Zigeunerkanal

Gestern waren wir in der Nähe von Khodjand. Wir haben da naemlich so einen kleinen Knall, muessen am Wochenende immer raus. Spazieren gehen im Schloßpark Soundso. Nun haben wir diesen kleinen Knall also auch nach Tadschikistan mitgenommen. Und da man diesen Spleen am besten auslebt, wo die Einheimischen meinen, es sei schön, haben wir also gefragt: "`Wo erholt Ihr Euch denn so?"' Da geben die Einheimischen im Ferghanatal eigentlich immer ein Heiligengrab an. Und so sagte unsere Bekannte aus der hiesigen Wissenschaft also, "`Fahrt mal nach Dehmoj!"' Haben wir dann auch gemacht. Nur wussten wir nicht, was dort ist, nur was zum Erholen eben. Hält der Bus an der ersten Station und ich frage eine nette Uzbekin (Im tadschikischen Ferghanatal leben in den Dörfern fast ausschließlich UzbekInnen... Das wär toll das I jetzt klein zu schreiben. Hach! aber ich schweife ab.) Also ich frage die Uzbekin nun: "`Ist das hier das Dehmoj"'. Und sie fragt: "`Soundso oder Krankenhaus?"' Soundso hört sich nichtsagend an, aber Krankenhaus ist gut. Nun muß man wissen, dass in der Sowjetzeit Krankenhäuser in der Pampas immer da hingebaut wurden, wo eine heilige Quelle fließt oder ein Heiliger unter irgendeinem Baum gesessen hat. Und diese Naturdings wirken heute noch Wunder. Das also glauben die Leute hier, und selbst die Kommunisten konnten sich dem Glauben nicht so recht entziehen. War wohl auch sowas wie eine Säkularisierung des Ortes, dachten sie, nicht aber die Einheimischen. Die dachten, seht mal was der Mann-oh-Mann immer noch für eine Bedeutung hat. Bau'n sie ihm auch noch ein Krankenhaus zur Seite. Na jedenfalls wollten wir nicht bei Soundso aussteigen und Krankenhaus haben wir nun auch nicht gesehen, nur saftige grüne Berge. Nun sind wir also raus und stehen an der staubigen Strasse. Zu unserer Rechten ein Schild: "`Nationales Tuberkolosezentrum Tadschikstans"'. Zu unserer linken die staubige Strasse, dahinter Obsthain, aber mehr so privat ohne Wanderweg. Wie wir später erfahren, ist dahinter dann auch gleich Zaun und Grenze zu den Kirgisen. Aber das ist im Ferghanatal normal. Wo Du hinschaust, Grenze. Nicht das die hier so wichtig ist, kann man aber auch schlecht spazieren gehen, am Stacheldrahtzaun. Naja egal, wir steigen also am Nationalen Tuberkulosezentrum aus und fragen ein paar alte Frauen: "`Sagt mal, Wo kann man sich hier wohl erholen."' Sie wissen es auch nicht, wissen eben nur, dass es hier nicht geht, weil Krankenhaus. Naja, dann weitergefragt. Und Gegenfrage: "`Wollt Ihr zur Präsidentendatscha?"' "`Hmm, ja"' sag ich, weil der wird schon wissen, wo man sich hier prächtig erholt. Also kriegen wir raus, dass wir noch zwei Stationen weiter dürfen, und stehen an der staubigen Strasse. Nicht das die schon immer staubig war, jetzt bauen hier aber die Chinesen den Tadschiken eine Strasse hin, das du sagst, meine Herren! Die Chinesen sind ja nun wirklich die Strassenbaumeister hier, haben ja auch das feine Kunststück mit dem Karakorumhighway hingekriegt. Gilgit in Pakistan und Kashgar in China mit einer Strasse verbunden, die an den krassesten 4000ern vorbei geht. Aber egal. Die Chinesen bauen also die Strasse und die ist auf Kilometer hin aufgerissen. Macht man! Aber was soll ich sagen, irgendwann sind wir da eben auch mal angekommen am Erholungsort. War eine Quelle, an der vor 750 Jahren Hastenichtgesehen begraben wurde. Eine ordentliche Legende wusste nun der Heiligengrabvorsteher auch nicht, die haben da sonst immer so ein Konvolut im Kopf, dass Du denkst, der Harzer Sagenschatz ist was für Pränatale.

Also sind wir herumspaziert, ging aber nicht, weil zu klein, und eine ganze Gruppe Türkei-Türken beim Schaschlikmachen. Berlin Tiergarten in transition. Wie wir aber wegfahren, holt uns der Taxifahrer von eben wieder ab und zeigt uns sein Dorf. Lobt seine Gegend, weil sie soviel Wasser hat. Das Dorf durchziehen vier Kanäle mit Rauschewasser. Der oberste davon heisst Zigeunerkanal. Der heisst so, sagte der Taximann, weil die Zigeuner hier immer im Frühling herkamen und ein paar Tage dort campiert haben. Das Wasser gut, die Gegend auch schön, naja, so was von Lebensunterhalt hat er nicht erzählt. Sie seien da bis in die sechziger immer mit ihren Arbas dagestanden. Dass sind die hiesigen Kutschen mit riesigen Rädern wegen der Schlammwege und dem Steckenbleiben. Auf diesen Kutschen hatten sie ihre Zelte und lebten von der Kutsche aus. Mit Ende Sechziger war Schluß. Danach kamen sie nicht mehr, er hat sie in seiner Jugend noch gesehen. Der Zigeunerkanal heisst aber immer noch so. Und das war nun wirklich interessant.

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Olim ist ein arabischer Vorname, der sich aus der Silbe ilm ableitet und soviel heißt wie der Wissende oder Wissenschaftler. Ich habe den Namen 1994 in Buchara verliehen bekommen und ein Jahr später angefangen, Mittelasienwissenschaften zu studieren. Das tue ich heute immer noch im fortgesetzten Stadium. Devona ist ein Wort das man fuer verrückt, entrückt, weggetreten benutzen kann. Es hat immer irgendwie mit Liebe zu tun, zu den Menschen, zum Leben, zu Gott. Naja und das zusammen macht die Figur Olim devona aus. Manchmal schlüfe ich in sie hinein und fuehle mich dann total devona.

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