Montag, 24. April 2006

Zwischenraum

Spiele, Spieltheorie, Spielfeld, Spielausstellung, Spielzeug,
Schiedsrichter,
Ich kann es schon nicht mehr hören. Vielleicht liegt es daran, dass ich mich drei Jahre mit Spieltheorien herumgeschlagen habe, dass ich praktische Erfahrungen als Ethnologe im Feld gesammelt habe, dass ich meine Rote Karte bekommen habe ... Aber was sollen hier persönliche Befindlichkeiten. Spielthemen gibt es zu Zeiten des Fußballwahns genug. Aber ein Projekt, welches jetzt ins Leben gerufen wurde, geht noch von unfertigen Gedanken aus und versucht neue Konzepte in den Zwischenraum zu werfen. BLICK.SPIEL.FELD
versucht den Zwischenraum das Feld zwischen Betrachter und Spieler als Beschreibungsraum zu öffnen. Nicht das das nicht auch schon Georg Simmel und Hans Ulrich Gumbrecht gemacht hätten, hier taten es zwei schlaue Männer, jeder für sich. In dem vorliegenden Projekt geht es um die Menge der Beteiligten, das Ganze Netz als Spielfeld. Huch ich schreibe nun schon so viel, als wäre es fast mein eigenes. Schaut rein, gutes Projekt.

Donnerstag, 30. März 2006

Deutsche Anomalie(n)

Das Thema Kinder ist wohl ähnlich wie das Thema Sex! Ein jeder kann sie/ihn haben, meint er zumindest und meint deswegen auch was davon zu verstehen. Und ein jeder meint was drüber schreiben zu können. Und immer wenn jährlich die Demographiekurven gezeigt werden, dann artet eine ganze Journalie aus zu Volkskundlern, Erziehungswissenschaftlern und Ratgebern der „Nation“.

Gerade wieder einmal hat die ausländische Ethnologie von einem Thema zu „Deutschen“ von sich reden gemacht: Die Arbeit eines afrikanischen Ethnologen zu dem Thema „Deutsche und Haustiere“, besonders „der Deutsche und sein Hund“.

In den Besprechungen dazu kommt der Satz vor:

Hundeversicherungen, Schönheitssalons, speziell auf Vierbeiner abgestimmte Nahrung und Hundefriedhöfe sind aus afrikanischer Sicht absurde Auswüchse der Wohlstandsgesellschaft. In Kamerun suchen die Tiere im Müll nach Nahrung und schlafen unter freiem Himmel. Ndonko kommt zu dem Schluss: «Die Desintegration der Familie hat sehr dazu beigetragen, dass in die deutsche Familie zunehmend Hunde integriert werden.»



Ok. Darums solls jetzt nicht gehen, sondern um die auffallende Parallele zu Anomalie sozialer Beziehungen. Im Elternblog der Zeit beschreibt der Autor seine Tochter als Prinzessin, viele Blogger haben Beiträge über ihre lieben Kleinen im Netz, so als ob der Weg in die Adoleszenz der kleinen Bälger eine Nachricht für die Welt ist. Derjenige der Kinder hat, stellt sie dar, als ob sie die einzigartigsten Wesen dieser Welt wären. Das ist der Beginn der Anomalie.

Vor ein paar Jahren habe ich einmal einen alten Mann (jenseits der 70) in muslimisch Mittelasien getroffen, der meinte er hätte 56 Kinder. Ich war bass erstaunt. Dann rechnete ich nach. (Man muss dazu wissen Kinder sind bei ihm Kinder und Kindeskinder usw. gewesen.) Nimmt man nun an, dass ein 70 Jähriger auf drei Generationen Kinder blickt, und man legt die unterdurchschnittliche Zahl von 4 Kindern pro Paar zugrunde, dann kommt man auf 64 Kinder, Enkelkinder und Urenkel. Leuten aus solchen Umgebungen etwas von Elternbriefen, Elternblogs und jede Menge Glossen über die Lieben Kleinen zu erzählen, ruft müdes Lächeln hervor.

Ok. Darums solls jetzt nicht gehen, sondern um die auffallenden Unterschiede zwischen dort und hier. Die Erziehung Europas hat andere Erziehungsmodelle entwickelt als die Gegenden mit normalen Beziehungen für Kinder.

Erziehung in Europa sieht so aus:
west
Die obere Kurve ist die der Mutter und die untere die des Kindes. Das Kind wacht auf, ruft die Mutter/Vater. Die Mutter/Vater nimmt es zu sich und beschäftigt sich mit ihm. Das Kind und die Mutter/Vater kommen im Wachzutand zusammen und zwar auf konfrontative Weise. Manchmal nennt man das auch Erziehung. Man kredenzt dem Kind pädagogisches Spielzeug, beschäftigt sich kurzerhand vor allem mit ihm. Irgendwann wird es müde, verlangt nach Schlaf, die Mutter legt es in eine ruhige Umgebung ab. Irgendwann wacht es auf und das Spiel beginnt von vorn. Das ist europäische Normalität und hat seine historischen Wurzeln.

In Asien sieht Kindererziehung so aus:
ost
Die Kinder sind immer bei anderen Älteren, mal die Mutter, mal die Tante, mal die ältere Schwester. Dort schlafen sie ein und wachen sie auf. Sie gehören dazu, sind aber nicht Teil eines spezielleren Interesses. Man spürt sie bei sich und geht mit diesem Wissen sorgsam um, sie bilden aber für keinen einen Mittelpunkt. Ist man in diesen Gegenden unterwegs wird man feststellen: Es gibt kein Kinderzimmer, es gibt kein Kinderspielzeug. Es gibt wenige Kindergärten, aber es sind jede Menge Kinder da.


Ok. Darums solls jetzt nicht gehen, sondern nur um einen Punkt, und zwar den Hunde Bezug zur Anomalie von Oben:

Man könnte ihn anwenden auf unsere Gesellschaft und ausführen:

Ausbildungsversicherungen, teure Indoorspielplätze, speziell auf Kinder abgestimmte Nahrung usw. sind aus Kinderlandsicht absurde Auswüchse der Wohlstandsgesellschaft. In Kinderland spielen die Kinder auf der Straße und schlafen in der Küche ein. Da muß man doch zum Schluss kommen: Die Desintegration der Familie hat sehr dazu beigetragen, dass in die deutsche Familie zunehmend Diskussionen um Kinder integriert wurden. Und man muß weiter gehen: diese Gesellschaft hat aufgehört, sich zu reproduzieren. Die Vorzug wird von den meisten der eignenen Wohlhabenheit gegeben. Kinder haben keinen Platz mehr in ihr. Und da wir es nicht wahrhaben wollen, sucht wir unsere Fetische: Elternblogs, Demographiekurven und jede Menge leere Worte.


Das ist die wahre Anomalie.

Hilfe für Anna! neue Ansätze

Anna Amalia und die Tragödie um diese Bibliothek in Weimar ist wohl jedem, der in den letzten Jahren mal eine Bibliothek aufgesucht und dort die Spendenaufrufe gesehen hat, ein Begriff. In Anna Amalia sind bisher, trotz der großen Anteilnahme von öffentlichen und privaten Spendern, immer noch 60.000 Bücher verloren, viele davon unwiderbringlich.

Jetzt ist eine Initiative gestartet, die verlorenes Kulturgut mittels kreativer Rekonstruktion zurückholen will aus dem Hort des Vergessens: “Invent lost things!” ist eine Initiative die gerade erst gestartet ist und weltweit Mitstreiter sucht.

Die Initiative scheint immer noch ein paar Probleme mit dem design ihrer Seite zu haben aber das wesentliche kann man hier erfahren.

Mittwoch, 29. März 2006

Jenseits der Moral

Wenn ich was zu tun habe, vor allem, wenn ich was schreibe, dann fehlt mir die kreative Energie zum Bloggen. Aber das ist gerade wieder mal nicht der Fall. Ganz im Gegenteil, ich habe gelesen und gelesen in Vorbereitung eines Seminars. Thema: Ungleiche Gruppen, ungleiche Verteilung und das Prinzip der Gegenseitigkeit (Reziprozität). In diesem Zusammenhang fielen mir die Schriften des Soziologen Dahrendorf auf, der in den fünfziger Jahren in der Zeit, als noch Debatten geführt wurden, mit Sigrist um die Interpretation des Wesens der Ungleichheit und der Macht stritt. In diesem Zusammenhang meinte er sehr eindrücklich, die Geschichte der Interpretationsversuche der Ungleichheit in der Soziologie ist gleichzeitig die Geschichte der Soziologie von Rosseau über Marx bis Weber. Dahrendorfs Kerngedanke, zur Ungleichheit findet sich in den Werten. Eine Gesellschaft, die nicht wertet, die keine Moral hat, die gibt es für ihn nicht. Wer sich nun den Werten getreu verhält, der erlangt immer mehr Prestige und Macht als derjenige, der sich passiv diesen Werten beugt oder gar gegen sie arbeitet.

Soweit so gut. Mit den Erfahrungen aus einer Diktatur des Proletariats und einer Wohlfahrtsgesellschaft mit Meinungsfreiheit kann ich diesen Gedanken sehr gut nachvollziehen. Doch bleibt in jeder Beschreibung etwas offen: die Zukunft.

Wird die Beschreibung der Ungleichheit irgendwann über die These zur Moralischen Gesellschaft hinausgehen und finden, dass es sehr wohl Gesellschaften ohne Werte und Moral geben würde? Gibt es eine Zone jenseits der Moral, wie Nietzsche sie fordert?

Dienstag, 7. März 2006

Im Zigeunerlager

Gerade habe ich einen lieben Hinweis einer Kollegin auf Ihre eigene Seite bekommen, in der sie über eine Fahrt in die Ukraine und ihren Erlebnissen im Zigeunerlager erzählt. Sehr schön geschrieben, sehr schöne Fotos, ja, das ist das Leben, das pralle! Ich beneide sie!

Albert von LeCoq (IV) und Berliner Sitten

Ich erinnere, diese Reihe gibt ein paar Ergebnisse wieder, die Albert von LeCoq ind Karachodscha, NordwestChina erlebte, die Gegend um die Taklamakan, die man gemeinhin Sinkiang (Xinjiang) nennt:

Ich saß ziemlich verdrießlich über der Arbeit, währen Bartus im Hofe noch hämmerte. Da besuchten mich die Notabeln der Stadt, würdige alte Herren, und hielten ungefähr folgende Ansprache: " Herr, Ihr reist jetzt fort, lange waret Ihr hier, reich sind wir alle geworden. Viele habt Ihr umsonst von Ihren Krankheiten befreit; leider habt Ihr unsere Töchter nicht heiraten wollen. Aber wir haben Euch als gutgeartete Menschen befunden. Wir bedauern, das Ihr geht, und nun haben wir noch einen Wunsch. Wenn nämlich wieder so vornehme Leute vom Hof des großen Kaisers Gillehallem (Wilhelm) zu uns kommen, dann möchten wir sie so begrüßen, wie es die Vorschrift am Hofe des großen Landes Bälin erfordert."

Ich stöhnte etwas, antwortete aber in schön gesetzten Worten, dankte ihnen für die Aufmerksamkeit, und sagte ihnen, ich hätte noch zu tun, denn wir wollten ja fort. Was den Gruß anginge, so würde mein "Held" ihnen beibringen, wie der König und die Vornehmen einander grüßen.
Ich komplimentierte sie hinaus und rief Bartus zu: "Herr Bartus, die Leutchen wollen wissen, wie man in Berlin sich auf vornehme Art begrüßt." Bartus rief: " Dat wer ick sie schon lernen." Ich ging wieder an meine Arbeit und als sie fertig war, hörte ich draußen noch allerhand Kommandorufe, und siehe! Bartus hatte die 15 alten Herren aufmarschiert, drei breit und 5 tief, sie machten ihre Diener, erst nach rechts, und sagten ganz deutlich: "Guten Morgen, olle Schafsneese", dann wandten sie sich nach der linken Seite, machte ihre Diener und sagten: "Guten Morgen, olle Schnapsneese".
Es war so komisch, das ich mit Mühe das Lachen verbiß. Hochbeglückt empfahlen sich die Leute und als Grünwedel 6 Jahre später eintraf, kamen sie heraus, machten ihre Verbeugungen höchst feierlich und begrüßten ihn nach der Hofsitte von Bälin.


Das war's es ersteinmal mit den Erlebnissen , dieses wunderbaren Wissenschaftlers. Wer mal nach China reist und in den Nordwesten will, der sollte sich unbedingt seine zwei Bücher "Auf Hellas Spuren in Ost-Turkestan" und "Von Land und Leuten in Ost-Turkestan."

Montag, 6. März 2006

Es tanzt ein Bi-ba-butzemann ...

Es tanzt ein Bibabutzemann in unserm Haus herum, fidebum!

Das, was sich hier so nach Kinderidylle anhört, ist im eigentlichen Sinne, laut Wörterbuch des Aberglaubens ganz anders zu verstehen: der Butzemann -- “Bojse Mann” ist der “Böse Mann”! In der Schweiz heißt er Buschebau, in Östererreich mal so, mal so.

Und uns wird eingetrichert, die Eltern sollen ihre Kinder nicht mit Angstmachen erziehen. Dabei drohte mein Opa immer ganz schamlos, wenn wir nicht schlafen wollten, im Kohlekeller sei das Bett schon für uns gemacht. Er würde, wenn wir nicht aufhören, einen von uns da rein schicken! Die Unterwelt, jaja, damit macht den Kindern gerne Angst.

Ich singe ab jetzt für meine Kinder verständlicher:

Es tanzt ein richt'ger Schei - heiß Kerl in unserm Haus herum, rattatum!

Albert von LeCoq (III) und die Berliner Handschriftensammlung

Hier der vorletzte Teil der hübschen Einblicke in Wissenschaftsgeschichte:

Bartus war, wie schon bemerkt, überall ein großer Favorit. Seine natürliche Heiterkeit, seine herkulische Kraft, und seine große Gutmütigkeit gefielen den Leuten. Wir haben zusammen viel gelacht.
Eine Tages sagte ich ihm( Bartus): "Herr Bartus, hier ist die Blechdose mit getrockneten Heidelbeeren, die als Mittel gegen Durchfall mitgenommen worden sind. Es sind aber Käfer hineingekommen und Sie können den Inhalt ausschütten. Die Dose wollen wir verwahren, um Manuskripte oder derartiges hineinzupacken."
Am nächsten Tage kam Bartus mit einem Stoß schöner, alter Handschriften. Ich fragte ihn :"Aber , Herr Bartus, wo haben sie den Kagaz (Papier) her?" " Jawoll , Herr Doktor," sagte er , "wie ich gestern das Zeug wegschmeißen wollte, da kamen ein paar von den alten Herren und die fragten mich, was ich da hätte. Da habe ich ihnen gesagt, das sei ein Verjüngungsmittel. Da wollten sie alle davon haben. Ich sagte ihnen aber, erst müßt ihr ordentlich Kagaz bringen und siehe, gleich brachten sie mir den ganzen Stoß. Ich habe ihnen dann davon gegeben und heute morgen waren sie schon wieder da und wollten mehr haben. Sie haben es alles gegessen, Beeren und Käfer, und behaupten, es hülfe ausgezeichnet."

Sonntag, 5. März 2006

Albert von LeCoq (II) und das Fremdgehen

Hier ein zweiter Teil aus den Reiseerzählungen:

Als wir lange Zeit dort (Karachodscha) gehaust hatten, besucht eines Tages uns der Kasi und der „Große Achund“, ein geistlicher Würdenträger, und es entspann sich ungefähr folgende Unterhaltung: „Herr, Es ist nicht gut , daß Ihr alleine lebt. Ihr müßt antwortete: „Wir sind ja verheiratet. “Darauf der jene: „Ja, Eure Frauen sind aber viele tausend von hier entfernt, hier müßt Ihr Frauen nehmen. Meine Tochter und die Tochter des Richters (Kasi) sind bereit, mit Euch den Bund der Ehe zu knüpfen.“ Dies war eine unangenehme Eröffnung. Wie sollte man die angesehenen Leute loswerden, ohne sie zu Kränken ? Ich dankte Ihnen zunächst und sagte Ihnen dann: „Freunde, Ihr wißt, daß die Chinesen hier Spione haben, die alle Woche einen Bericht nach Peking schicken, welcher unserem Gesandten übergeben wird. Der schickt den Bericht an den großen Kaiser Gillehallim (Wilhelm), in dem großen Land Bälin. Nach unserem Gesetz dürfen wir nur eine Frau heiraten. Wenn der große Kaiser erfährt, das wir hier geheiratet haben, was, glaubt Ihr wohl, das uns passiert?“ Sie strichen sich die Bärte und sagten, das wüßten sie allerdings nicht, worauf ich ihnen erklärte, daß wir dann unfehlbar 25 mit dem „großen Stock“ aufgezählt bekämen. Da entsetzten sie sich über unsere Barbarei und empfahlen sich mit Ausdrücken des Bedauerns und der Freundschaft.

Samstag, 4. März 2006

Albert von LeCoq (I) oder Gott in der Maschine

Mit Wissenschaftlern, kann man so seine Probleme haben. Ganz verstaubt in Marmor gehauen, weltbewegende Gedanken darunter auf dem Sockel. Trockene, unüberbrückbare Distanz.

Um solche historischen Persönlichkeiten mit Übermenschencharakter zum greifbaren Nachbarn von nebenan zu machen, dichtete man ihnen oft böswillig und manchmal nicht ohne Grund so manches an den Hals. Da sollen Caesaren anrüchige Beziehungen gehabt haben...War Napoleon schwul?
Es gibt jedoch eine Person in der Ahnengalerie der deutschen Wissenschaftler, über 70 Jahre ist sie nun tot, die recht frei über ihre Vorlieben, Geschicke und Mißgeschicke schreiben konnte: Albert von LeCoq.
Schauen wir uns doch mal zu ihm den Nachruf von Ernst Waldschmidt an: "Von LeCoqs Lebensweg ist nicht der übliche eines glatten Beamten." Stimmt (Das nehme ich mal vorweg.) Als Sohn eines Großkaufmanns genoß er eine ganz ansehnliche Schulbildung, konnte sein Abitur jedoch nicht zum Abschluß bringen, "wegen Teilnahme an einer verbotenen Verbindung". Aufgrund dieser "Teilnahme" wurde er aus der Schule geworfen, ging dann nach England und Amerika zur kaufmännischen Ausbildung. Später studierte er in Amerika noch Medizin.
Nach Deutschland zurückkehrend, tritt er in die Firma (Apotheke) seines Vaters ein, wird Apotheker und verkauft sie einige Jahre später. Dann siedelt er von Darmstadt nach Berlin über um dort damit zu beginnen, was ihn später zum "Orientalisten" gemacht hat.
Mit 40 Jahren tritt er als Volontär in das Museum für Völkerkunde ein, studiert gleichzeitig noch Arabisch, Türkisch und Persisch am Orientalischen Seminar an der Humboldt-Universität und fährt bereits anderthalb Jahre darauf nach Kurdistan zum Textesammeln. Dann wechselt er in die Indische Abteilung des Museums für Völkerkunde und bearbeitet hier alte Handschriften aus dem Gebiet, dem er auch später zu Weltbekanntheit verhilft: "Turfan".
Bereits 4 Jahre nach seinem Eintritt ins Museum, und 2 Jahre nach dem Wechsel in die Indische Abteilung, wird er Leiter der "Zweiten Turfanexpedition", der er ein Buch gewidmet hat, was wohl zu den witzigsten Reise und Expeditionsbüchern gehört, die ich je gelesen habe. Ausgerüstet mit zu der Zeit noch jungfräulich entwickelten Kameras, mit Aufnahmegeräten, die, ähnlich einer Platte, Geräusche aufnehmen konnten, begibt er sich nach Ostturkistan (heute Westen von China, nördl. Tibets) um in die Reihe der "Foreign Devils" aufgenommen zu werden. Nicht nur weil er den Chinesen zuvorkommt, Kunstschätze zu "entdecken" und abzutransportieren, sondern auch weil er der Chinesischen Kunst einen antiken Einfluß unterstellen konnte. Anhand einiger Lesebeispiele aus dem Buch " Auf Hellas Spuren durch Ostturkistan", was Albert und sein Kumpel Bartus alles so verzapften.


Die Franken und der Liederkasten

Der Wang lud uns dann in innere Gemächer, wo nach einiger Zeit seine Sängerinnen, große, schöngewachsene Frauen, uns Lieder vortrugen. Begleitet wurden sie von einem einzigen Musiker, der auf der si-tär, einem langhalsigen, violinenartigen Instrument, mit einem Roßhaarbogen außerordentlich anmutige Weisen hervorbrachte. Der Gesang dieser stattlichen Frauen - sie waren aber die erste Jugend hinweg - war ganz verschieden von dem nasalen Geplärr der Araber und den, mir wenigstens, unerträglichen, schrillen Gesängen der Chinesen.
Ich bat den Wang, mir diese Sängerinnen nach Karachodscha zu senden, damit ich ihre Lieder auf meinem Phonographen aufnehmen könne.
Er hielt sein Wort:. Bald nach unserer Rückkehr nach Karachodscha trafen die Damen in einer festlich geschmückten chinesischen Kutsche (sie wird dort ma-pa genannt) -mit ihrem Gesunde ein und wurden von unserem Wirt mit vielen tiefen Dienern empfangen. Zwei Räume wurden für sie geleert. Sie wuschen und schmückten sich und wir empfingen sie in unserem, mit unseren roten Bettdecken festlich verhängtem Raum, wo ihnen der übliche Imbiß vorgesetzt wurde. Sie waren zuerst sehr nervös, beruhigten sich aber bald, zumal ihnen der französische Champagner ausgezeichnet schmeckte.
Ich holte dann den "Liederkasten" (naghma sandüq) hervor, stellte, den Trichter auf und bat die, vornehmste, in den Apparat hineinzusingen.
Sie fürchtete sich ein wenig, nahm sich aber rasch zusammen und sang mit schmetternder Stimme in den Apparat - so laut zwar, daß die Vibrationen des Metalltrichters mit auf die Wachsrolle übertragen wurden.
Vergebens bat ich die zweite, leiser zu singen - beide Frauen waren doch etwas ängstlich. Sie schienen sich durch übermäßig lauten Gesang ihre Furcht vertreiben zu wollen.
Nachdem ich mehrere Lieder aufgenommen, dankte ich ihnen und entließ sie hocherfreut, eine jede mit einer russischen tila(Goldstück). Sie fuhren noch am selben Nachmittag nach Luktschun
zurück.(...)
Diese Begegnung hatte lästige Folgen. Mit der seltsamen Schnelligkeit mit der - durch den Bazarklatsch - alle möglichen Neuigkeiten im Lande verbreitet werden, erfuhren auch die Zämindars (Großgrundbesitzer) der Umgegend, daß die Sängerinnen des Wang berühmte Schönheiten, in einen zauberischen Liederkasten des fremden Herrn gesungen hätten.
Am zweiten Tage nach jenem Besuch fand ich, zu meinem Ärger, daß außer den zahlreichen Patienten auch eine ganze Anzahl würdiger, wohlgekleideter alter Herren im Hof des Serail mich erwarteten. Sie erhoben sich mit großer Höflichkeit, boten mir den Saläm, und fragten, ob Ich ihnen nicht die Lieder jener, Damen mit „Liederkasten“ vorführen wolle.
Da die Leute ganz außerordentlich höflich waren, willigte ich ein. Aber jeden Tag kamen mehr, so daß diese Besuche äußerst zeitraubend wurden.
Als daher an einem Abend der Zulauf besonders groß war, lud ich die drei ältesten dieser Herren in mein Zimmer ein, setzte ihnen Tee usw. vor und hielt folgende Rede:
„Ai dustlärim-a! o meine Freunde! Ihr wißt, daß es zwei Arten der Magie gibt; die weiße, mit Alläh, die schwarze, die mit dem Schaitan (Satan) zusammenhängt!“-
Chorus: „Bäli, turäm! Jawohl, mein großer Herr!"-
".Nun wohl. Ihr wißt, daß Allah uns Franken ein größeres
hikmät, (Verstand) gegeben hat,( Chorus: „Bäli, turäm!“) als euch, und daß wir die beiden Arten ausüben dürfen, ihr aber nur die weiße!" (Chorus.' "Bäli, türäm!") "Gut- ich bin besorgt um euer Wohl ; der Liederkasten gehört in die schwarze Magie; darin sitzt ein kleiner Schaitan, der schreibt, die Worte auf und singt sie nachher! Nun geht und sagt das den anderen Herren. Wenn ihr trotzdem die Lieder wieder hören wollt, werde ich sie vorführen! Nur müßt ihr dies alles wissen!“

Ernsthaft strich man sich die Bärte unter frommen Ausrufen. Sie entfernten sich und sprachen mit den anderen. In knapp drei Minuten waren sie wieder da -"Taksir, türäm! Du willst uns, nur loswerden! Da ist kein Schaitan, das ist nur eine makina( Maschine), die Ihr Franken euch ausgedacht habt, und wenn du willst, so lasse uns die Lieder hören!“
Ich war entzückt über diese, die alte Kultur der Leute bezeugende Antwort und führte ihnen den Liederkasten vor.

Freitag, 3. März 2006

Gaunergrammatik

Dem Sprach- und Kulturgelehrten Shlomo a Lurion war fad. Seine Studierstube roch ihm nach arg verschimmelten Gedanken. Die Schriften auf losen Blättern Papier lagen überall herum, hatten für ihn aber keinerlei Bedeutungen. Wilhelm Mühlmann, Richardt Thurnwaldt und deren Rumgeseiere über menschliche Urkonstanten. Die einizge Urkonstate von Shlome a Lurion war, dass ihm fad war. Er brauchte Abwechslung! Wie oft hatte er schon die Matrizen angehört, auf denen er Mundarten der Gauner sammelte? Hunderte Male! Zugegeben, es war auch eine stattliche Wörtersammlung fremder Gaunersprache dabei herausgekommen aber pf! das Ganze ergab doch nichts, absolut nichts vernünftiges. Er brauchte mehr, mehr Geschichten, mehr Sätze, mehr Wörter. Er brauchte sie von allen, von den Nutten, huhh waren die heiß, wenn man ihnen die eine oder andere Mundart herauslocken wollte, den fahrenden Handwerker, bei denen die Fäuste locker saßen, den herumziehenden Wandermönchen, die mit ihren Penisringen nicht nur die Frauen auf dem Land in heilige Liturgien versetzen konnten, den fahrenden geheimniskrämerischen Juwelieren, er brauchte Sprachmaterial von allen. Das war das Leben! darin konnte er sich baden, nicht in diesem sterilen Theoretikerjargon der ängstlichen Sesselfurzer.

Und so schloss er das Zimmer in seinem Wohnviertel sorglos zu und ging durch die geschäftigen Straßen in der Nachmittagssonne in das Bahnhofsviertel. Darin lag eine Kneipe, eine ganz besondere Taverne, in der sich Hinz und Kunz trafen. Leute aus der Diebesgilde, den Kesselflickern, den Bettlern, den Babyhändlern, kurz alle, die neben zwielichtigen Geschäften auch gleich noch zwielichtige Ausdrucksweisen hatten.

Die Tür ging auf und er trat in eine weitgehend stille Kneipe. Für die Massen war es noch zu früh, die mußten zuhause noch nach dem Rechten sehen und das von ihren Frauen bereitete Mal einnehmen. Mit nüchternem Magen trinkt es sich nicht gerne!
Nur Gadar Schwarz, der Narr war da. Shlomo ging zu ihm, er bekam wieder diese geilen Schweisshände, die er immer bekam, wenn er Unbekannten gegenübertrat und Wissen zu finden hoffte.
"Hallo, meine Name ist Shlomo!"
"Hmm!" murrte der Hospitalismusfreak Gadar.
"Ich brauche Wörter, deine Wörter aus deiner Sprache!"
"Hmm, bekomm ich dafür ein Bier?"
"Na klar!" Schlomo freute sich, er hatte wieder einmal einen Untergrundler an der Angel.

"Also!... ", begann er freudig erregt auf Gadar einzuquatschen, der seinen Körper immer mehr nach vorn und nach hinten wippen ließ. Das war kein gutes Zeichen, vor allem war es das totsichere Zeichen, dass Gadar ihm gar nicht zuhörte.

"Nun ja", bemerkte Schlomo, als er sah, dass alles Reden sogar an der Tapete abprallte, und die war sonst recht verständig, jedenfalls in Schlomos Augen. "Dann versuchen wir es doch auf deine Weise! Erzähl mir einfach eine Geschichte!"

Da fing Gadar an: "Was soll ich Dir Oberschlaumeier schon erzählen? Passiert ja so nicht viel hier… Aber heute, da bin ich in der Strasse der Juweliere gewesen. Da gab es eine Braut, Mann! die hatte Titten, so geile Möpse, dass ich volle Kanne einen Steifen bekommen habe. Dann schaue ich runter auf ihren Arsch und was sehe ich? Zwei pralle feste kleine Berge und die Gegend um die Fotze, die wölbte sich schön nach vorn. Hm, ich war gespannt wie ein Flitzebogen. Aber was soll’s war eh für die Katz. Ihr Kätzchen schnurrt eh nur für die die Reichen! Kriegt ja von ihrem Alten auch die nötigen Penunzen, für ihren Spaß. Ha, soll sie nur machen, ist ja noch nicht unter der Haube, kann se sich ja noch ausprobieren."

Schlomo war begeistert. Ein Kollege, Lutz der Hammer, hatte ihm schon vor Jahren zu dieser Technick geraten. Er nannte es ‚’orale Geschicht’’ bei oral musste Schlomo immer an die Foltermethoden der Mädels aus dem Internat denken. Die wandten sie aber komischerweise nur bei den bebrillten Leseratten an. Naja jetzt hatte sie sich gelohnt. Er hatte zwei Fliegen mit einer Klatsche erlegt. Erstens hatte er einen Teil des Alltages aufgenommen, zweitens hatte er wieder seine Wortliste geheimer Gaunersprachenwörter vervollständigt:
  • Oberschlaumeier,
    Braut,
    Titten,
    Möpse,
    volle Kanne,
    einen Steifen,
    Arsch,
    Fotze,
    gespannt sein wie ein Flitzebogen,
    schnurrendes Kätzchen,
    Penunzen,
    unter der Haube
Er würde jetzt Heim gehen und in die Wörterbücher schauen. Wochen der ausgefüllten Arbeit lagen vor ihm. Er freute sich unbändig. Er war auf seinem Weg zur Gaunergrammatik wieder einen Schritt näher gekommen.

Untergejubelte Geschichten

Es gibt jede Menge Märchen. Die Romantiker, die auszogen den Leuten diese zu entlocken, haben das ihrige getan, um sie fest in unser heutiges modernes Literaturgut zu verankern. Dass es Märchen über Zigeuner gibt, sollte da nicht verwundern. Dass diese aber zum Teil gar nicht von Zigeunern stammen, wurde anhand der durch deutsche Forscher ''gesammelten'' Märchen schon mehrmals bewiesen. Soweit so gut! Ich wollte trotzdem so gut wie alles, was man über Zigeuner finden kann, in meinen Bürcherschrank stellen. Die guten interessieren mich eben. Da die Bücher der DDR Verlage alle schön billig in den Antiquariaten zu bekommen sind, habe ich mir vor ein paar Wochen einen ganzen Schub dieser Literatur billig ergattert, unter anderem das Buch: ''Der Nachtvogel. Zigeunermärchen aus Rußland.'' Hier gibt es das Märchen: ''Wie sich die Zigeuner über die Welt verstreuten''. Ich bin immer schon ganz heiß gewesen nach Urspungsmythen. Die machen einem immer auf so schön metaphorische Weise den Grund der Existenz von bla bla klar.

Nur über die Zigeuner, da wurde bisher soviel Mist drüber geschrieben, dass ich ganz gespannt war, wie denn wohl russische Zigeuner ihren Urspung erklärten. Und da lesen wir folgendes:

Es ist nun schon lange her, da war ein Zigeuner mit seiner Familie unterwegs. Sein schwächliches klapperdürres Pferd mußte einen vollbeladen Leiterwagen ziehen, denn der Zigeuner hatte eine große Familie, eine ganze Schar Kinder. Wie sollte er sie alle satt bekommen? Auch das Pferd wollte fressen, aber nirgends war Heu zu ergattern. Der Zigeuner mußte stehlen, doch das klappte nicht immer. So zog er durch die Welt und litt große Not. Auf dem Wagen durften nur die kleinen Kinder sitzen, sonst hätte sich das Pferd nicht mehr von der Stelle gerührt. Wer älter war, der mußte hinter der Fuhre hergehen. Der Wagen war so überladen, mit Hausrat und Kindern, daß er schwer zu lenken war. Er schwankte mal nach links mal nach rechts, mal viel ein Topf herunter mal ein barfüßiges Kind. Bei Tage, wenn alles gut zu sehen war, sammelte der Zigeuner Topf und Kind wieder ein, im Dunkeln aber konnte er nicht alles im Auge behalten. Wie sollte er auch bei den vielen Kindern? Also gab er dem Pferd die Peitsche und ging immer geradeaus. Und so geschah es denn: da blieb ein Kind zurück, und da ein zweites. Der Zigeuner durchstreifte die ganze Welt, fuhr kreuz und quer durch alle Länder, und überallhinterließ er Kinder. Seit damals haben sich die Zigeuner über die ganze Welt verstreut.

Als ich das las, war ich sauer! Na toll, schon wieder so 'ne Geschichte Nichtzigeunern über Zigeuner.
Das ungeheuerlichste zuerst: Die Geschichte unterstellt dem Zigeuner Sorglosigkeit im Umgang mit seinen eigenen Kindern. Wir wissen, die Familie ist der Zigeuner höchstes Gut. Ihre Angelegenheiten gehen alle Mitglieder an, die Schande des einen ist die Schande der anderen, der Ruhm des einen schlägt sich auf die anderen nieder. Hier aber ist dem Mann das Schicksal seiner Kinder egal. ''Hmm naja, wieder eins verloren'' will er sich gesagt haben und zog weiter? Im richtigen Leben hätte er, auch wenn in der Nacht einer vermißter wird, Himmel und Hölle, alle Mitglieder seiner Familie in Bewegung gesetzt, um ihn wieder zurückzuholen. Wäre es eine Tochter gewesen, hätte er wohl noch harscher und konsequenter gehandelt, denn die Tochter verkörpert die Ehre ihres Vaters, ihre Veräußerung an eine andere Familie, ist mit größter Vorsicht zu bewerkstelligen. (Außerdem ziehen Zigeuner nicht nachts durch die Gegend!)

Der zweite Stein des Anstoßes, ist in der Geschichte der Anstoß: ein Mann wohnt einfach so auf einem Leiterwagen. Und da es bitterarm ist, muss er umherziehen. Also: wäre er bitterarm, würde er sich in den Wäldern in einem Erdloch aufhalten, würde sich von den Früchten des Waldes ernähren und könnte sich nie und nimmer einen Leiterwagen leisten. Zweitens: er würde keine der Bratpfannen einfach mal so in der Nacht vom Leiterwagen rutschen lassen. Die ganze Armutstränendrüse ist das Stereotyp der Nichtzigeuner, die sich immer wieder erklären müssen, warum Zigeuner wohl vor ihrer Nase die Hand aufhalten. Doch Zigeuner, die sich natürlich auch durch Bettelnomadismus durchschlagen, nutzen nur hier das Barmherzigkeitsgebot der Gemeinschaften als Einkommensstrategie, was noch lange nicht heißen muß, dass sie auch wirklich arm sind.

Das dritte und letzte, was es hier zu meckern gibt, ist das Design der Geschichte als Unterwanderung der Welt durch Zigeuner. Sie spricht ihnen zwei Sachen ab, einen eigenen Stolz, ein positives Selbstbewußtsein, und ebenfalls die Möglichkeit, das eigenes Tun durchaus eigene Motive haben kann und nicht aus dem purem Zwang der Armut geschieht. Dass der Bettler das Stigma der Armut benutzt, um selbst davon zu profitieren, schon klar. Aber das er es bewußt tut, dass wollen wir manchmal nicht kapieren.

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Impressum

Olim ist ein arabischer Vorname, der sich aus der Silbe ilm ableitet und soviel heißt wie der Wissende oder Wissenschaftler. Ich habe den Namen 1994 in Buchara verliehen bekommen und ein Jahr später angefangen, Mittelasienwissenschaften zu studieren. Das tue ich heute immer noch im fortgesetzten Stadium. Devona ist ein Wort das man fuer verrückt, entrückt, weggetreten benutzen kann. Es hat immer irgendwie mit Liebe zu tun, zu den Menschen, zum Leben, zu Gott. Naja und das zusammen macht die Figur Olim devona aus. Manchmal schlüfe ich in sie hinein und fuehle mich dann total devona.

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