gewagte Vergleiche

Ist es zulässig, Dinge miteinander in Beziehung zu setzen, die offensichtlich nicht zu einander passen? Auf der einen Seite der Völkermord an den Juden im zweiten Weltkrieg und auf der anderen Seite die Unterdrückung von Palestinensern auf israelischem Territorium?

Hier eine Seite mit einer gewagte aber auch augenöffnenden Gegenüberstellung von Bildern aus Konzenztrationslagern und Getthos mit Bildern aus dem Gazastreifen und Israel. Der wissende Leser kann hier sich des Experiments des gewagten Vegleiches unterziehen und wird sehen, was da geht und was dabei nicht geht. Aber Achtung, das Phänomen des Aha Erlebnisses ist dabei ein trügerisches Ergebnis vorgefertigter Erwartungen und scheinbar faktischer Bestätigung des Erwarteten.
stralau (Gast) - Di, 11:44

Was mich an diesem Vergleich und auch an manchen anderen Tönen zu diesem Thema verwundert und stört, ist das unterschiedliche Maß, mit dem das durchaus kritikwürdige Vorgehen Israels gemessen wird, verglichen mit anderen Ländern, die schmutzige Kriege führen: niemand setzt Rußlands Vorgehen in Tschetschenien oder das amerikanische Vorgehen im Irak mit Nazideutschland gleich. Niemand zweifelt die Existenzberechtigung Serbiens oder Kroatiens an. Nun soll Kritik nicht schon deswegen unterlassen, weil andere auch nicht kritisiert werden, aber hier scheint mir doch die Verhältnismäßigkeit grob verletzt.

Du deutest es ja in Deinem letzten Satz schon an -- ich würde es noch deutlicher ausdrücken: Diese Gegenüberstellung, zusammen mit dem dortigen Aufruf zum Weitersenden, dient der Aufstachelung des Hasses, und das ist etwas, das in der gegenwärtigen Situation kaum hilfreich ist, so sehr uns auch das Leid der Menschen nahegehen muß.

Daß mögliche israelische Kriegsverbrechen untersucht und bestraft werden müssen, ist das eine. Daß sich aber die Hamas in keiner Weise an das Völkerrecht gebunden fühlt, fehlt in dieser Gegenüberstellung.

Auch einseitig, weil er fast ausschließlich die israelische Sicht zu Worte kommen läßt, dennoch sehr interessant, schreibt Bernard-Henri Lévy in der FAZ vom Wochenende.

Da wir uns offensichtlich in einem Medienkrieg befinden, der von beiden Seiten perfekt bedient wird, ist es für Unbeteiligte sehr schwer, die Dimensionen des Konfliktes zu verstehen. Was kann man tun, um der Wahrheit ein Stück näher zu kommen?

Olim-devona - Di, 14:55

die Macht des Vergleiches

Du sprichst das Dillemma ja schon in deinem ersten Satz an, du vermisst den Vergleich zu anderen aktuellen Problemen in Asien, Afrika und Europa. Sicher könnten wir da noch ganz andere Krisenherde, um die sich in diesem Medienkrieg gar keiner mehr kümmert, wie den Sudan dazusetzen und die Probleme in anderen Krisenherden erscheinen geradezu alltäglich.

Erstaunlich ist jedoch, wie es Israel und Palestina immer wieder seit zwanzig Jahren schaffen, die "flüchtige Ressource Weltöffentlichkeit" (Beck) auf sich zu lenken. Ich denke, das Problem liegt in der Wahrnemungsverschiebung der abramitischen Religionen Judentum, Christentum und Islam, sich selbst als den Nabel der Welt zu sehen.

Aber das wir da mitmachen zeigt ja, wie sehr wir teil sind des Medienkrieges...
stralau (Gast) - Di, 16:15

Echt? Ich glaube ja nicht so richtig, daß das ein Religionsding ist.

Das mag ja im Moment auf arabischer Seite eine gewisse Rolle spielen, aber bis vor kurzem waren ja auch die verschiedenen arabischen Gruppen noch ziemlich zerstritten untereinander. Auch war mein Eindruck (ich mag mich täuschen), daß der Kampf der Palästinenser, aber auch die Propaganda von Israels kriegführenden Nachbarstaaten noch bis in die Neunziger Jahre eher von Machtargumenten als von religiösen Themen geprägt gewesen ist. Gewagte These: Vielleicht ist ja die zunehmende Bedeutung des Islam in der Argumentation der Hamas ein ähnliches Hype-Thema, wie es früher der Sozialismus für die PLO war?

Die Israelis wiederum sind zwar mehrheitlich mehr oder weniger religiöse Juden, ich sehe aber auch in ihrer Propaganda nichts Religiöses. Und Christen spielen in diesem Konflikt keine Rolle.

Wichtiger für die Polarisierung scheint mir zu sein, daß Israel als Vertreter „des Westens“ wahrgenommen wird, sowohl von den westlichen Staaten als auch von der Propaganda der Hamas und teilweise auch von der israelischen Propaganda selbst.

Ich möchte noch richtigstellen, daß ich oben nicht so sehr den Vergleich mit anderen Krisenherden vermisse (aktuell muß man zu Deiner Aufzählung auch noch den Krieg um Rohstoffe u.a. für die Handyproduktion im Kongo hinzufügen), auch wenn dieser zu einer Einordnung beitragen kann, sondern vor allem den Vergleich des israelischen Vorgehens mit dem Nationalsozialismus völlig daneben finde.
Olim-devona - Mi, 10:06

Deine Analyse hat was fuer sich, das mit dem Sozialismus der PLO und dem Islamismus der Hamas, da will ich gleich gar nicht widersprechen. Gemeint war mit der Selbstbezogenheit kein Motiv von Religiösem als den Kriegsgrund zu sehen, sondern eher den Grund die Spannung der Weltöffentlichkeit immer wieder zu dieser Krise zu lenken. Hier ist halt die Wiege von drei Religionen, deren Vertreter sich stets sehr lautstark Gehör verschaffen. Und alle haben sie einen Stammvater. Deswegen ist ´jede Verschiebung eines Steines in Jerumsalem ein Politikum. Wann hat man denn schon mal gehört, dass die seit Jahrhunderten dauernden Auseinanderetzungen zwischen kriegerischen Hirtennomaden am Horn von Afrika eine Liveberichterstattung abbekommt?

stralau (Gast) - Mi, 20:20

Zum Teil sicher. Ein anderer Grund mag in der besonderen Aufmerksamkeit für die Geschichte des jüdischen Volkes nach der Shoa, aber auch im Antisemitismus liegen.
loecknitzpaddler (Gast) - Mi, 18:15

Veränderung des Aha-Erlebnisses

Und dann ändert sich diese Wahrnehmung noch einmal mit dem Kontext des 'Darstellungsortes'? Ich wurde vor einigen Tagen auf diesen Vergleich verwiesen, allerdings mit einem Link zur Seite von Norman Finkelstein.
Finkelstein laut Eintrag vom 16.01.2009
elfarra.org laut http-Header vom Fri, 23 Jan 2009 19:30:55 GMT

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Olim ist ein arabischer Vorname, der sich aus der Silbe ilm ableitet und soviel heißt wie der Wissende oder Wissenschaftler. Ich habe den Namen 1994 in Buchara verliehen bekommen und ein Jahr später angefangen, Mittelasienwissenschaften zu studieren. Das tue ich heute immer noch im fortgesetzten Stadium. Devona ist ein Wort das man fuer verrückt, entrückt, weggetreten benutzen kann. Es hat immer irgendwie mit Liebe zu tun, zu den Menschen, zum Leben, zu Gott. Naja und das zusammen macht die Figur Olim devona aus. Manchmal schlüfe ich in sie hinein und fuehle mich dann total devona.

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