Here be dragons

Dienstag, 10. August 2010

Vermutungen bezüglich Augenärzten

Vor ein paar Tagen waren die Schlagzeilen aller Medien von grausigen Morden bestimmt, die sich in den Bergen im östlichen Afghanistan ereigneten. Schnell war die Nachricht in den Köpfen der Menschen: Taliban töten Ärzte! Dass sich solcherlei schnell in den Köpfen der Menschen festsetzt, ist jahrelanger Medienarbeit zu verdanken, die Taliban + Greuel und Ungerechtigkeit in eins setzen konnten, so dass solcherlei Nachrichten sich erfolgreich und schnell verarbeiten lassen. Das es diese Taliban, wie die westliche Presse sie bezeichnet, gar nicht gibt, sondern das ein englischer Sammelbegriff für >>Kämpfer gegen die Nato << geworden ist, das wissen nur wenige. Gewiss es gibt die Mujahedin, die für ein Emirat Afghanistan Kämpfen und täglich ihre Sichtweisen auf ihren Seiten publizieren. Da steht interessanterweise aber nichts über die Überfälle, auch wenn es bereits Bekennerschreiben bzw. Anrufe dazu gegeben haben soll. Nur wenig wurde bisher über den Tathergang in den Bergen von Badakhschan bekannt. Aber eines ist gewiss, einiges stimmt an den ganzen Geschichten irgendwie nicht. Nur einmal stand es bei Spon ganz direkt und das ist mein wichtigster Anhaltspunkt, ummeine folgende Einschätzung, die allerdings nur auf Vermutungen und Indizien nicht auf Beweisen beruht, zu stützen:

Einer der Ermordeten, sei der Optiker Tom Little, der seit 30 Jahren in Afghanistan gearbeitet habe, teilte die Organisation mit. Im August 2001 sei Little zusammen mit sechs Deutschen und einem weiteren amerikanischen IAM-Mitarbeiter von der damaligen Taliban-Regierung verhaftet worden, weil sie versucht haben sollen, Afghanen zum Christentum zu bekehren. Sie wurden schließlich ausgewiesen. Little sei nach der US-Invasion im November 2001 nach Afghanistan zurückgekehrt.


Wie es auch in den Hörfunknachrichten zu hören war, war nicht nur der Optiker Tom Little seit 30 Jahren im Land, sondern auch der Großteil der anderen Leute keine Frischlinge, einige seit 12 bis 15 Jahren in Afghanistan. Wer auch nur einmal (wie ich) in der letzten Zeit in Afghanistan war, weiss, dass Badakhshan, die Region in der die Sache passierte, ein absolut unsicheres Gebiet ist. Hier sind seit Jahren Wegelagerer am Werk. Ohne lokale Führer und selbst mit ihnen ist der Weg in die Berge mit hohem Risiko verbunden. Das müssen die Leute, die man vor ein paar Tagen neben ihrem Jeep gefunden hat, einfach gewusst haben. Keine Frage. Die Frage ist, warum sie nun trotzdem gefahren sind. Da gibt es zwei mögliche Überlegungen. Erstens haben sie vielleicht angenommen, dass die Situation mittlerweile in der Bergen so entspannt ist, dass sich der Trip da hoch schon lohnt. Zweitens, sie vertrauten einem Führer, der ihnen versicherte, mit seiner Hilfe können sie sich da oben schon umschauen. Nur schauten sie sich ja nicht bloss um, sondern wollten da oben in der Bergen eine Klinik aufbauen. Und das ist dann schon reichlich dubios, warum sollte man schwer erreichbar in den Bergen eine Station aufbauen, und nicht in der Regionshauptstadt Faizabad, wo ein viel grösserer Ereichungsgrad gegeben wäre. Oder ging es vielleicht gar nicht um den Aufbau einer Augenklinik? Warum sollte man in die Berge gehen, wenn man die Stadt mit ihrer Infrastruktur doch viel leichter erreichen kann? Brauchte man Abgeschiedenheit von den Augen der Öffentlichkeit? Wie man weiss, ist Missionieren in Afghanistan gesetzlich verboten. Wer also missioniert, würde gar nicht die Taliban brauchen, um hier gestoppt zu werden. Auch die offiziellen Strafverfolgungsbehörden würden sich mit einem beschäftigen. Wer also in den Berge geht, hat was zu verbergen. Nun, was sollte denn dann aufgebaut werden? Vielleicht die villages of hope, wie es eine Schwesternorganisation (Shelter now) der AIM in Afghanistan , die 2001 von den Taliban wegen Missionierung rausgeworfen wurden, derzeit aufbaut? Waren die Augenkrankheiten, die tatsächlich in den Bergen aufgrund des Vitaminmangels ein gravierendes Problem darstellen, eigentlich nur ein Vorwand?

Etwas anderes an den Geschichten, die Taliban würden überhaupt fähig sein, solcherlei Tat auf der Grundlage des Bestrafens des Missionierens durchzuführen, macht mich ebenso immer wieder stutzig. Die Operationsfläche der Mujahedeen ist die Ebene, die Strasse, die Stadt. Sie kontrollieren nichts in den Bergen, weil es da einfach nichts gibt, was sich zu bekämpfen lohnte. Wer die Berge irgendwie bezwingen wollte, der riegelt sie unten ab, am Fusse der Berge, so wie es die Mujahedeen an vielen Orten Afghanistans bereits sehr erfolgreich praktizieren. Man stört die Infrastruktur durch mobile Motorradgetriebene Checkpoints. In den Bergen kann man solcherlei nicht machen. Das würde sich hier absolut nicht lohnen.

Ein weiteres Indiz, dass für einen Raubüberfall politisch völlig unmotivierter Wegelagerer stehen würde, wäre der Tathergang. Überfallen, niedergemäht, ausgeraubt, keinerlei mediale Unterstützung, Siegerfotos usw. Das sieht nicht wirklich nach Taliban / Mujahedeen aus ... Denn deren Kunst ist es, mit ihren Aktionen immer wieder die Medienweltöffentlichkeit zu erreichen. Auch wenn es immer wieder Dinge gibt, die ihnen untergeschoben werden, gegen die sie sich mit guten Argumenten selbst distanzieren.

Aber das gehört zu dem Medialen Krieg, der seit dem ersten Irakkrieg der USA die neuen Kriege dieser Zeit begleiten, bei der die Westpresse aber interessanterweise in Afghanistan ganz anderer Widersacher hat, als im Irak.

Aber wenn wir nun einen nicht politisch motiverierten Raubüberfall haben, dann brauchen wir die Missionsinformation und die Taliban nicht, wenn wir nun aber die Mission und die Taliban haben, dann brauchen wir die Berge und die Abgeschiedenheit nicht. Das zeigt nur, dass durch den Vorfall eine Menge auch in unsere Zeitungen sickerte, das ein viel lebhafteres Bild von Afghanistan zeichnt. Krieg und gezielte Aktionen der Mujahedin gegen die Nato auf der einen Seite, Bergtripps, Missionsstationen usw. auf der anderen Seite. Vieles geht in diesem Land zur Zeit ab, von dem man hier in Deutschland absolut nichts weiss. Zum Beispiel der Alltag...

Update: Die wikipedia hat eine detaillierte Schilderung der Ereignisse und Hintergründe in den Bergen von Badakhshan zusammengestellt (englisch).

Dienstag, 2. Mai 2006

Verknüpfungen erstellen: Sprache als ethnologisches Denkmodell

Meistens gefallen mir die Sachen, die nicht stromlinienförmig dahgerkommen (mit Ausnahme der Faltbote). Genauso wie mich sperrige Dinge, Themen und Ansätze faszinieren, beeindrucken mich immer das entwerfen von Denkmodellen, die es einem einfach und in ihrer Plastizität leicht machen, komplexe Dinge einfach zu kapieren. Es ist die Verknüpfung von bisher Unverknüpftem, die meine Begierden weckt.

So hat mich bei der Abfassung meiner Doktorarbeit die open source Bewegung beeindruckt, wahrscheinlich auch, weil “die Bibel” dieser Leute “The Bazaar and the Cathedral” ist und mir der Bazaar mit der Liebste Aufenthalt in den Ländern ist, die ich so kenne.

Auch hat mich der Gedanke von Claude Levi Strauss sehr beeindruckt, der meinte Geschichtenerzähler könne man auch Bricoleur nennen: Bastler. Sie hätten einen Handwerkskasten von Anekdoten, Ideen und Erfahrungen, aus dem sie sich beim Bauen ihrer Geschichten bedienen und sich dabei nach dem Geschmack der Leute, für die sie Basteln richten. So bin ich durch viele andere Einflüsse zu einem Fan von Baukästen geworden. Baukästen haben den Vorteil, dass man immer wieder mal in den Baumarkt gehen kann und sich ein Teil dazuholt, mit dem man bisher nicht gearbeitet hat.

Ausgangspunkt für die hiesigen Überlegungen war der Umstand, daß ich nach einer Methode suchte, den Sozialismus der zwanziger und dreißiger Jahre in der Sowjetrepublik Turkestan zu beschreiben. Mir kam die Idee, dass alles was ich aus den Archiven der Museen herausholte keine Vergangenheitsbeschreibungen waren sondern Narrative. Schlüsselsituationen in der Zeit des Aufbaus des Sozialismus, zu denen man sich positiv zu verhalten hatte, wollte man Anerkennung im neuen System. Man mußte die Konterrevolution bekämpfen, mußte die Boden Wasserreform mitgestalten, der Kollektivierung voranhelfen, die Alphabetisierung der ländlichen Bevölkerung vorantreiben... Narrative hörten sich an wie Fälle in einem Deklinationsystem, welches ich dann “Die Deklination der Wirklichkeit” nannte. Aber andere Formen des Sozialismuses ließen sich aus dem Grammatischen Modell heraus erläutern: Konjunktiv (die Allgegenwärtige Lüge im System), Superlative (das Bilden von Heldenmodellen), Subjekte (fremde Aktivisten, die Familien, die kleinen Chefs) usw. Und das spannende daran war, man konnte mit der “Gramatik der Roten Zone” auch erklären, warum sovieles nach dem Zusammenbruch schnell aus dem Leben der Menschen ausgeschieden wurde, und warum sovieles immer noch in ihnen fortlebt: Sprachen kann man verlernen, aber Teile von ihnen bleiben länger im Gedächtnis.

''Nina nina, tam kartina eto traktor i motor''

So und nun kommt der Punkt, auf den ich eigentlich zu sprechen kommen wollte: die Verknüpfung von Ethnologie und Sprache als Denkmodell. Eigentlich soll dieser Ansatz kein Oberlehrerepos sein, sondern die Einladung zum Mitdenken. Sprache ist eine der vielleicht dynamischsten Methoden Bedeutungen zu produzieren. Sie ist höchst individuell, kann aber ohne Sprachumgebung nicht existieren. Von einer Sprache gibt es mannigfaltige Varianten: Soziolekte, Dialekte, Creole, Pidgins usw. Sie zu produzieren ist ein indiviueller Schöpfungsprozeß, der aber vom Korrektiv des Kollektivs stark reglementiert wird. Sprache und ihre benutzung ist ein ritueller Akt, der Nähe wie Distanz erzeugen kann, je nach Intension des Sprechers.

Die Sprachwissenschaft und die Methoden, diese zu erklären, sind weit fortgeschritten. Sie blieben auf der Ebene der Kategorien ohne Konnotationen, keiner würde behaupten ein Genitiv ist schlecht, er wird nur in der Umgangssprache wenig gebraucht. Genauso wie keiner behaupten, würde ein Futur II ist schlecht, zum Erzählen von Geschichten ist übermäßiger Gebrauch nur unpassend, da er weniger Spannung aufbauen kann als ein Präsens, das in den meisten Sprachen auch auf das Futur ausgreift.
Mann kann also sprachwissenschaftlich die meisten willkürlichen Sprachäußerungen der Menschen beschreiben, ohne das hier Hierarchisierungen oder kausale Verknüpfungen nötig sind wie es (eine) Geschichte verlangen würde. Man hat eine Menge sprachlicher Elemente, kann aber mit nur wenigen von ihnen schon Bedeutung in der sozialen Kommunikation herstellen. Der Beobachter und Aufsteller eines Regelsystems erhebt keinen Anspruch auf Art und Weise der Benutzung einer Sprache. Er ermöglicht aber das Erlernen von Elementen dieses Systems. Hier greift der Punkt der Verknüpfung von Ethnologie und Sprachmodell. Kann man einfach die Sprachwissenschaft ausweiten und ihr nicht nur eine Sprachbeschreibung des Albanischen zutrauen, sondern auch die Sprache z.B. der Ungleichheit?
Ein Versuch:

Die Sprache der Ungleichheit,


Subjekte (Personen, die im empirischen Kontext unterschiedlichen Zugang zu Ressourcen der Macht, Produktion usw. haben)

Die Flexion der Verben

sein (Bildung der Vergangenheit von Gruppen von Minderheiten, Präsensbeschreibungen (biographische Notizen), sowie Zukunftsvorstellungen)

haben (ungleichmäßige Verteilung von Besitz und die Auswirkungen von besessen haben, zu besitzen und dem Wunsch danach zu besitzen)

können (ungleichmäßige Partizipation an Erwerbsmodellen: Selbständigkeit, Angestelltenverhältnisse, Meisterschaft, Verwaltung, Direktion usw.)

Deklinationssystem der Ungleichheit


Wer (unterdrückt, raubt aus, übervorteilt, überlistet)
... wessen (Besitz) ?
... mit wem ?
... wen?
... durch wen ?
... wo ?


Sprache kann also als Erklärungsmodell zur Überwindung des Widerspruches zwischen Ungleichheit und Gleichheitssgedanken dienen, das Erklärungsmodell jedoch verzichtet auf Konotationen und Hierarchien usw.
Neben dem Festhalten des Regelsystems, kann aber auch auf den Spracherwerb (Biographien in Bezug auf das Phänomen der Ungleichheit), auf Sprache ihrer Vermittlung durch die Gemeinschaft (sozialisierende Prozesse) und und und hingewiesen werden , das System ist mit jedem Paragraphen ausbaubar und doch verfälscht es nicht das Bild, es macht es nur dichter und die Empirie handhabbarer.

So, und nun meine Einladung zur Partizipation:
Die Spezialisten gerade in (Maschinen-) Sprachen und ihrer Anwendung sind die Informatiker und Computerspezialisten. Sie beherrschen die verschiedensten von ihnen aber auch ihre Regelsysteme. Informatiker nähern sich auch immer weiter der (menschlichen) Sprache, der Grammtik an (oder waren ihr schon immer nahe). Wie ich hörte, sagen sie, daß Programme und die Handhabbarkeit komplexer Vorgänge besser und damit ähnlich dynamisch funktionieren würden, wie Sprache, wenn sich Programme dem sprachlichen System anpassen würden. Hier kann sich ein Programm aus unterschiedlichsten Elementen selbst und kreativ schöpfen. (Ist XML schon eine Entwicklung davon?) Diejenigen, die aus der Informatikerbranche kommen, werden nur müde die Stirn runzeln und sagen, man was weiß der denn von uns? Und ich gebe gerne zu: Nicht wirklich viel. Aber ein gemeinsames Interesse ist vorhanden: die Nutzung von menschlichen Sprachen zur Behandlung komplexer Systeme, wie es Computerprogramme aber auch die menschliche Gesellschaft, die Fremde obendrein (Ethnologie) sind.

Und für alle die, die nicht zu denjenigen gehören, die nun schon zig Mal die Finger gehoben hätten. So what? Nun ja, kann mir jemand auf die Sprünge helfen, wie menschliche Sprache in der Informatik mittlerweile mitgedacht wird?

Montag, 1. Mai 2006

zwei Beispiele

Mal was Neues...

Eigentlich kann ich mich nicht beklagen, daß mir irgendwie fad sei, ganz im Gegenteil. Es liegt 'ne Menge Mist auf der Halde, der unter die Leute gebracht werden will, aber ich schiebe meine Frühjahrsmüdigkeit vor mir her .... Obwohl ich sowas noch nie hatte.

Aber trotzdem, ich habe ein neues Projekt ins Auge gefasst: Ick schreibe zusammen mit Kumpel ein Hörspiel. Das hatte ich vor Jahren mit Stralau schon mal vor, haben es aber wie so viele Projekte vertrocknen lassen. Diesmal ist das Hörspielprojekt auf solideren Füßen. Es wird eine Wiederaufnahme eines Jules Verne Stoffes. Besonders geheim ist das nicht, besonders spruchreif ist es aber auch nicht, deswegen hier keine hard facts. Ich werde in Zukunft immer mal wieder was dazu schreiben. Dies war nur die Einleitung für eine kleine Empfehlung.

Neulich traf ich mich zum Zweck der Netzwerkknüpfung mit EINEM aus dem Inneren Kreis der Hörspielmacher beim Hörfunk. Der sollte sich mal anhören, was wir vor haben und sollte uns sagen, wie man das Grundsätzliche an einem Hörspiel anpackt. Wir hatten uns seit Jahren nicht gesehen, erkannten uns sofort und der knallte mir zwei CD's auf den Tisch, die eine war eine Folge eines Hörspieldreiteilers von Jules Vernes "In Achtzig Tagen um die Erde"

die andere CD war das Kriminalhörspiel, "Nackt in Berlin."

Sie waren nicht nur durch sich heraus existent, sondern sie sollten einem höheren, pädagogischen Zweck dienen. Es waren zwei Beispiele, sagte er. Das erste war eines, das als schlechtes Beispiel dienen sollte: Es war hochdotiert, hatte lauter geile, heiße Schauspieler (Axel Milberg , Boris Aljinovic beides Tatortkomissare aus Kiel und Berlin) aber durch Umsetzung des Stoffes und Regie ein mordsmäßig langweiliges Teil eben.

Das andere, das gute Beispiel setzte sich nicht nur um Längen vom Hörspiel Nummer eins ab, ich setzte mich sogar für es eine Stunde lang hin. Man wollte gar nichts mehr nebenbei tun -- nur hören. Leider ist das Hörspiel nicht noch irgendwie in der Hörspielredaktion online gestellt. Aber wer hinmailt, sollte vielleicht Glück haben das Hörspiel zugesendet zu bekommen.

Neben ein paar Bier einer netten Unterhaltung sprangen sogar noch eine Menge Tipps an diesem Abend heraus, Hörspielautor zu werden. Falls ich das Projekt nicht austrocknen lasse, steht in diesem Blog immer mal wieder was drin.

Freitag, 3. März 2006

Untergejubelte Geschichten

Es gibt jede Menge Märchen. Die Romantiker, die auszogen den Leuten diese zu entlocken, haben das ihrige getan, um sie fest in unser heutiges modernes Literaturgut zu verankern. Dass es Märchen über Zigeuner gibt, sollte da nicht verwundern. Dass diese aber zum Teil gar nicht von Zigeunern stammen, wurde anhand der durch deutsche Forscher ''gesammelten'' Märchen schon mehrmals bewiesen. Soweit so gut! Ich wollte trotzdem so gut wie alles, was man über Zigeuner finden kann, in meinen Bürcherschrank stellen. Die guten interessieren mich eben. Da die Bücher der DDR Verlage alle schön billig in den Antiquariaten zu bekommen sind, habe ich mir vor ein paar Wochen einen ganzen Schub dieser Literatur billig ergattert, unter anderem das Buch: ''Der Nachtvogel. Zigeunermärchen aus Rußland.'' Hier gibt es das Märchen: ''Wie sich die Zigeuner über die Welt verstreuten''. Ich bin immer schon ganz heiß gewesen nach Urspungsmythen. Die machen einem immer auf so schön metaphorische Weise den Grund der Existenz von bla bla klar.

Nur über die Zigeuner, da wurde bisher soviel Mist drüber geschrieben, dass ich ganz gespannt war, wie denn wohl russische Zigeuner ihren Urspung erklärten. Und da lesen wir folgendes:

Es ist nun schon lange her, da war ein Zigeuner mit seiner Familie unterwegs. Sein schwächliches klapperdürres Pferd mußte einen vollbeladen Leiterwagen ziehen, denn der Zigeuner hatte eine große Familie, eine ganze Schar Kinder. Wie sollte er sie alle satt bekommen? Auch das Pferd wollte fressen, aber nirgends war Heu zu ergattern. Der Zigeuner mußte stehlen, doch das klappte nicht immer. So zog er durch die Welt und litt große Not. Auf dem Wagen durften nur die kleinen Kinder sitzen, sonst hätte sich das Pferd nicht mehr von der Stelle gerührt. Wer älter war, der mußte hinter der Fuhre hergehen. Der Wagen war so überladen, mit Hausrat und Kindern, daß er schwer zu lenken war. Er schwankte mal nach links mal nach rechts, mal viel ein Topf herunter mal ein barfüßiges Kind. Bei Tage, wenn alles gut zu sehen war, sammelte der Zigeuner Topf und Kind wieder ein, im Dunkeln aber konnte er nicht alles im Auge behalten. Wie sollte er auch bei den vielen Kindern? Also gab er dem Pferd die Peitsche und ging immer geradeaus. Und so geschah es denn: da blieb ein Kind zurück, und da ein zweites. Der Zigeuner durchstreifte die ganze Welt, fuhr kreuz und quer durch alle Länder, und überallhinterließ er Kinder. Seit damals haben sich die Zigeuner über die ganze Welt verstreut.

Als ich das las, war ich sauer! Na toll, schon wieder so 'ne Geschichte Nichtzigeunern über Zigeuner.
Das ungeheuerlichste zuerst: Die Geschichte unterstellt dem Zigeuner Sorglosigkeit im Umgang mit seinen eigenen Kindern. Wir wissen, die Familie ist der Zigeuner höchstes Gut. Ihre Angelegenheiten gehen alle Mitglieder an, die Schande des einen ist die Schande der anderen, der Ruhm des einen schlägt sich auf die anderen nieder. Hier aber ist dem Mann das Schicksal seiner Kinder egal. ''Hmm naja, wieder eins verloren'' will er sich gesagt haben und zog weiter? Im richtigen Leben hätte er, auch wenn in der Nacht einer vermißter wird, Himmel und Hölle, alle Mitglieder seiner Familie in Bewegung gesetzt, um ihn wieder zurückzuholen. Wäre es eine Tochter gewesen, hätte er wohl noch harscher und konsequenter gehandelt, denn die Tochter verkörpert die Ehre ihres Vaters, ihre Veräußerung an eine andere Familie, ist mit größter Vorsicht zu bewerkstelligen. (Außerdem ziehen Zigeuner nicht nachts durch die Gegend!)

Der zweite Stein des Anstoßes, ist in der Geschichte der Anstoß: ein Mann wohnt einfach so auf einem Leiterwagen. Und da es bitterarm ist, muss er umherziehen. Also: wäre er bitterarm, würde er sich in den Wäldern in einem Erdloch aufhalten, würde sich von den Früchten des Waldes ernähren und könnte sich nie und nimmer einen Leiterwagen leisten. Zweitens: er würde keine der Bratpfannen einfach mal so in der Nacht vom Leiterwagen rutschen lassen. Die ganze Armutstränendrüse ist das Stereotyp der Nichtzigeuner, die sich immer wieder erklären müssen, warum Zigeuner wohl vor ihrer Nase die Hand aufhalten. Doch Zigeuner, die sich natürlich auch durch Bettelnomadismus durchschlagen, nutzen nur hier das Barmherzigkeitsgebot der Gemeinschaften als Einkommensstrategie, was noch lange nicht heißen muß, dass sie auch wirklich arm sind.

Das dritte und letzte, was es hier zu meckern gibt, ist das Design der Geschichte als Unterwanderung der Welt durch Zigeuner. Sie spricht ihnen zwei Sachen ab, einen eigenen Stolz, ein positives Selbstbewußtsein, und ebenfalls die Möglichkeit, das eigenes Tun durchaus eigene Motive haben kann und nicht aus dem purem Zwang der Armut geschieht. Dass der Bettler das Stigma der Armut benutzt, um selbst davon zu profitieren, schon klar. Aber das er es bewußt tut, dass wollen wir manchmal nicht kapieren.

Sonntag, 26. Februar 2006

Wo ist China?

Ich stelle mir seit Monaten immer die gleiche Frage: "Ob es in China eigentlich Zigeuner gibt?" Da ich seit Monaten mir diese Frage nun schon stelle, habe ich natürlich auch schon ein paar kleine Antworten, die große Antwort jedoch, die lebt immer noch im Untergrund. Schauen wir uns doch die kleinen Antworten an, die die Ankunft der Großen Antwort vorbereiten.

Als die Periode der "Neue Ökonomische Politik" Lenins von Stalin beendet wurde und der Terror der Kollektivierung anfing, konnten die auf Privatwirtschaft, Bars, Keipen, Musikhallen usw. angewiesenen Lovara Zigeuner nicht mehr in Rußland überleben. Sie schauten kurz auf die Landkarte der privatwirtschaftlichen Welt nach und da es überall zu eng war mit all den anderen Kollegen, kam ihnen die Idee: Warum nicht in das dekandete China reisen? Da braucht man noch Kneipenmusiker und sonstiges Entertainment. So gingen sie ab 1927 nach Shanghai. Hier lebten sie ganz einträglich bis auch China der Kommunismus in seinen Bann zog. Die UdSSR und Volksrepublik China unterzeichneten 1948 ein Rückführungsabkommen aller russischen Exilanten. Die Zigeuner zählten dazu. Als sie wieder zurück nach Europa kamen, wurden sie von ihren Roma Kollegen von nun an die Kitaicurya (die Chinesen) genannt.

Auch schreibt der China Daily in einem Artikel, daß es im 17. Jh. urkundlich erwähnte Zigeuner gegebenen habe. Die Spuren von ihnen seien aber verwischt. Naja jedenfalls habe sich bisher noch keiner aufgemacht, die Nachfahren der selbigen in den Provinzen Gansu und Shaanxi zu suchen.

Dass es in muslimisch Zentralasien chinesischer Provinienz sprich Xinjiang Zigeuner (Eynu, Abdal) gibt, das ist nicht weiter verwunderlich. Die gehören ja nun auch zum muslimischen Kulturkreis und nicht zu diesen Dao, Lao, Mao Gelbchinesen. Also es bleibt die Frage: "Gibt es Chinesen unter den Zigeunern ... ähh... gibt es Zigeuner unter den Chinesen?"

Juri Slezkine behauptet ja nun, dass alle seßhaften Kulturmenschen Tabuzonen haben und diese Tabuzonen (Prostitution, öffentlicher Auftritt, Saubermachen, Leichenwaschen, Beschneidung usw.) von Leuten aufgefüllt werden, die er Mercurianer nennt im Gegensatz zu den Appolloianern, den Seßhaften. Also, wer macht dann bitte schön in China die Drecksarbeit? Die Chinesen selber? Soviel ich selbst gesehen habe, ist das zwar auch tatsächlich so. Da nun aber die gute Judith Okeley sagt: "Wenn wir keine Zigeuner hätten, würden wir uns welche machen!" , so muß es ja auch in China Zigeuner geben. Die Frage bleibt also bestehen.

Nun haben die Romani Studies Linguisten in Manchester einen Relaunch ihrer Webseite gemacht und haben dazu eine linguistische Romani Karte für die ganze Welt gemacht, ähh, naja für den eurasischen Kontinent jedenfalls und wo ist da China?

Die Frage bleibt bestehen.

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Olim ist ein arabischer Vorname, der sich aus der Silbe ilm ableitet und soviel heißt wie der Wissende oder Wissenschaftler. Ich habe den Namen 1994 in Buchara verliehen bekommen und ein Jahr später angefangen, Mittelasienwissenschaften zu studieren. Das tue ich heute immer noch im fortgesetzten Stadium. Devona ist ein Wort das man fuer verrückt, entrückt, weggetreten benutzen kann. Es hat immer irgendwie mit Liebe zu tun, zu den Menschen, zum Leben, zu Gott. Naja und das zusammen macht die Figur Olim devona aus. Manchmal schlüfe ich in sie hinein und fuehle mich dann total devona.

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