Sommer machen können, nein, es musste die Maiwoche sein. Rechnung macht da dann nicht immer der Wirt. Hier in Tadschikistan ist das mit dem Gedenken an den Großen Vaterländischen überhaupt kein Problem, das wird gefeiert, dass die Bude kracht. Komisch, rein äußerlich, müssten die Tadschiken so grantig sein wie die Esten, sind ja auch so ein peripheres Volk mit russischer Chauvigeschichte aber hier sieht man das ganz anders und das kam so. Nach dem die Stalinisten nun in den 30ern vor allem im Zuge der Kollektivierung, der sogenannten Frauenbefreiung ihre Säuberungskampagnen so richtig zum Staatsterror haben werden lassen, brauchte man für den Weg in den Schützengraben eine bissel andere Musik. Da haben sie den Nationalitäten, die vorher mit Deportationen in die Lager ganz „entnationalisiert“ werden sollten, wieder ein bissel ihre Kultur zurückgegeben. Da gab’s dann nicht mehr modernen nur sozialistischen Foxtrott auf dem Parkett, sondern wieder nationale Tänze. Nationale darstellende Kunst war nun Zirkus. Sport- und Spiele wurden nicht mehr als grob, vorrevolutionär oder reaktionär angesehen, sondern wurden nationale Folklore. Zwanzig Jahre gleissende, elektrisierende Kulturrevolution wurde ausgeknippst und der Empfänger nun mit Folkloreliedchen gefüttert, damit es sich besser im Schützengraben singt. Die Internationale ist da ja nun auch nicht so gut dafür. Und als der Hitler nun immer weiter in den Osten rein und totales Chaos, da haben sie die Fabriken in Rußland Stück um Stück abgebaut -- Rüstung-, Film- und Bekleidungsindustrie vor allem -- und wieder schön in Sowjetischzentralasien aufgebaut (sprich also alle -stans außer Afghanistan und Pakistan versteht sich). Das war dann zwar schon zehn Jahre nach dem ersten Fünfjahrplan, wie da ja die Industrialisierung genannt wurde, aber dafür war es auch eine wirkliche Industrialisierung; nicht nur `nen Kanal oder so 'nen Anbau für die Seidenfabrik, sondern richtige Raketen- und Auto- und Bombenfabriken. Und als dann die Jungs aus dem Krieg wiederkamen, blieben die Fabriken stehen. Die Folklore durfte auch bleiben und dann kam Chrustschow und dann war eigentlich alles super, auch wenn der Brezhnew wieder die ganze Suppe versalzen hat. Aber das ist nun auch schon wieder lange her. Erinnert sich ja auch keiner mehr dran. Nur der Krieg, der natürlich ganz groß, und so doof war der ja nun auch wirklich nicht für Zentralasien. Aber nun sind mehr als sechzig Jahre rum und morgen treffen sich die paar, die den erlebten und noch übrig sind und gedenken. Da richtet das Museum einen Gedenkvormittag aus, und weil ich da arbeite, muss ich auch hin. Aber nun kommt das Problem. Meine Gewährsfrau aus der Abteilung Wissenschaft wollte nun, das ich auch was sage. Wir sind doch auch von den Faschisten befreit worden. Und da hätten wir doch auch die sowjetischen Soldaten begrüsst, hätten sie willkommen geheißen und ihnen Brot und Salz als Gruß gereicht. Nun muß man wissen, das Brot und Salz so eine alte Geste aus tausend und einer Nacht ist, islamisches "`Gruess Gott!"' quasi. Wir hätten auch Blumen geworfen und Hände geschüttelt. Nun wurden meine Augen ganz groß. Ich weiß nicht, ob es deshalb war, weil ich mir zuerst vorstellen musste, wie wir da ganz tadschikisiert mit Chalat und Stiefeln den Soldaten das Brot und Salz reichen. Oder ob es wegen diesem Geschichtsding war. Ich habe nun zwar nie was gegen die russischen Soldaten gehabt, das war ja für mich Geschichte von damals. Aber Russischunterricht scheisse und die russischen Soldaten auch scheisse dran, in ihren Uraltkasernen mit Nullausgang. Nun aber so was sagen wie Willkommensgruss, nee soviel trau ich meinen Geschichtsbalken nun auch nicht zu. Die wurden zwar nun schon ordentlich in 14 Jahren DDR belastet, aber biegen und brechen nee danke, da krieg ich ja `ne Gehirnerschütterung von, wenn das geht, so mit Geschichtsbalken im Kopf. Nun bin ich aber auch kein Mediziner. Aber interessant, die Geschichtsbalken von der Wissenschaftsabteilung wollte ich nun jedoch auch nicht wieder biegen. Warum bloß haben wir diesen Balken uns da in der Moderne eingebaut? Die Altvoderen haben sich einfach am Lagerfeuer eine kleine Geschichte erzählt. Die waren zwar nicht wahr aber hatte viel Wahres in sich, und der Hase wusste auch so, wo er lang laufen musste, aber das haben die Grimms nicht verstanden, und auch all die anderen auch nicht: die Herren Volksschullehrer alla Herder und Hegel. Haben uns also diese dings Aufklärer den Schlammassel eingebrockt. Und ich sitze hier am Laptop im Archiv und sinniere über die Altvorderen …. auch schon so ein Volksschullehrer geworden. Kommen nun plötzlich die Mädchen in den Keller, die Aspirantinnen von der Abteilung Wissenschaft. Nach der ausgiebigen Begrüßung fragen sie mich kichernd, ob ich mich nicht für die Kriegsveteranen als Hitler verkleiden wolle, das wäre doch ein Spass. Darüber nun haben wir alle gelacht. Und das gilt hier immer als die beste, weil noch kostenlose Medizin...

Samstag, 28. April 2007

Damenbart

Heute ist Freitag. Banale Feststellung, wenn man nicht gerade im islamischen Tadschikistan in der Stadt Khudjand am Basar wohnt (eine stalinistische Augenweide, das Du denkst, Frankfurter Allee in Berlin ist Bauhaus). Bloß dieser Basar wäre auch nicht jetzt der Basar, wenn in seiner Nähe nicht das Heiligtum der Stadt und die Freitagsmoschee wäre. Und die Freitagsmoschee ist das Symbol für eine islamische Stadt. Darf nicht jeder Ort haben, sind da so gewisse Kriterien, die erfüllt sein müssen. Egal, also Freitag mordswaslos bei uns vorm Haus. Zur gleichen Zeit, wie die Männer Gebetsteppich an Gebetsteppich legen und bis auf die Strasse rauf der Boden sich mit Gebetstüchern bedeckt, bin ich ins Museum. Und endlich Durchbruch. Die Abteilungsleiterin Wissenschaft darf mich im Museumsfond arbeiten lassen, nach nervenzerreissendem Kampf mit der Vizedirektorin, die den Verdacht hat, ich zahle der Abteilungsleiterin Bakschisch. Eigentlich sind da eineinhalb Wochen nicht wirklich viel Wartezeit. Ein Kollege von mir wartete letztens drei Monate auf die Erlaubnis, im Archiv arbeiten zu dürfen. Jetzt also ich ins Museum. Dann habe ich gesehen, was da für ein Durcheinander ist. Also quasi nicht Regal suchen, in dem die Bücher stehen, sondern Kiste suchen, in dem dokumentarisches Papier rumliegt. Nun haben wir eine Kiste gefunden voller Fotos. Die ist nun für die nächsten Tage mein erstes Opfer. Dann kamen zwei Mädchen von Abteilung Wissenschaft nach unten und haben gemeint, sie würden ein paar Kriegsfotos brauchen, da bald die Veteranen des Krieges sich im Museum zum 62. mal treffen, um alte Kriegserinnerungen auszutauschen. Dafür muss man den Saal ein bissel mit Panzerbildern und gefallenen Kameraden schmücken. Und die historischen Girlanden sollten sie in der Kiste finden. Nun war da alles andere als Kriegsfotos. Mehr so Fotos von verdienten Arbeiterinnen der 70er und 80er. Hübsche Mädchen, die Nähgarn auf die Webmaschine stellen. Da haben wir also Fotos geschaut und die zwei netten Mädels laufend gekichert und gequatscht. Ich habe nun nicht alles verstanden und ausserdem bin ich ja den hiesigen Mädels gegenüber immer etwas schüchtern. Habe also versucht nicht hinzuhören. Ging aber nicht, sie haben mich trotzdem manchmal in den Grund ihres Lachens eingeweiht. Aber ihr Lachen, das war so ansteckend, haben wir halt alle zusammen gelacht. Auf einmal wieder Gelächter. Ich frag, was los ist, sagen die Mädels, "`Hier die Soundso, schau mal, die hat einen Damenbart."' Frag ich zurück, ob man so heute nicht mehr so rumgehen würde. Nee, war die vollmundige Antwort, die zupft man sich doch raus! Aha! dachte ich, das ist also Sozialismus, Damenbart. Super, was für eine Metapher! In China spuckten sie vor lauter proletarischen Sitten anno 1994 noch die Zuege voll und haben sich dann in die Aule hinein gelegt (längst Vergangenheit), in der Sowjetunion Damenbart und in der DDR behaarte Beine und Achselhaar. Nicht das ich was gegen Achselhaar habe, oder behaarte Beine. Aber so sind sich im Kapitalismus und Sozialismus doch fremde Aesthätiken entgegengetreten. Kein Wunder, dass man keine von meinen Westtanten mit ein bissel Ostschick verwöhnen konnte. War halt komplett eine andere Aestetik. Nur jetzt im Retrogedöns kann sich die Avantgarde von Berlin Mitte gar nicht genug wund scheuern an der vergangenen Aesthetik. Bevor ich mich hier aber weiter mit den Werturteilen zurückhalten muss, mach ich mal lieber Schluss.

Dienstag, 24. April 2007

Zigeunerkanal

Gestern waren wir in der Nähe von Khodjand. Wir haben da naemlich so einen kleinen Knall, muessen am Wochenende immer raus. Spazieren gehen im Schloßpark Soundso. Nun haben wir diesen kleinen Knall also auch nach Tadschikistan mitgenommen. Und da man diesen Spleen am besten auslebt, wo die Einheimischen meinen, es sei schön, haben wir also gefragt: "`Wo erholt Ihr Euch denn so?"' Da geben die Einheimischen im Ferghanatal eigentlich immer ein Heiligengrab an. Und so sagte unsere Bekannte aus der hiesigen Wissenschaft also, "`Fahrt mal nach Dehmoj!"' Haben wir dann auch gemacht. Nur wussten wir nicht, was dort ist, nur was zum Erholen eben. Hält der Bus an der ersten Station und ich frage eine nette Uzbekin (Im tadschikischen Ferghanatal leben in den Dörfern fast ausschließlich UzbekInnen... Das wär toll das I jetzt klein zu schreiben. Hach! aber ich schweife ab.) Also ich frage die Uzbekin nun: "`Ist das hier das Dehmoj"'. Und sie fragt: "`Soundso oder Krankenhaus?"' Soundso hört sich nichtsagend an, aber Krankenhaus ist gut. Nun muß man wissen, dass in der Sowjetzeit Krankenhäuser in der Pampas immer da hingebaut wurden, wo eine heilige Quelle fließt oder ein Heiliger unter irgendeinem Baum gesessen hat. Und diese Naturdings wirken heute noch Wunder. Das also glauben die Leute hier, und selbst die Kommunisten konnten sich dem Glauben nicht so recht entziehen. War wohl auch sowas wie eine Säkularisierung des Ortes, dachten sie, nicht aber die Einheimischen. Die dachten, seht mal was der Mann-oh-Mann immer noch für eine Bedeutung hat. Bau'n sie ihm auch noch ein Krankenhaus zur Seite. Na jedenfalls wollten wir nicht bei Soundso aussteigen und Krankenhaus haben wir nun auch nicht gesehen, nur saftige grüne Berge. Nun sind wir also raus und stehen an der staubigen Strasse. Zu unserer Rechten ein Schild: "`Nationales Tuberkolosezentrum Tadschikstans"'. Zu unserer linken die staubige Strasse, dahinter Obsthain, aber mehr so privat ohne Wanderweg. Wie wir später erfahren, ist dahinter dann auch gleich Zaun und Grenze zu den Kirgisen. Aber das ist im Ferghanatal normal. Wo Du hinschaust, Grenze. Nicht das die hier so wichtig ist, kann man aber auch schlecht spazieren gehen, am Stacheldrahtzaun. Naja egal, wir steigen also am Nationalen Tuberkulosezentrum aus und fragen ein paar alte Frauen: "`Sagt mal, Wo kann man sich hier wohl erholen."' Sie wissen es auch nicht, wissen eben nur, dass es hier nicht geht, weil Krankenhaus. Naja, dann weitergefragt. Und Gegenfrage: "`Wollt Ihr zur Präsidentendatscha?"' "`Hmm, ja"' sag ich, weil der wird schon wissen, wo man sich hier prächtig erholt. Also kriegen wir raus, dass wir noch zwei Stationen weiter dürfen, und stehen an der staubigen Strasse. Nicht das die schon immer staubig war, jetzt bauen hier aber die Chinesen den Tadschiken eine Strasse hin, das du sagst, meine Herren! Die Chinesen sind ja nun wirklich die Strassenbaumeister hier, haben ja auch das feine Kunststück mit dem Karakorumhighway hingekriegt. Gilgit in Pakistan und Kashgar in China mit einer Strasse verbunden, die an den krassesten 4000ern vorbei geht. Aber egal. Die Chinesen bauen also die Strasse und die ist auf Kilometer hin aufgerissen. Macht man! Aber was soll ich sagen, irgendwann sind wir da eben auch mal angekommen am Erholungsort. War eine Quelle, an der vor 750 Jahren Hastenichtgesehen begraben wurde. Eine ordentliche Legende wusste nun der Heiligengrabvorsteher auch nicht, die haben da sonst immer so ein Konvolut im Kopf, dass Du denkst, der Harzer Sagenschatz ist was für Pränatale.

Also sind wir herumspaziert, ging aber nicht, weil zu klein, und eine ganze Gruppe Türkei-Türken beim Schaschlikmachen. Berlin Tiergarten in transition. Wie wir aber wegfahren, holt uns der Taxifahrer von eben wieder ab und zeigt uns sein Dorf. Lobt seine Gegend, weil sie soviel Wasser hat. Das Dorf durchziehen vier Kanäle mit Rauschewasser. Der oberste davon heisst Zigeunerkanal. Der heisst so, sagte der Taximann, weil die Zigeuner hier immer im Frühling herkamen und ein paar Tage dort campiert haben. Das Wasser gut, die Gegend auch schön, naja, so was von Lebensunterhalt hat er nicht erzählt. Sie seien da bis in die sechziger immer mit ihren Arbas dagestanden. Dass sind die hiesigen Kutschen mit riesigen Rädern wegen der Schlammwege und dem Steckenbleiben. Auf diesen Kutschen hatten sie ihre Zelte und lebten von der Kutsche aus. Mit Ende Sechziger war Schluß. Danach kamen sie nicht mehr, er hat sie in seiner Jugend noch gesehen. Der Zigeunerkanal heisst aber immer noch so. Und das war nun wirklich interessant.

Montag, 23. April 2007

Unterm Halbmond

„Habt Ihr den Mond gesehen?“ fragte ich Ghayrat, Abdusattor und Nasim. Nasim hatte gerade die gute alte Belomor in der Hand. Belomor, musst Du wissen, sind spezielle Zigaretten mit scheußlichem Tabak aber genialem vorgefertigten Filter. Das Innere haust Du weg. Das Äußere gebrauchst Du, wenn Du willst. Bei einer Banane ist es umgekehrt. Nasim hatte also das Ding in der Hand und praeparierte es fuer einen Joint.
„Ja“, sagte Nasim. „Weißt Du was ist, wenn ein Mond so eine rasierscharfe Klinge hat?“ fragte mich Nasim altklug. Ich schwieg. „Dann beginnt fuer uns Muslime ein neuer Monat!“ Tja, mal gut, das ich nicht dazwischen geplappert habe. Weiss ich zwar längst, das mit dem Mondkalender, aber man hat ja nie alles immer parat. Dann baute er gemaechlich weiter und wir schwiegen.

Dieser Dialog nun ging mir durch den Kopf, vorhin. Oh, scheisse, dachte ich. Schon wieder ein Monat, ist egal ob hier Mond oder Sonne. So eine Ansage bringt auf jeden einen auf den Gedanken, doch mal zu resuemieren. Dann hab ich mir gesagt, musst Du eben was schreiben. Die daheim meckern schon: „Jaja, sagt, dass er Blog schreibt und Pumpe is!“ Okay okay, ich geb’s ja zu. Texte gingen mir schon lange durch den Kopf. Aber Frau und Kind, die wollen auch, ach scheisse nur Ausreden. Also an Texten hatte ich lange herumgedoktert. Besonders der mit dem falschen Fuffziger. Den hab ich nun schon seit zwei Wochen in der Birne, schreib ihn aber nicht aus. Egal. Also das mit dem falschen Fuffziger is ja nun so ne Redensart. Aber wie wir so in Taschkent ankommen, merke ich auf ein Mal, dass die Preise geklettert sind. „Kein Wunder“ hören ich Dich schon sagen, „Ham die einfach die Preise behalten und EURO hinter geschrieben.“ Aber Eurochen is ja nicht in Taschkent, sondern sum. Und der ist nun an den Dollar gekoppelt. Quasi, Woll’n sie gerne. Aber egal. Der ist aber gleich geblieben. Also der Kurs. Heisst. Leben wird enger, wenn die Preise steigen aber die Pinke pinke, die man auf die Hand kriegt, nicht mehr das Kleingeld wert ist. Au scheisse, da hab ich mir also die Pointe geklaut. Also, wie wir so Bus fahren und auf dem Markt einkaufen gehen, merke ich: Die ham hier keinen Preis mehr mit irgendwas und fuffzig. Ne, glatte Hundert, Tausend oder so. Denke ich mir. Falscher Fuffziger. Der Hunderter. Oder der Tausender, egal. Wenn se den Fuffziger nicht mehr ehren, dann gute Nacht. Und dann ist mir eben immer wieder aufgefallen, wie viele falsche Fuffziger es sonst noch so auf der Welt gibt. Hatte Tausende davon im Kopf. Aber nun ja, hab sie alle wieder vergessen. Außer einen. Da war doch dieser Boxkampf, Valuev gegen Chagaev. Und Chagaev, der nun ist wieder ein Usbeke. Deswegen war ich schon ganz gespannt drauf, wer denn nun gewinnen wird. Das Vorzeigemonster oder der kleine Haempf. Nicht nur damit ich mitreden kann, sondern auch so. Hat dann eh keinen hier in Usbekistan interessiert. Jaja, waere das Ringen gewesen... Dickes Ding! Nun ist also dicke Zeitverschiebung, drei Stunden, aber egal, Boxen muß sein. Und so habe ich letzte Woche doch wirklich durchgehalten. Habe halb drei in die Glotze geschaut. Das Programm, das was gesendet hat, war nun ein Russisches. Quasi Sportkanal auf Russisch mitten in der Nacht. Und die Bloedmaenner, wieder voll der falsche Fuffziger, blenden doch zwischen jeder Runde ihre Reklame ein. Aber nicht irgendwas, ne: „Hallo, ich bin dein kleines Luder, und habe Lust auf versaute Spiele.“ Und das nun wieder bei den Usbeken, inner Gastfamilie, die schon schlief, hoffentlich. Aber einer war dann doch gut. Schreit eine Dominante: „Russische Soldaten, ruft mich an!“ und dann wieder -- schwenk -- siehst Du russische Soldaten. 17 und 18 Jahre alt nicht mehr, im Buddelkasten in Armeeuniform, die wie auf Bestellung ins Handy eintippen.

Nun gebe ich also diesen Text der Dorothea zu lesen und was sagt sie? „Albernes Spelunkengetue. Kannst doch sonst so schoen intelligent schreiben“ und nimmt sich wieder den Brenner zur Hand. Ertappt denke ich, mache ich doch nur wieder eine billige Kopie. Werde ich also wieder intelligent schreiben. So mit langen Saetzen und so, ueber Land und Leute. Na mal sehen.

Dienstag, 13. Februar 2007

Seitenblicke

Gerade habe ich eine grandiose Mail bekommen, in denen der Briefschluss heisst:

pps: Im Anhang findet ihr ein paar Gründe warum das gute alte Rumänien immernoch einen Seitenblick wert ist!

Und da ich diese Bilder keinem vorenthalten will, voila hier sind sie.

Einklang von Natur und Technik...

Einklang von Natur und Technik

Touristische Highlights....

touristische-Highlights

gastfreundliche Menschen...

gastfreundliche Menschen

Erleben Sie unberührte Natur...

Erleben Sie unberuehrte Natur

Dank an Jens Jensen

Donnerstag, 17. August 2006

Aus Bulgarien

Diese nächsten drei Beiträge habe ich heute unserem lieben Kollegen, der uns ebenfalls nach Shutka begleitete aber dann weiter nach Bulgarien zu Freunden fuhr. Er hat sie mir freundlicher Weise zur Verfügung gestellt.

Das Hostel

[Autor: Jens Jensen]

Stevan traf ich in einer Seitenstraße im alten Varna. Er war gerade mit dem Rad und zwei Kumpels unterwegs. Und weil ich noch keine Bleibe für die Nacht gefunden hatte, fragte ich ihn, ob er nicht eine Idee hätte, wo man für wenig Geld unterkommen könnte. Darauf antwortete er, dass er nur ein kleines Hostel kennt, was er vor ein paar Tagen eröffnet habe. Es sei ganz in der Nähe. Er erzählte wie er die letzten Jahre im Hostel von Plovdiv gearbeitet habe, dass er und seine Freunde immer die nationalen "Hacky-Sacky"' Meisterschaften veranstalten und seine Freundin sogar die nationale Meisterin ist. Mir kam das alles nicht spanisch sondern eher chinesisch vor, da ich keine Ahnung hatte was ''Hacky-Sacky'' sein sollte und der Typ wie 19 aussah... Aber alles was er erzählte stimmte (außer dass das Hostel nicht in der Nähe war;-) Er hatte ein kleines Hostel in einem Hinterhof aufgebaut: Zwei Zimmer, zehn Betten, Internetzugang und die üblichen Verdächtigen. Drei Niederländer, noch drei Iren (darunter das einzige Mädchen), ein Kanadier und ein Australier waren die Insassen. Ich fragte sie, ob sie ''Hostel'' von Tarantino gesehen hätten und deshalb nicht nach Bratislava gefahren seien... Aber nein, Bulgarien ist als Reiseland schon lange etabliert. Besonders die Schwarzmeerküste mit ihren bekannten Seebädern und Hotelburgen ist voll von Pauschaltouristen. Die Rucksacktouristen hingegen landen bei so Leuten wie Stevan, die ihr eigenes kleines Geschäft eröffnet haben...

Die Kirche und der Markt

Stevan warnte mich auch nachts nicht durch den Park um die Kirche des heiligen Kyrill und Methodius, dem Sitz des Metropoliten zu gehen. Tagsüber finden dort Prozessionen und öffentliche Veranstaltungen statt.
Kirche-des-heiligen-Kyrill-
Aber es ist wie die andere Seite der Medaille. Am Abend etwa ab 11, könne man dort nur noch Prostituierte und Verbrecher finden.

Kirche und Park sind im Zentrum von Varna, gegenüber ist ein Gemüse- und Souvenirmarkt und die Polizeipräfektur ist auch nicht weit... Das nützt aber nichts. Denn am Nachmittag, nachdem meine Begleiterin und ich uns dort ein Kilo Weintrauben verinnerlicht hatten, wurde ihr von einem Zigeunermädchen das Handy geklaut. Ich war schon ein paar Meter weiter gegangen und schwatzte mit einer Gemüseverkäuferin, die mich in perfektem Englisch eindringlich warnte, auf mein Geld aufzupassen. Ich lachte nur und im selben Moment war es schon geschehen. Ich versuchte mit meinen „glänzenden“ Romanikenntnissen noch bei einer zigeunerischen Händlerin etwas über die Diebe zu erfahren und sagte, dass wir das Handy zurück kaufen wollen. Sie bekundete aber nur ihr Mitleid und wollte mir dann doch lieber neue Schuhe verkaufen ... Liegt das vielleicht an meinen sechs Jahre alten Teva-Sandalen???

Solche Ereignisse nähren das schlechte Image der Zigeuner und bemerkenswert ist, dass selbst „tolerante“ westliche Besucher und Touristen abfällig bis rassistisch über Zigeuner sprechen, wenn sie selbst es sind, denen etwas gestohlen wird. Diese Erfahrung habe ich selbst mit Menschen gemacht, die in einer Hilfsorganisation arbeiten. Einen Kommentar, der dieses Gefühl in Worte fasst, konnte ich auch aus dem Munde meiner Begleiterin hören: „Was ist das für ein Volk, wo schon die Kinder zum Stehlen erzogen werden?“

Ich konnte diesen Vorwurf auch nicht vollständig entkräften, obwohl ich beklagte, dass das eine grobe Verallgemeinerung sei und gerade den hier wohnenden Zigeunern scheinbar wenig legale Einkommensquellen zur Verfügung stehen. Der Fakt aber bleibt, denn es war kein Einzelfall. Als wir ein bis zwei Stunden später zum Markt zurückkamen und ich noch mal mit der englischsprachigen Gemüsehändlerin sprach, berichtete sie, dass die gleiche Gruppe zurückkam und noch einmal einen Touristen bestohlen hatte.

Shutka

Ich weiß nicht viel über die Situation der verschiedenen Zigeunergruppen in Bulgarien, aber die Verhältnisse erinnern mich an Rumänien, wo ebenso ein sehr angespanntes Verhältnis zwischen Zigeunern und Mehrheitsbevölkerung besteht. Im Vergleich dazu ist dieses Verhältnis in Makedonien, in Shutka, wo ich vorher eine Woche zu Besuch war, fast konfliktfrei.

Triumphwagen-in-Shutka

Die meisten Roma haben im ehemaligen Jugoslawien Berufe erlernt und viele verdienen heute ihr Geld als Gastarbeiter in Deutschland, Frankreich, Belgien oder Italien.

Ein makedonischer Taxifahrer, den ich nach seiner Meinung über Zigeuner fragte, sagte nur „veseli narod“, ein lustiges Völkchen.

Das lustige Zigeunerleben

Am Abend saß ich wieder in einer Kneipe mit Life-Musik. Ich brauche nicht mehr zu erwähnen, dass die Musiker Zigeuner waren... ;-) Es gab vier Sänger, die sich abwechselten, so etwas wie einen kleinen Wettstreit lieferten und was mich wunderte war, dass ich die meisten Roma-Hits schon aus Rumänien, Serbien oder Albanien kannte. Ohne sagen zu können, in welchem Land der Ursprung dieser internationalen Hits liegt, kann man festhalten, dass die Zigeunermusiker sehr gut wissen, was in den anderen Ländern des Balkans „in“ ist und viele Lieder einfach nur übersetzen und in ihrem eigenen Stil interpretieren.

Musiker-in-Varna

Während das Musizieren ganz und gar dem lustigen Zigeunerleben zu entsprechen scheint, entspricht ein anderes traditionelles Gewerbe dem schon weniger: Denn statt einen großen Bogen um den anfangs erwähnten Park an der Kirche des heiligen Kyrill und Methodius zu machen, ging ich nur am Rand vorbei. Trotzdem hatte ich schon nach wenigen Schritten eine, zwei, viele zigeunerische Prostituierte um mich, die mich am liebsten in die Büsche geschleift hätten... Am Anfang versuchte ich noch irgendwas auf Romani, Rumänisch oder Deutsch (die eine hatte in Deutschland gearbeitet) zu sprechen, als es aber immer mehr wurden und sie mir immer weiter an die Wäsche gingen, musste ich schließlich die Flucht ergreifen ... In Rumänien hatte ich kaum gehört, dass sich Zigeunerinnen prostituieren, aber in Bulgarien scheint das sehr verbreitet zu sein. Beim Trampen wurden wir einmal von einem 51jährigen Mann mitgenommen, der Geschäftsführer einer großen Firma war. Er selbst war gerade von seiner 19jährigen Freundin verlassen worden war, nachdem sie drei Jahre mit ihm zusammen gelebt hatte, aber darum geht es eigentlich nicht, sondern darum, dass er erzählte, dass man schon für 1 Euro mit einem zigeunerischen Mädchen schlafen kann. Die Info stammte natürlich nicht von ihm, sondern von einem seiner Fahrer, was ich ihm in diesem Fall auch glaube, da für ihn Geld keine Rolle zu spielen schien.

Montag, 7. August 2006

Rueckblick

Da das Keyboard im Internetcafe so schlecht ist, sind hier Gross und Kleinbuchstaben eher willkuerlich gesetzt.)

Gestern Nacht fuhr ich zum Bahnhof in Skopje, ein wenig uebereilt aber doch in Sorge, den Zug nicht mehr ganz puenktlich zu erreichen. Als ich ankam, wurden 1,5h Verspaetung angezeigt. Das hatte zur Folge, dass ich meine vier letzten Zigaretten auf dem bahnsteig aufrauchte und ( da in Mazedon. Dinar voellig abgebrannt) den Rest der Nacht in meinem "Privatraucherabteil" ohne nikotinrausch verbringen musste. So rauschte also nur der Zug durch die nacht und kam mit einer Heidenverpaetung in Belgrad an. Ich hatte bisher ja noch nicht die Moeglichkeit hier mir was anzuschauen, das habe ich gerade zwar gemacht aber das auf meinem Rundgang Gesehene, ein ausgebombtes Haus, mehrere Einschuesse an Haeuserwaenden und dazu noch ein Krankenhaus, zwingt mich zu einem Rueckblick. nicht etwa zum Jugoslawischen Krieg und dem nunmehr fast voellig verschwundenen Jugoslavien, sondern nach Skopje nach Shutka in die Zigeuner-, Cowboy- und Partystadt und den Ort der krassen Gegensaetze. (Apropos da gibt es einen witz aus Kroatien: Mann liest die Ueberschrift "Serbien wie ein nokia handy." Darunter sieht man die Entwicklung der Handies von kleinen Handtaschenformaten in den fruehen 90ern bis zu den kleinen Seifenformat der Klapphandies heute)


Was habe ich mitgenommen aus dem Feld, ausser oeberflaechlichen Eindruecken, reizenden Augenblicken, lockerer Stimmung usw. (selbst das Fragzeichen funktioniert hier nicht)

Es sind vor allem die Begegnungen mit vier Maennern, mit vier gelehrten, die immer unaufgefordert und aus sich heraus auf vor allem zwei Themen zu sprchen kamen: die geschichte der Roma und die Sprache der Roma. Die Geschichte der Roma habe ich von den vier in vier verschiedenen und reizenden Varianten gehoert, erstens der Auszug aus Indien, zweitens Roma als Urbevoelkerung des balkans, drittens Roma als Volk Gottes mit der Herkunft aus dem biblischen Land (Jerusalem "alem" auf Romanes fuer gekommen, "jer" auf Romanes fuer Erde also "hier auf die Erde gekommen". ) und viertens Roma als gute Muslime, Einwohner Islamischer Laender, die nichts mit Indien usw. gemein haben.

So unterscheidlich die Herunftsvorstellungen in der Gelehrtenschaft der Roma ist, so untesrchiedlich ist die Sprache und der blick auf die Sprache. Kein Ding bewegt ihr Gemuet so stark wie das Bestreben danach, eine Sprache irgendwann zu sprechen. Die Realitaet in Shutka allein sollte aber zu denken geben: sieben Dialekte in einem Stadtteil einer Stadt, alle so verschiedenen wie Daenisch mit Deutsch. Dazu kommt, dass die Roma bulgariens, Ungarns, Slowakiens und Polens nocheinmal ganz anders sprechen. Eine Literatursprache ist ihr traum, doch die Eingebungen des traumes kommen aus den verschiedensten Richtungen: einmal sind es die Engel Gottes, einmal der demokratische traum der Voelkersverstaendigung, einmal der spaete Traum einer Nation ohne Land. Interessant ist jedoch das keiner der Gluecksritter, der Haendler und Arbeitsmigraten diesen traum mittraeumen. Mammons Gesandte sind multitalentiert und ihre Kommunikation verfolgt einen nachvollziehbaren Zweck, Warentausch, Gelderwerb usw. Die Kommunikation der Gelehrten steht neben diesem Zweck wie eine Schwaemerei dar. Da die Gelehrten aber geschwaetzig sind, wird ihre Schwaemerei sicher Folgen haben, irgendwann...

Sonntag, 6. August 2006

Pikante Themen: Asyl

Nun ist der letzte Tag meiner Erkundungsfahrt in die Welt der Zigeuner angebrochen und ich fahre mit dem Zug nach Hause. Ich kann nach Hause fahren, mein Pass laesst mich jedewede Grenze Suedosteuropas problemlos passieren.

Die Roma in Skopje jedoch haben diese Moeglichkeit nicht. Ihr mazedonischer Pass ermoeglicht ihnen alle Fahrten bis an die Aussengrenze der grossen Barriere, die gezeichnet vom Schengener Abkommen, die Leute in Eu Innlaender und EU Anwaerter trennt. Und doch sprechen die meisten Leute hier in Shutka ein sehr passables Deutsch. Das Zigeuner begnadete Sprachkenner sind, dass konnte ich in den letzten Tagen wiederholt erleben. Gestern traf ich mich mit dem Liederschreiber und Sprachgelehrten Muso, dessen Kunst des Liederschreibens hoch geschaetzt, dessen wissenschaftlichen Fantasien jedoch unerkannt in einer Riesenkiste ihre Zeit abwarten. Ich habe noch nie jemanden getroffen, der so phantasievoll Bedeutungen von Woertern erklaeren kann. Aber ich schweife ab. Also Zigeuner sind Sprachenkenner, mehrsprachig, kennen nicht selten in Skopje Mazedonisch, Albanisch, Romanes, Deutsch und/oder Italienisch, Franzoesisch. Sprachen erlernen sie nicht durch die Buecher (ausser Mazedonisch in der Schule), sondern durch Sprachkontakte.

Sprachkontakte mit dem Deutschen ermoeglichte ihnen das deutsche Asylgesetz. Als in Mazedonien, in Serbien im Kosovo die Balkankriege, Scharmuetzel und Konflikte losgingen, schafften es viele nach Deutschland. Aufgrund des sehr liberalen Umgangs mit der Asylproblematik in NRW sind viele von ihnen in Duesseldorf heimisch geworden. Eine demo vieler tausend Roma 1998 verschaffte ihnen ein Bleiberecht, wenn sie nicht mit dem Gesetz in Konflikt kommen wuerden. Die meisten von ihnen hielten sich dran und duerfen seitdem in NRW bleiben. Duesseldorf gilt hier als Shutka II. Asyl ist im Zusammehang mit den Konflikten auf dem Balkan ein schwieriges Thema. Da werden Kosovo Roma wieder zurueckgefuehrt, die dann aber sofort wieder das Land verlassen muessen, weil die Albaner sie dazu zwingen. In Mazedonien jedoch waren die Konflikte um einiges geringer. Hier gehen und gingen die Roma in einem multiethnischen Gebilde als integrierte Haendler, Gewerbetreibende, Transportarbeiter usw. auf. Viele von ihnen konnten jedoch in Deutschland als Gewerbetreibende u.a. bleiben.

Das geniessen von Asyl, dass Einrichten einer Existenz in einem Teil Westeuropas schafft oft innerfamilliaere Spannungen. Da kommen die Gluecksritter aus dem Ausland mit dicken Geldbeuteln, muehsam angespartem nach Shutka und werden konfrontiert mit den Daheimgebliebenen. Da die Roma nicht gerne Auslandsroma heiraten, sondern lieber Famillienangehoerige oder Gruppenmitglieder ihrer Dialektgruppen aus Shutka heiraten, wird vielen Maedchen und Jungen die Moeglichkeit gegeben, durch Heirat ins Ausland zu kommen. Jetzt wird von der deutschen Regierung offiziellen eine Gefaehrdung von Roma Gruppen in Serbien, Mazedonien negiert. Die Rueckfuehrungen haben laengst stattgefunden. daruch mussten einige der der Asylanten wieder nach Mazedonien zurueckkehren.

Nun haben viele Roma nur noch durch Heirat die Moeglichkeit in den Laendern, die mehr wirtschaftlichen Reichtum versprechen, ihr Glueck zu versuchen.

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Impressum

Olim ist ein arabischer Vorname, der sich aus der Silbe ilm ableitet und soviel heißt wie der Wissende oder Wissenschaftler. Ich habe den Namen 1994 in Buchara verliehen bekommen und ein Jahr später angefangen, Mittelasienwissenschaften zu studieren. Das tue ich heute immer noch im fortgesetzten Stadium. Derzeit arbeite ich am SFB 640 "Repräsentationen sozialer Ordnungen im Wandel".

devona

devona ist ein Anhängsel an einen Namen, der soviel bedeutet wie "der Verrückte". Doch bedeutet Verrückt im sufischen islamischen Kontext mehr "der zu Gott entrückte". Denn der Narr gibt seinen Verstand an Gott ab, Gott aber schenkt ihm dadurch die Nähe zum Paradies. Da er seinen Verstand abgegeben hat, darf der nicht wie andere verständige Mitmenschen behandelt werden. Er liegt ausserhalb der weltlichen Gerichtsbarkeit. Er kann aufgrund seines Statuses sogar Gott tadeln oder mit ihm hadern. Er besitzt also Narrenfreiheit. Als mich ein Blogger dazu anhielt, einen eigenen Webblog einzurichten, anstatt den Leuten ungefragt ständig Reisemails zu senden, fing ich an dieses Blog zu schreiben. Damals muß ich verrückt gewesen sein, denn bloggen ist sowas von scheisse zeitaufwendig. Man ist ja quasi -zig Ressorts in einem: a) Ideenfindung, b) Recherche, c) Bildredaktion, d) Lektorat, e) Layout, d) Leserbriefe, e) Kritik. F) wie Service, G) Literatur, H) Musik und I) wie "Religion und Gesellschaft" schlafen eh seit Monaten den Dornröschenschlaf.

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