Reisenotizen

Montag, 24. September 2012

Fischer und deren Frauen

Das Delta ist voller mobiler Gruppen. Die einen nutzen das Wasser, die anderen den Wald, wieder andere die Bewohner als Ressourcen ihrer Lebenssicherung. Diejenigen, die das Wasser nutzen haben gerade Hochsaison, in der Regenzeit und in der sich der Regenzeit anschließenden Jahreszeit des zweiten Frühlings, in dem die zweite Ernte der Bauern eingefahren wird, ernten auch die Fischer reichlich. Einige Fischerfamilien leben am Rande des Ufers und sind seßhaft. Sie sind in Schaaren in der Nacht auf den Fluesssen und lenken die Boote mit ihren Taschenlampen von ihren Netzen weg. Sie sind auch in sehr unruhigen Wasser unterwegs, da an vielen Stellen, wo die einzelnen grossen Arme des Drei Fluss Deltas aufeinandertreffen Wellen in die Hoehe schlagen, Strudel sich bilden, je nach Tages und Nachtzeit. Am ruhigsten ist es in Zeiten der Flut, wenn das Wasser vom Meer aus eindringt und in das Delta und seine Kanäle fließt.

Boira

Es gibt neben den Seßhaften auch mobile Fischergruppen, die sich boira nennen. Diese leben auf der Basis einer Familie, häufig ein Familie mit ihren Söhnen und deren angeheirateten Frauen oder eine Familie mit ihren Töchtern und deren angeheirateten Maennern zusammen und fischen mit mehreren Booten von einem Punkt aus, an dem ihr Haus steht. Ist jedoch gerade eine Flut im Territorum, hat ein Zyklon die festen Behausungen zerstoert, ist fuer die boira, im Gegensatz zu den anderen nichtmobilen Fischern das Leben auf den Booten überlebenswichtig. Sie suchen sich dann an anderen Stellen des Deltas ihre neuen Siedlungsräume und fangen eine neue Existenz an.

Boira1

Obwohl die Fischer eigentlich ein Familenleben ohne weiteren Gruppenzusammenhalt führen (bei ihnen gibt es nur selten die Institution des Gruppenführer chowdur) heiraten sie vor allem unter den Mitgliedern ihrer erweiterten Familien. Dies siedeln in Reichweite zueinander und besuchen sich, wenn es noetig ist, Absprachen bezüglich ihrer Kinder zu treffen. Ihre Profession als Fischer kennt keine Alternativen. Sie leben ein Leben auf dem Wasser.

Dienstag, 18. September 2012

Diese Amerikaner

Heute hatten wir vor, die Stadt Jhalokathi in Richtung einer anderen kleinen Stadt zu verlassen. Wir wollten es auch ohne unseren Gewaehrsmann vor Ort tun, da dieser das letzte Mal so einen Schiss in der fremden Stadt hatte, die war naemlich nicht sein Territorium. Nun fuhren wir also in einer E-Rikscha, die die Chinesen fuer den asiatischen Markt gebaut haben in Nolchitti und wollten gerade mit der Faehre ueber den Fluss uebersetzen, als uns ein Telefonanruf aus Jhalokathi erreichte: Bleibt wo ihr seid, ich komme Euch holen, es gibt Probleme, die wollen dasss ihr auf der Stelle zurueckkehrt. Wir munkelten Streik? Ist irgendwo ein Streik ausgebrochen? Ist es etwa dieses verdammte Mohammedvideo, das nun auch den Volkszorn hier erreichte? Nun, es dauerte keine 15 Minuten und unser Freund kam auf dem Motorrad aus Jhalokathi angebraust. Die Polizei haette uns den Ort verlassen sehen und meinte, wir seien nicht sicher da draussen, wegen dem Mohammedvideo. Die Leute koennten doch denken ich sei Amerikaner! Nun in Jhalokathi wissen sie alle, dass ich eine Deutscher bin, der aus der Uni kommt und Geschichten sammelt. Da sind wir also sicher, da draussen sei das umgekehrt. Es ist natuerlich alles grosser Unsinn. Die Bengalen sind religioes so tolerant, dass hier seit Jahrzehnten nichts von Religionskaaempfen zu hoeren ist, Shiiten, Sunniten, Hindus, Jainas, Buddhisten, Christen, alle sind sie Bengalen oder Bangladeshis und tun sich nichts gegenseitig zu leide. Ganz im Gegenteil, die Legenden um den lokalen Helden hier, Gadschi Kalu, sind so voller Hinduistischer Einfluesse, dass man manchmal nicht weiss, ist das nun eine islamisierte Hindulegende oder eine hinduisierte muslimische Legende. Hier ist also Religionsfrieden. Nur die Polizei schaut zuviel fern. So ist das mit der Globalisierung, da kann man nicht mal in den Nachbarort fahren und den Vater eines Freundes in Dhaka besuchen….

Vom lauten und leisen Lesen

In der Huette vor unserer Wohnung hier in Jhalokati lebt eine Familie mit ihren vier Kindern. Die Grosse hat das Schulalter durchsstanden und geht jetzt auf das College. Um fuer das College zu lernen, sitzt sie am Nachmittag und Abend am Tisch am Eingang ihrer Huette und liest laut in ihren Buechern. Wir sind hier schon oft vorbei gegangen und Shimul mein Freund und Begleiter fragte mich gestern abend, was ich den denken wuerde, was besser sei: Das Laute oder das Leise Lesen? Hmm, meinte ich, ich lese laut nur meine eigenen Texte, weil man sonst nicht merkt was man da eigentlich geschrieben hat. Das Gehirn denkt sich doch beim leisen Lesen alle moeglichen fehlenden Teile selbst dazu, ohne das man es merkt. Und das Laute lesen, das sei doch auch ganz gut dazu, sich Dinge zu merken, also zu memorisieren. Aha, meinte Shimul, bei ihnen sei das ganz anders gewesen. Sein Vater hat ihn immer dazu angehalten laut zu lesen, damit der Vater auch merkt, dass der gute Sohn nicht nur ins Buch starrt, sondern auch wirklich liest. Deshalb musste auch er immer laut gelesen. Hmm meinte ich, vielleicht liest dann das Maedchen in der Huette auch deshalb laut, weil es sonst immer wieder gestoerrt werden wuerde von ihren Geschwistern, die denken, ach die Grosse, die starrt ja nur in dieses bloede Buch, vielleicht spielt sie ja mit mir…

So ist das also ganz verschieden mit dem lauten und dem leisen Lesen. Auf Deutschland und die familiaere Situation im Land der Kinderzimmer ist das wohl nicht zu uebertragen. Da merken wir als Eltern naemlich nie, ob die Kinder lesen. Nur wenn die Deutschzensur eine vier ist, merken wir, dass sie es mal wieder nicht getan haben….

Mittwoch, 12. September 2012

Jalokathi

Der Anblick von Jalokathi ist atemberaubend. Tropische Pflanzen, Singvoegel, das Alltagsleben einer KLeinstadt inmitten von Gruen, Kanaelen, Gruen, Feldern, Gruen, Fluessen, grau und manchmal braun. Das was bei einer Tropenpflanzen liebenden Gaertnerin liebevoll gehuetet bei uns im Topf steht, steht hier 5 mal groesser an jedem Strassenrand. Die Kleinstadt hat ihren Basar, der einen Morgens und einen Abendbetrieb kennt, wunderschoen am Tag und am Abend voll mit tropischen Fruechten und Gemuese, Fisch, Garnelen und Backwerk. Dazwischen Kinder auf dem Weg zur Schule und von der Schule, in einem Hindutempel spielt Musik, glaeubige Muslime gehen zur Moschee und das Hupen der Autos und Mopeds heisst hier nicht nur, “lasst mich mal durch”, sondern auch “ schaut hier kommt Shah Alam!”, oder Muhammad Reaz, oder wie sie alle heissen. Den Schneider kennt man beim Namen, er ist der Onkel vom besten Schulfreund. Und inmitten dieser beschaulichen und doch facettenreichen Naehe der Menschen zueinander sind einige Zigeunergruppen unterwegs. Was fuer ein Anblick, ihre Zelte aus Plastik gebaut machen den Eindruck einer armen Behausung, indrinnen ist es trocken, clever eingerichtet. Die Zeltplane faengt das Regenwasser auf und die Haende waescht man sich im kleinen Tuempel der sich in der Regenzeit unweigerlich an allen Ecken des Zeltes bildet.

Die Gruppe von Abdu Baba ist schon seit zehn Tagen hier. Ihre Frauen gehen von Haus zu aus und bieten Heilmittel und Heilung an, die Maenner verrdingen sich als Finder verlorener Sachen in Brunnen und Tuempeln, als Schlangenbeschwoerer in der Innenstadt und verkaufen nach einem Schauspiel ihrer Schlangen und Floeten Amulette gegen den Schlangenbiss. Sie haben ihre Boote seit 7 Jahren aufgegeben. Die Boote zu erhalten ist so teuer, wie mittlerweile ein Stueck Land zu kaufen. Also haben sie ihr Boote verkauft, sind seitdem mit Zelt unterrwegs, waehrend an den Orten, an denen sie jetzt Land besitzen die Alten mit den Jungen und Maedchen bleiben, die jetzt zur Schule gehen. Die anderen, die ganz Kleinen und die Grossen ziehen in den Sommermonaten umher, machen ihre Sachen, die sie so gelernt haben und sind zufrieden. Verglichen mit damals in den Booten sei das alles Ganz ok. Es gaebe jetzt Schulen und Krankenhaueser, damals gab es nur ihre Boote und die Dorfbewohner, die sie besuchten, jetzt sind die Moeglichkeiten groesser. Bildung ist immer wieder das Zauberwort, dass hier alle dazu bringt, ihr Leben danach auszurichten. Da sind sich die Zigeuner mit dem Rest der Bevoelkerung einig.

Montag, 10. September 2012

Nach Barisal

Nun bin ich seit drei Tagen in Dhaka und werde die Stadt schon wieder in wenigen Stunden in Richtung Sueden verlassen. Ich fahre ins Delta hinein nach Barisal genauer Jhalokathi, ein paar Kilometer weiter den Fluss hinab. Ich habe in den letzten Tagen so viel gehoert und gesehen, viel mit den Leuten ueber das Wasser, das Delta oder ueber den indischen Nachbarn geredet, der mit seinen Staudaemmen alles Wasser zurueckhaelt in der Fruehjahrsaison und alles uberfluessige Wasser in den Sueden im Sommer spuelt, wenn es keiner braucht.. All das sind Geschichten, die doch sehr an das Amudarja Delta erinnern. Bisher habe ich die Geschichten nur aus zweiter Hand gehoert, nun bin ich auf dem Weg, sie selber aufzunehmen.

Ich habe einen Traum. Eine Ausstellung ueber das Delta zu machen, in der Mitte ein Boot, an den Waenden all die Dinge die sich mit einem Boot im Delta verbinden:

# Die Leute auf den Sandbaenken, den Char, die hierauf angewiesen sind, um auf den Markt zu fahren, in die Schule zu gehen, in das Krankenhaus.

# Die Flusszigeuner, Bede, die es kaum mehr nutzen koennen, weil fuer Fahrten quer durch das Delta die Wasserstaende zu niedrig werden, die Weltbank ein Netz aus Schleusen hat bauen lassen, damit das Wasser besser reguliert werden kann.

# Die Fischer im Delta, an der Kueste, die hier sich auf die Fluten einstellen muessen, die Cyklonschutzhaeuser aufsuchen mit ihren Booten.

# Die Raeuber und Piraten, die es hier zu Hauf gibt, die auf Booten die verstreut siedelnden Bauern besuchen, Shcutzgeld erpressen, terrorisieren und mitschleppen, was nicht Niet und Nagelfest ist

Dazu auch ein wenig Gesammeltes> vielleicht eine Bede Apotheke, vielleicht ein paar Schaufeln, die sie benutzen um verlorene Gegenstaende aus dem Uferbereich zu bergen, vielleicht ein paar Boxen fuer Schlangen, die die Sapuria Zigeuner hier benutzen, um Schlangen zu halten...

Dhaka

Am Anfang war Dhaka für mich nur die radikale Fremde. Kaum etwas woran ich mich festhalten konnte, keine Strassenecken, die einem das Gefuehl gaben, sich orientieren zu koennen. Ich hatte keine Ahnung, wie ich mich hier fortbewegen sollte... Nach einem einfachen Spaziergang im Viertel überprüfte ich immer gleich die zurueckgelegte Route. Wieviel Mal bin ich jetzt rechts, wie viel mal links gegangen? Wie heisst die Strasse aus der ich komme? Strasse Nummer 7, obwohl hier gerade 9 und da 11 ist, ist dahinten etwa die 7 gewesen?

Heute, nach zwei Tagen Gehversuchen habe ich die groessten Huerden absolviert. Ich kann mittlerweile Busnummern auf dem Bussen erkennen (wer schonmal bengalische Zahlen gesehen hat, weiss, dass dies nicht ganz einfach ist), Ich weiss nun wie lange eine Rikschafahrt sein sollte, ohne das man sich spaeter ueber den Preis aergert und ich kenne auch die groesseren Orientierungspunkte Newmarket, Shahbag, Sahmoli, Muhammadpur. So kann ich inzwischen manche Punkte im Koordinatensystem der Megastadt Dhaka orten.WOW! Ich haette nie gedacht, dads so einmal eine Reise beginnen kann. Aber so kann ich mich auch damit troesten, mal eine Ahnung von der radikalen Fremde bekommen zu haben.

Ich habe hier ein paar Freunde lieb gewonnen, die mir unendlich geduldig die Gegenwart Bangladeshs erklären. Ich würde sie nicht Patrioten nennen (obwohl das fuer sie in ihren Augen das Beste Kompliment ist, das man gegenwärtig Politikern machen kann – solche soll es naemlich kaum geben) aber sie reden anders über ihr Land, als ich das von Leuten, die von Bangladesh reden, gewöhnt bin. Die krassen Arm Reich Gegensätze in einer Stadt, in der jeder Stadtteil mehr Einwohner hat als Berlin ingesamt, sind für sie kein Manko, sondern Herausforderung. Viele tausend einheimische NGOs bauen an einer etwas besseren Gegenwart herum und selbst Nobelpreistraeger und ihre Familie, wie der Begründer der Grameen Bank, Dr. Junus, sind keine Luftgestalten, sondern haben schon das eine oder andere Projekt von meinen Freunden persoenlich betreut. Das soll nicht heissen, sie waeren irgendeine krasse Geldelite. Es bedeutet aber wohl, dass die Leute hier naeher zusammenstehen und auch schon mal der Innenminister bei einer NGO Veranstaltung vorbeischaut.

Diese Freunde habe mir immer wieder die Zusammenhaenge zwischen Geschichte, Armut, Politik, Oekosystem und den Menschen mittendrin auseinandergenommen. Ich hatte beispielsweise auf einem “Stadtspaziergang”, den kann man in Dhaka wirklich nur in Anfuehrungszeichen setzen, ein Armenviertel entdeckt, dessen Anblick mich echt schaudern lies. Wellblech war hier ein Luxusgegenstand, es gab keine Wege, sondern nur verkrustete Erde, die sofort aufweicht, wenn die ersten Regentropfen sie treffen, in den Haeusern, die eher offene Unterstaende waren, gab es kaum Fussboeden usw.. Nun es waren die Viertel der Biharis einer Muslimischen Ethnie aus dem Norden, die im Unabhaengigkeitkrieg von 1970/71 auf Seiten Pakistans standen. Diese wollen seit langem nach Pakistan auswandern. Der Pakistanische Staat will sie aber nicht haben und die Bangladeshis wollen sie auch nicht mehr. So sind diese Menschen nach 40 Jahren immer noch die Traeger einer diffusen kollektiven Schuld, die auf viele Biharis trifft, die jemals das Licht Bangladeshs erblickt haben. Andere Armenviertel widmen sich dem Müllsammeln und der Muelltrennung. Sie sind oft Flutopfer aus den Bengalischen Sueden, dem Deltaland. Klimafluechtlinge werden sie gerne in unseren Medien genannt. Das darunter aber vor allem Frauen und Kinder zu finden sind, die von den Maennern verstossen wurden, oder bei denen die Maenner bei Fluten ums Leben gekommen sind, erleichtert zwar nicht da Los dieser Menschen, macht das gesamte Armutsbild aber um so komplexer, denn viele Familien, die als Familien die Fluten ueberstehen, wandern im Land einfach auf andere Flaechen ab, die sich nach den Fluten immer wieder von neuem bilden, die so genannten Char Länder, Sandbänken im Delta. Das Delta kann seit Jahrhunderten von vielfaeltigen Formen von Mobilitaet erzaehlen.

Die Erfolgsgeschichten aus der Stadt Dhaka, in der man schnell Arbeit als Rikschafahrer finden und hier am Tag so um die 200 Thaka machen kann, etwa 2,5 Dollar, locken immer wieder Menschen
vom Land hierher. Im Jahr 2050 sollen hier, wenn die Statistiken so weitergehen wie bisher, etwa 240 Millionen Menschen leben. Das waere eine Stadt unvorstellbaren Ausmaßes.

Ich allerdings werde nun aufs Land fahren, nach Barisal, um Gruppen zu suchen, die ebendiese Mobilitaet im Delta als alltaegliche Lebensform kennen, die Bede, Flusszigeuner, wie sie genannt werden. Viele von ihnen sind jedoch mittlerweile Zeltzigeuner, weil auch im Brahmaputra- / Jamuna- / Merghnadelta die Kanaele trocken fallen, und aufgrund der von der Weltbank gebauten Schleusen, die Flusszigeuner vielerorts nicht mehr mit ihren Booten passieren koennen.

Donnerstag, 1. September 2011

Berat

An das Flussknie des Flusses Osumi schmiegen sich Häuser um Häuser, Menschen an Menschen, geordnet nach Konfessionen. Auf der Zitadelle sind die alten Christen stolz auf ihre 42 Kirchen, fast alle davon verfallen, wenige notdürftig aufgebaut. Am Fusses des Berges wohnen die Muslime, Haus an Haus, kleine Hoefe, Topfgärten vor den Häusern. Wein, Feigen, Oel vom Oelbaum und Honig verkaufen manche am Hofeingang. Gegenüber, den Fluss rüber, wohnen die Christen, byzantinisch orthodox, katholisch, griechisch, mit ihren Kirchen zwischen den Häusern.

Die Häuser traditionell in zwei Stockwerken, unten lagern Lebensmittel und Hausrat, auf den beiden Etagen drüber wohnen die Menschen. Wein und Raki überall. Was sie alle verbindet ist der Fluss, der Bazar, und der über allem trohnende Berg Baba Tumor. Auf dem Bazar oder des Abends auf dem Korso kommen sie alle zusammen. Eigene wie Fremde, angezogen durch eine uralte Geschichte, die Kraft des Berges, das Wasser des Flusses. Eine fruchtbares Tal am Fusse des Berges Baba Tumor. Bis in die Hoehenlagen, auf unglaublich vielen Terrassen, Wein, Oliven, Mais und Getreide. Säen und Ernten in Handarbeit. Ein Traktor kommt da nicht mehr hinauf.

Bei der Vielzahl der Konfessionen, Moscheen, Kirchen, Kathedralen und Basiliken, ist es kaum verwunderlich, dass unter solchen Umständen der Sufismus blüht. Unten in Berat eine Hevletiye Teqe, eine zweite Rufaya Teqe, und oben auf dem Berg die Bektashi, denen es egal ist, welcher Religion Du angehoerst, für die jeder Suchende ein Geliebter vor Gott ist.

Soviele Konfessionen und dazu ein Bergkult, dem sie alle erliegen. Ob Christen oder Muslime, Atheisten oder die nach der Vielheit suchenden Bektashi, alle kommen sie einmal im Jahr an den Berg, campieren hier für eine Nacht, um die Kraft des Berges zu beschwören und einmal an seinen Hängen zu ruhen.

Die Leute schlachten hier ein Schaf, opfern es und erhoffen sich dadurch die Erfüllung ihrer Wünsche. Die einen, oft auch Kinder, träumen von der allgemein heilen Welt. Die anderen haben spezielle Wünsche, eine Arbeitsstelle, Gesundheit für die Kinder, ewiges Eheglück mit seinem neuen Partner. Sie bringen Anziehsachen von den Kindern auf den Gipfel, legen sie auf das Grab Ali Abbas, stellen Fotos von sich und dem Geliebten dazu, bringen Porzellanfiguren zweier Tauben als Zeichen ewiger Verbundenheit und erhoffen sich im Anzünden von Kerzen die Erfüllung ihrer Träume.

Die Ernsthaftgkeit des Anliegens und die Kraft des Berges vereinigen sich nur in einer Nacht. Man verbringt sie im Schatten der Bäume, das geschlachtete Schaf bis in die tiefe Nacht verspeisend oder man begibt sich in die seit Wochen schon für die Pilgerwoche aufgebauten Bars und Diskotheken. Hier tanzt man allein oder im Kreis gemeinsam die schwungvollen albanischen Tänze. Zigeunermusiker kommen den Berg herauf und lassen sich für ein paar Lieder engagieren oder finden ein Engagement für die Nacht bei einem Mäzen, der stundenlanges Feiern zu alten Weisen des Baba Tumors oder eigenen Weisen ermöglicht. Spät erst wird es still am Berg. Zwischen Hinlegen und Aufstehen vergehen bei einigen nur wenige Stunden.

Freitag, 17. September 2010

Zigeunermusik

Die dzugi - Zigeuner in Mazar-e sharif bestreiten einen großen Teil ihres Einkommens durch Bettelei. Das war nicht immer so. Noch vor wenigen Jahren konnten sie auch im Umland der nordafghanischen Städte durch Hausieren, also Handel mit Kurz- und anderen leicht zu transportierenden Waren (etwa Uhren, Schmuck und Parfümerie) überleben. Da die Sicherheitssituation aber auch für die Zigeuner so präkär geworden ist, dass ihnen draussen ihr Leben nicht mehr sicher ist, kommen immer mehr von ihnen in die Städte und verdienen sich hier ihr Leben durch Bettelei.

Viele werden jetzt vielleicht denken, aha, weil es um Afghanistan so schlecht steht, sind auch die Zigeuner um ihre Einkünfte gebracht und sind deshalb gezwungen zu betteln. Das stimmt so nicht, denn Bettelei wird von den Zigeunern (Frauen zu meist) das ganze Jahr über betrieben. Es wird hier nicht mit solch negativen Wertungen belegt, wie das zuweilen bei uns geschieht. Es ist eine normale Einkommenstätigkeit. In ihren Traditionsvorstelllungen gibt es zum Beispiel das Bettelgebot im Heiligen Monat Ramadhan. Jeder dzugi Zigeuner sieht es als seine religiöse Pflicht an, wenigsten einmal im Monat Betteln zu gehen. Bettelei ist ein Teil ihrer Einkommensstrategien und unter ihnen mit nichten geächtet.

Dazu gibt es weitere, zahlreiche Spiele gehören dazu. So ist das Wachtelspiel bei den Zigeunern ein beliebtes Spiel, das dazu dient, durch Gewinn und Verlust die Einkünfte innerhalb der Zigeunergemeinschaften umzuverteilen. Hier die zwei neuerstandenen Wachteln von Ghulom, der sie die nächsten vierzig Tage auf die kommenden Winterwettkämpfe vorbereitet.

wachteln


Auch die Teilnahme am winterlichen Buzkashi, von dessen Gewinn auch die Zigeunerfamilien etwas haben und der ihnen gehörigen Respekt in der Gesellschaft einbringt, ist ein Teil ihrer Einkommensstraegien.

In der Ethnologie nennt man das Mischwirtschaft (multiple ressource economy). In diese Mischwirtschaft gehört eben auch das Sammeln und Betteln.

Eine besondere Form der Bettelei ist das Musizieren. In mittelasiatischen Islam wird zwar die Musik mit Kunst gleichgesetzt, der Künstler aber wird traditionell als zweifelhafter Zeitgenosse betrachtet. So steht zum Beispiel im Qabus noma, einem mittelalterlichen Fürstenspiegel: >>An der Musik, mein Sohn, daran labe dich, von den Künstlern jedoch halte dich fern.<< . In der Klassifizierung von Reichtum in der Afghanischen Gesellschaft gehört damit der Künstler wie der Bettler (und übrigens auch der Handwerker) zur untersten sozialen Schicht. Was jedoch die Afghanen nicht davon abhält, Künstler zu bewundern und Bettlern das wohlfeile Geld zu geben. Denn der Respekt dem man der Kunst, oder der Bettelei entgegen bringt ist auf einer anderen Ebene gelagert, als der Respekt, den die Menschen als Künstler und als Bettler verdienen.

: dzovid

Zu einer der Zigeuner Familien, die sich auf das Musizieren spezialsiert haben gehört auch Dzovid, einer junger Dumbora Spieler. Er hat die Kunst von seinem Vater gelernt, kann dabei aber auch Tabla und andere afghanische Instrumente spielen. Die Kunst der Musik wird in dieser Familie seit Generationen weitergegeben. Die Söhne lernen es von ihren Vätern. Dzovid ist jedoch noch recht jung. Es braucht seine Zeit, Vater zu werden.

Montag, 13. September 2010

Id muborak, Glückwünsche zum Fest

Es ist Freitag, der erste Tag des Festes zum Fastenbrechen, das Ende des Ramadhans. Das Morgengebet läutet den Beginn der Feierlichkeiten ein, Fast alle Geschäfte sind geschlossen, doch jede Menge Strassenhändler bevölkern die Bazar-Strassen rund um die Rauwza, das heilige Grabmal Hazrat Alis. Sie verkaufen vor allem Geschenkartikel, ganz oben auf der Beliebheitsskala finden sich Pistolen und Maschinengewehre für die Kinder, die kleine gelbe Plastikkugel abfeuern können. Kaum sind die Festlichkeiten in den Häusern der Familien eröffnet, gehört die Strasse den Kindern.


In den Häusern treffen sich in den nächsten drei Tagen Nachbarn, Freunde, Verwandte, Geschäftspartner, politische Freunde und Gäste von weit her. Sie besuchen einander im Wohnviertel, im gesamten Stadtgebiet und darüber hinaus. Während sie um die reich gedeckten Festtafeln herum ihre Gückwünsche, Grüße und Fragen nach Wohlergehen austauschen, herrscht draussen Krieg. Kinderschaaren jagen einander, ballern sich gegenseitig die Plastikkugeln um die Ohren und wenn einer mal zu arg getroffen wurde, nimmt dieser auch gerne mal einen kleinen Stein, um es seinen Kontrahenten mal so richtig zu zeigen.

Wenn man durch diese Guerillia Kämpfer seinen Weg bahnt und auch mal ein Kügelchen abbekommt, entschuldigen sie sich und wünschen ein glückliches Fest. Dann und wann kracht auch einmal ein Böller in den Strassen, oder Zündplätzchenpistolen knallen und stinken vor sich hin. Das Id al fitr, wie das Fastenbrechenfest heisst, ist ausgelassen, die halbe Stadt auf den Beinen. Sind die Familien auf Besuch, muss ein Familienmitglied jeweils im Haus bleiben, um die kommenden Gäste zu bewirten und zu unterhalten. So kommt es auch, dass ich auf dem Weg mit meinem Turkmenischen Freund und Ratgeber zwar jede Menge Leute sehen, in den Häusern, die wir besuche wollen, aber kaum einer anzutreffen ist. Eine Ausnahme bildet ein turkmenischer Freund Oqmurods. Dieser weilt zu Hause und mit an den Tisch setzt sich seine Frau. In Afghanistan ein ganz aussergewöhnliches Ereignis, denn normalerweise gibt es Festräume der Frauen und Festräume der Männer, die sich streng voneinander getrennt ihre Glückwünsche unterbreiten. Hier aber sitzen wir zusammen und die Unterhaltung führt seine Frau. Bald gesellt sich auch noch die Tochter des Hauses dazu. Wir erfahren, dass die Mutter mit einer Menge NGO Ausländern zu tun hat. Sie koordiniert bei ihrer Arbeit hier in der Stadt Mazar einige Projekte. Die Tochter hingegen arbeitet als Reporterin und Journalistin bei einer Turkmenischen Radiostation.

Wir verweilen lange hier, viel länger als gewöhnlich, die Jungs, die sich unterdessen zu Oqmurod und mir gesellt haben (Verwandte meines Turkmenischen Freundes) sind ebenso amüsiert, peinlich berührt und finden es lustig, hier in einer Familie zu sitzen, und nicht nur unter Männern. Es plätschert ein entspanntes Gesprächs zum heiligen Fest dahin.

Wenig später am Abend, sind wir beim Sohn eines turkmenischen Senators eingeladen, der sich wie viele andere aus der turkmenischen Führerelite um einen Platz bei der am Wochenende bevorstehenden Wahl bemüht. Es wird immer wieder über den Pastor Jones in Miami geredet. Alle warten gespannt auf die Nachrichten, ob sie nun den Koran verbrannt haben oder nicht. Als die Neuigkeiten kommen, dass das für Afghanen Unvorstellbare ausbleibt, sind alle froh. Die gespannte Situation der letzten drei Tage, in denen in Mazar auch schon mal Strohpuppen und der Volkszorn aufloderte, ist verflogen. Als dann noch in den Nachrichten von einer Fatwa aus dem Iran berichtet wird, die den Pastor Jones für verrückt (devona) erklärt, lachen alle. Ja, Verrückte muss es geben, ernst nehmen kann man sie nicht und sie unterstehen alleine Gottes Urteil. Ein Mensch kann nicht über sie richten, so will es der Koran.

Id muborak, Glückwünsche zum Fest, kann man da nur sagen, auch wenn heute hier schon wieder alles vorbei ist.

PS. Gestern brachten sie in den Nachrichten einen Betrag, der das Übermaß dieser Ballerspiele anprangerte. Ein Passant auf seine Meinung zum Thema angespochen meinte, das es ja kein Wunder sei, dass die Kinder aller Orten Krieg spielen, nach 30Jahren Kriegsgeschichte in Afghanistan...

Sonntag, 5. September 2010

bevor es kalt wird... Baden auf Kabulisch

Bevor es kalt wird, schnell noch dieses Bild, dann ist das nämlich auch Schnee von gestern. So lange aber die Sonne hier noch ein wenig scheint ein Bild von der Wasserspiel Szene aus Kabul. (Wasserspiele nennt man hier das Baden)

Vor ein paar Wochen nun schon waren wir, das heisst n Kumpel und ich zum Band-e Qargha Staudamm gefahren in der Nähe von Kabul und waren dort schwimmen, Herrlich sage ich Dir und dutzende von Jungen Afghanen taten das gleiche. Baden auf kabulisch? Immer schön zum Strand mit dem Auto fahren, Räder an der Wasserkante und dann neben dem Plantschen noch das Auto waschen..... ok, ok, ein paar Jungs aus der Umgebung waren auch mit dem Fahrrad da.

baden_kabul


Dann haben wir zum Fastenbrechen am See noch ein paar Schaschliks gegessen
und dann sind wir abends mit dem Taxi zurückgefahren. Der Taxifahrer war ganz bekifft und ist irgendwie nur 30 kmh gefahren, mehr hat er sich in seinem Zustand nicht zugetraut.

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Olim ist ein arabischer Vorname, der sich aus der Silbe ilm ableitet und soviel heißt wie der Wissende oder Wissenschaftler. Ich habe den Namen 1994 in Buchara verliehen bekommen und ein Jahr später angefangen, Mittelasienwissenschaften zu studieren. Das tue ich heute immer noch im fortgesetzten Stadium. Devona ist ein Wort das man fuer verrückt, entrückt, weggetreten benutzen kann. Es hat immer irgendwie mit Liebe zu tun, zu den Menschen, zum Leben, zu Gott. Naja und das zusammen macht die Figur Olim devona aus. Manchmal schlüfe ich in sie hinein und fuehle mich dann total devona.

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