Montag, 29. Mai 2006

Lehrmeister Lynch

Gerade erreichte mich diese Nachricht einer Kollegin.
Im Folgenden geht es um eine Säuberungsaktion unter einer Zigeunergruppe im Elsaß, die Richter Lynch im Mitteleren Westen nicht besser hätte machen können.

" Zippo-Attacke"
Frankreich: Die "Wracks" [ Zigeunerwohnwagen] abzuschleppen wäre der Kommune schlicht zu teuer gekommen. Als Mann der Tat beschloss Michel Habig, der Bürgermeister des elsässischen Dorfes Ensisheim bei Colmar, die 14 Wohnwagen einer nicht genehmigten Siedlung kroatischer und rumänischer Roma kurzerhand abzufackeln. Das geschah im Januar. In der vergangenen Woche wurde er wegen "Zerstörung von Gütern mit gefährlichen Mitteln" zu sechs Monaten Haft auf Bewährung und 5.000 Euro Geldstrafe verurteilt.
Die "Säuberung" habe er auf den "Druck der Bevölkerung" hin veranlasst, sagte Habig der Tageszeitung l´Alsace. Tatsächlich hatten sich tausend Einwohner auf einer Unterschriftenliste für das Vorgehen ihres Bürgermeisters ausgesprochen. Auch bei der Verhandlung in Strasbourg füllten seine Anhänger den Gerichtssaal. Die vier an der Tat beteiligten Polizisten wurden freigesprochen. Einer von ihnen hatte nach der Tat im Internet Fotos von der Brandstiftung veröffentlicht und dazu angemerkt, er habe eine seiner Phantasien realisieren dürfen: eine "Zippo-Attacke" auf ein Zigeunerlager.


Da kommt man also auf dem Weg vom Sofa in die Unterwelt mit einer Bewährungsstrafe davon. Hätte, hätte [er ein Villenviertel angezündet, einen Supermarkt ausgeräuchert, eine Firmenzentrale ausgebombt ... naja] liegt im Bette

Dienstag, 16. Mai 2006

wahr/falsch

Gerade das hier im Mailverteiler gehabt: eine wahr/falsch Austellung in Wien, ein kleines Zitat:

Wie funktioniert die Wissenschaft, und wie greift sie in unser Leben ein? Was ist wahr und was ist falsch? „die wahr/falsch inc.“ stellt Fragen und liefert keine Antworten, weil Wissenschaft und Kunst nie Antworten liefern, sondern immer nur neue Fragen stellen können.

Donnerstag, 11. Mai 2006

Na, schönen Dank Herr Enzensberger! Offener Brief

Der von Ihnen, Herr Hans Magnus Enzensberger, gefeierte Essay über die “radikalen Verlierer” machte ja nun seit seinem Erscheinen im Spiegel die große Runde, jetzt ist Ihr Büchlein dazu herausgekommen und wurde just letztens in der Zeit mit “Danke, Enzensberger” betitelt.

Und wirklich, die Studie fängt schön an, ist ein brillianter Essay über die Motivationen alleingelassener und sich ihrer eigenen Unfähigkeit gewissen Verlierer, die allwöchentlich in den Boulevardblättern ihre fröhlichen Urständ feiern. Wir wissen es seit Natural Born Killer, seit Bowling for Columbine, seit Nietzsche... Wie sagt da Nietzsche in seinem “Jenseits der Moral”?: Es haben manche Intellektuellen "einen lüsternen Geschmack am Befremdlichen, am Schmerzhaft - Paradoxen, am Fragwüdrigen und Unsinnigen des Daseins, [...] oder endlich ein wenig Gemeinheit, ein wenig Verdüsterung, ein wenig Antichristlichkeit, ein wenig Kitzel, und Bedürfnis nach Pfeffer."

Soweit so gut, die Studie ist ein hervorragendes Porträt eines Verlierers unserer Gesellschaft, der Moderne mit ihren Eigentümlichkeiten für Individualisierung, Komplexifizierung, Wertebildung aus Arbeitsethik, Wertschöpfung usw. Doch das sind die ersten 24 Seiten Ihrer 52 Seiten umfassenden Broschürche. Was geschieht in der anderen Hälfte des Buches? Sie, Herr Enzensberger besitzen den Mut und wagen sich heraus aus der Ihnen wohlbekannten modernen Welt und versuchen die islamischen Länder und wie Sie selber sagen ihre “Mentalität” zu verstehen.Und das (mit Verlaub) Herr Enzensberger, das ist völliger Nonsens. Aber ich schähme mich schon meines “völlig”, denn Ihre essayistische Stärke schafft es, Ihnen bis zur letzten Zeile ihres Werkes zu folgen, ohne das einem langweilig wird. Manchmal jedoch, manchmal wird einem schlecht dabei. Warum? Sicher nicht aus der oberlehrerhaften Arroganz von einem der es besser wissen will, sondern weil ich in Ihnen einen Kulturkämpfer entdecke, der eben das, was er am Anfang kritisiert in der zweiten Hälfte des Essays immer und immer wieder macht: Wertedisskussion. Doch, mit welchen Werten beschäftigen Sie sich: mit den Werten der modernen Welt und nicht mit den indigenen Wertesystemen der 1,8 Milliarden, wie Sie uns vorrechnen, Muslimen.

Um das nun aber stichhaltig zu begründen, muß ich ein bißchen mit meiner Kritik ausholen.
Ihre Analyse der westlichen Welt und ihrer Einzelgänger stützt sich, und das ist sicher richtig, auf den isolierten Einzeltäter, den keine Menschenseele wahrnimmt und wahrnehmen will.
In ihrem Fußnotenapparat darf man Wolfgang Sofsky finden, der mit seinem “Traktat über die Gewalt” genau diesen Ansatz der Gewalt des Einzeltäters, nicht des Kollektives ebenfalls vertritt.
Da Sie sich aber nun mit ihrer Einschätzung der islamischen Welt nicht auf Ihre eigenen Beobachtungen berufen wollten, haben Sie ja nun ein bißchen nachgelesen. Aber warum mußte es denn Oliver Roy sein, ein Politologe, dessen intime Kenntnisse über den politischen Islam er englisch geschriebenen Webseiten verdankt, die in der modernen Welt hergestellt und für unsere Gesellschaft geschrieben worden sind. Oliver Roy, Ihr Experte bedient sich selbst eines Küchenpersisch und ist, wenn er first class nach Iran und Afghanistan geflogen wird, sicherer im Umgang mit Muslimen ist, wenn er Übersetzer dabei hat. Sie stützen sich weiter auf Human Development Reports, die für eine Agentur geschrieben wurden (und da ist es unerheblich ob von Muslimen oder Nichtmuslimen), die sich dem Durchsetzen modernistischer Eschatologien verschrieben hat. Im Ethnologensprech heißen diese Institutionen Gutmenschenorganisationen.

Ich will mich nicht in Details verlieren, das würde ein vollständiges Kennen des Textes voraussetzen seitens derer, die diesen offenen Brief ebenfalls Lesen können. Ich will mich hier jetzt nur auf die Grundprobleme konzentrieren, an denen ihr hehres Zieles einer Analyse der islamischen (wie sie jedoch immer sagen arabischen Welt) Welt und ihres Islamismusses scheitert.
Sie brauchen für Ihre essyaistische Brillianz die Verkürzung und sehen Sie im Einzeltäter. Sie erschaffen ihn, in dem Sie einen (auch politisch) multiplen Islam zu einem gemeinsamen Islamismus konstruieren. Sie schaffen es weiterhin, 600 Jahre zusammenzufassen und auf den heutigen Zeitpunkt zu fokussieren, und dabei in Ihrer Argumentation mit Texten aus der Kreuzfahrerzeit aufzuwarten und mit Texten, die islamische Modernisten vor 100 Jahren als Kritik an ihre eigenen modernismusresistenten Landleute richteten. Das vermischen sie zu einem heutigen Präsens. Scheint es nicht schon hier sonnenklar, dass diese Texte den Leute in den islamischen Ländern heute nicht bekannt sind, vond denen sie nichts mehr wissen (wollen). Würden Sie zur Beschreibung der heutigen Lage auf römische Beschreibung der damaligen Germanen zurückgreifen?

Sie gehen in Ihrer Analyse von Einzeltätern aus, die ihre Kollektive finden, in denen sie sich aufgehoben fühlen und ihre schläfrige Gewaltmischung explodieren kann. Sie vergessen jedoch, dass im Islam es kaum Einzelne gibt, denn das hier agierende Kollektiv ist die Familie.

Sie arbeiten immer wieder mit den selbst in der modernen Welt überholten Argumente der Modernisierung. Für viele islamische Menschen können diese gar nicht gelten, da sie anderen Wertesystem anhängen. Dafür gebrauche ich Ihre Idee der Kühlschränke, Steckdosen usw. In der islamischen Werteskala steht der Händler gleich über dem Bettler, weil der, wie der Bettler weder ausreichend Land, noch ausreichend Vieh besitzt, um sich selbst zu ernähren. Ebenso steht es mit dem Handwerker. Handwerker, Bettler und Händler (und da sind wir Simmel für seine Analyse des Fremden dankbar) jedoch können es selten Leute aus den eigenen Reihen sein. Erstens, weil es anthropologisch gesehen unabdingbar ist, dass man sich eine gewisse Fremdheit behält, denn nur so erreicht man, dass der Verkehrshandel (Übervorteilung) nicht in den Gemeinhandel (fairer Tausch) umschlägt und somit in den eigenen Ruin führt. Zweitens, weil es einfach sich nicht mit den islamischen Werteskalen verträgt und schon deshalb nicht als Fehler im System oder Minderwertigkeitkomplexfördend ausgelegt werden kann, sondern als unerträglich für das eigene Los.

Ebenso unerträglich muß es dem auf Autonomie bewußten Muslimen gehen, wenn er mit allen hübsch nach (ihren) westlichen Maßstäben in einer globalisierten Welt leben muß. Die meisten (und das sind nicht die politischen) Muslime ignorieren das, was Sie hier Globalsierung nennen. Oder sie nutzen ihre Teilerrungenschaften für sich, weil die anderen “minderwertigen” Händler, Industriellen usw. “so schön doof” waren, ihnen es in den Schoß zu legen.

Der Höhepunkt Ihrer eigenen Projektion vom minderwertigen Fremden ist die Muslimen in den Mund gelegte Arroganz gegenüber anderen Wertesystemen, Religionen usw. Gewiß, es läßt sich für jede Argumentation ein hadiz oder eine Koransure finden, auch die Bibel mußte für alles mögliche herhalten aber mal ehrlich: wie lassen sich dann Phänomene wie Gastfreundschaft gegenüber jedem(!) Gast, die Hochschätzung der Mutter in jeder (!) Familie, die Höchstschätzung der eigenen Tochter (denn die verkörpert die Ehre des Vaters !) erklären. Das, was sie hier an Frauenfeindlichkeit beobachten, ist das fast Jahrhunderte alte Argument der Kulturkämpfer, das ignoriert, daß Söhne von ihren Müttern erzogen werden! Die an vielen Stellen verzeihliche Detailungenauigkeit ihres Essays öffnet hier Tor und Tür für alle, die im Islam einen Kollektivfeind sehen wollen. Übrigens ist es ein Jahrhunderte altes Topos seine Feinde zu diffamieren, in dem man ihnen Frauenfeindlichkeit und Schändung von den gesellschaftlich Schwächsten unterstellt, wie Sie es mit ihren zerstörten Krankenhausbildern aus Hollywoodinszenierungen erträumten Metaphern schaffen. Das ist ein altes Anthropinon, denn hier sammelt sich dann die Wut des eigenen Kollektivs gegen seine Feinde.

Ich wollte, ihre Analyse wäre mit ihrer Brillianz bei Phänomenen vor der Haustür geblieben, denn hier finden Sie den Stoff, der Ihnen recht gibt. Hier gibt es die radikalen Verlierer, die Visionslosen. Es sind die (nach Nietzsche) mit dem schöpferischen Nein der aus geborene Sklavenmoral geborenen Überzeugungen, die anderen zum Umsturzgedanken verhelfen. Diese lassen ihre radikalen Verlierer erkennen und das macht ihre Studie brilliant. Aber sie wird gefährlich, wenn der Verliererstatus zur Projektion wird: hierfür benutzen Sie die islamische Welt. In Ihrem Falle bleibt es nur eine traurige zum Kulturkampf geborene Projektion, die so besser nicht ausgesprochen worden wäre!

Mittwoch, 10. Mai 2006

Endlich vorbei: Dieses sind die 90er, schocken kannst Du niemals nie!

Das nun war die Realität, mit der ich aufgewachsen bin; frisch rauspubertiert aus einem System in dem die Auflehnung gegen das System schon seine fröhlichen Urständ feierte, wenn man mit Plastiktüten mit Westwerbung zu Schule ging, rein in eine fatalistische Gesellschaft, in der die Rebellion schlechterdings unmöglich war. Sie kollabierte mit dem liberalen System der alles vereinnahmenden Kapitalisten, machte aus jedem Rebellionsfurz eine “Leck mich am Arsch Fashion”. Selbst ein Negativiro wurde milde belächelt und führte in meiner Umgebung zu einem “huch!” aber zu keinem “Ach Du Scheisse!”. Mein Freund dagegen wurde mal mit seinem Iro aus einem Reisebüro rausgeschmissen. Dafür habe ich ihn beneidet, nur fragte ich nie, wo man dieses Spießerparadies finden könne. Ich wäre da auch allzugerne mal angeeckt. Wollte man also intelligent rebellieren, nicht wie meine Ex Schulkameraden mit dem Hitlergruß in der S Bahn und dem allabendlichen Zusammenschlagen von Asylbewerbern, die auf dem Weg zu ihren Heimen in deren Fänge gerieten, wollte man also intelligent rebellieren, so wie die Punkbewegung in den 80ern wo einfaches Aussehen schon die Geister scheidete, konnte man einpacken. Die, gegen die es hätte gehen können, interessierten sich nicht dafür oder waren selbst schon auf der eigenen Seite. Gegen den Irakkrieg sein, hieß mit Lichterketten von “Unter den Linden” zum “Brandenburger Tor”, da mitzumachen verriet vielleicht einen linken Impetus, war aber scheiße Mainstream. War man für den Irakkrieg, war man im Amerikanismus der CDU verfangen. War man für den Jugoslawienkrieg, reichte man der einen Mehrheit die Hand, war man gegen ihn der anderen Mehrheit. Rebellion abseits der Politik wurde in Tüten verpackt und in die Schaufenster gelegt. Als die ersten Kaufhauspuppen ihre Rastazöpfe trugen, war ich froh, meine bereits abgeschnitten zu haben.

Und nun, seit dem moralischen Aufwachen all unserer lieben süßen Neukonservativen, der Moralapostel, der Kulturkämpfer, der Exliberalen und Globalisierungseschatologen ist die Rebellion wieder möglich; endlich! Man ziehe sich eine Burqa an und gehe damit in die Schule, schwupps ist man standrechtlich, ohne Untersuchungen suspendiert. Und das schöne daran: Burqas gibt es nicht bei C und A und wird es sobald auch nicht geben. In der DDR verlangte eine auf die Klotür geschriebene Parole nach tagelangen Aussprachen. Heute ist es supereinfach. Will eine Klasse auf autonome Klassenfahrt gehen, vielleicht selbstorganisiert in die Rütlischule nach Berlin, dann ziehe man sich einfach kollektiv eine Burqa über. An irgendwelchen Vermummungsverboten sollte das wohl nicht scheitern. Sitzen die Jungs und Mädels in den Gymnasien wie in den Hauptschulen schon seit Jahren nach dem Kiffen auf dem Schulhof mit Sonnenbrillen im Unterricht und schweigen kollektiv, so ist das hingenommene Reaktion eines pupertierenden Volkes. Kleiden sie sich aber in die Tracht des Kollektivfeindes, werden sie schwupps verbannt.

Das brisante daran: Die Rebellion kommt nicht aus den warmen Stuben der verwöhnten und entvisionierten Bürgerkinder. Sie kommt aus den Reihen der seit Jahrzehnten entrechteten und mißachteten. Die dritte Generation der Wirtschaftsflüchtlinge, die keine Heimat hier bekommen und keine mehr da haben, wohin sie abgeschoben werden sollen, wenn sie nicht konform sind, begehrt auf. Nimmt sich der revolutionären Methoden, die Sorel noch die “erhabene Gewalt” nannte an (eine Gewalt, wie die Gewalt der Anarchisten, die direkt sein sollte und nicht durch die längst mediatisierte List ersetzt.) Und weiter: Diese Rebellion tut weh. Sie tut weh bei denen, die sich sicher wiegten in ihrem Wertesystem. Egal wie sie sozialisiert wurden, sie entdecken Werte wieder, die sie mit den leeren Hüllen “Abendland” bezeichnen: Freiheit, Pressefreiheit, demokratische Grundrechte, die Kette ist endlos. Doch die Kette schafft ein Kollektiv, ein Kollektiv deren Eintrittskarte Fragebögen sein sollen. Die Menschen mit Fragen konfrontiert, die sie selbst nicht beantworten können: “Die Demokratie ist nicht die beste aller Gesellschaftsformen, aber die Beste die wir haben, was sagen Sie dazu?” “Scheiss drauf!” Sage ich, denn die Demokratie die hier gemeint ist, ist kein toleranter Pluralismus, sondern eine eine Ausschlussgemeinschaft “wertebekennender” Bürger. Und deren ureigensten Wert, die Freiheit, die sie mit Füssen treten. “Freiheit ist immer die Freiheit der Andersdenkenden!”, mit diesem Spruch der Rosa Luxemburg, wurde die DDR in meiner Jugend erschüttert. Das Land in dem ich lebe scheint gerade in diesen Tagen wieder einmal erschüttert zu werden. Das schöne dabei ist: Sie wird erschüttert durch einen Stoff, den man über sich zieht und mit dem man der Öffentlichkeit den Blick zu sich selbst versagt. Und hoffentlich lange: den Stoff, wird man so schnell nicht in Plastik verpacken und in die Schaufenster legen können. Die Burqa kauft man lieber in den Geschäften der Muslime und die haben sogar noch was davon. Mitten im Kapitalismus!

Montag, 8. Mai 2006

Ich kann nicht anders!

Genauso wie die verhassten Streber in der Klasse immer ihre Finger schnippsend streckten, um dem Lehrer ihre notgeile Mitarbeitsbereitschaft zu demonstrieren, fühle ich mich jetzt, auch in das Horn hineinzustossen, in das derzeit so heftig geblasen wird. Aber ich kann nicht anders.

Urbane Penner, Prekariat her oder hin, wo die hier beschriebenen Phänomene hinführen können, zeigt uns der Herr Enzensberger: In den Kult der Totalverlierer.


Dieses haarscharfe Urteil (und ich vergesse dem Super Magnus, dass er bis hin zur Globalisierung ausholt, das hätte er sich kneifen können!) hat eine neue Qualität in sich. Doch dazu muss ich weiter ausholen.

Die Quelle im Modernen Denken und derjenige, der in der Neuzeit das Phänomen auf einen Punkt gebracht hat, ist olle Nietzsche. Im seinem Buch "Jenseits der Moral" machte der auf eine Dichotomie aufmerksam: die Herrenmoral und die Sklavenmoral. Sklavenmoral, meinte er, ist die Grundlage der jüdischen und christlichen Religion. Entgegengesetzt zum Herren, der "Ja" sagte, handele es sich bei der Sklavenmoral um ein Ressentimentdenken, an dessen Ende ein schöpferisches "Nein" steht.
Dieses Ressentiment spiegele sich im Satz: "Die Letzten werden die Ersten sein!" Die Hoffnung, daß sich das vorhandene Ungleichgewicht, wenn auch am jüngsten Tage, in ein Gleichgewicht verwandeln würde. Egal ob es dann "Wolf neben Schaf" hieße, oder "Umkehrung der Verhältnisse" es ist das Ressentimentdenken und das Schöpferische "Nein", dass Triebfeder solchen Denkens sei. (Da ich hier keine Lust habe mich weiter in Nietzsche zu verlieren, empfehle ich nur ihn höchst selbst bei Ressentiment in Literaturliste.)

Dieser Grundgedanke wurde von Max Weber in seinem Versuch zur protestantischen Arbeitsethik in den Sozialwissenschaft exemplifiziert und in der Ethnologie von dem umstrittenen Wilhelm E. Mühlmann in seinem Buch "Chiliasmus und Nativismus. Berlin 1961" für ganz breite Volksbewegungen dingfest gemacht: Umsturzdenken und seine Triebfedern in der christlichen und jüdischen Religion.

Im Kern steht dabei immer ein Gedanke: Es muß ein Schöpferisches Nein her, eine Ideologie, egal wie sie orientiert ist: rückwärts, vorwärts, nirgendwärst (Utopia).

Das was Enzensbergers Ansatz neu macht, ist seine These vom Fehlen des Schöpferischen. Er meint, dass sich im Totalverlierer (angewandt auf den Totalen Krieg der Nationalsozialisten und den Selbstmordattentäter) ein Nein äußere, dass nicht schöpferisch, sondern nur zerstörerisch ist. Kommt der ohnmächtig wütende nun in ein Kollektiv der Gleichgesinnten, dann wird seine Zerstörungswut explosiv und gefährlich. Das Fehlen des Schöpferischen und trozdem das Vorhandensein des "Nein"s ist das, was den Totalverlierer zu begreifen so schwierig macht.

Schwierigkeiten bereitet mir vor allem, dass Enzensberger das schöpferische Neinvon Nietzsche in ein einfaches Nein umformt. Er zeigt dabei, dass die Gedanken unweigerlich zur letzten Konsequenz eines solchen Denkens, in den Selbstmord führen.

Und dass, was den Gedanken zu den urbanen Pennern, Penälern, dem Prekariat, die bisher kamen gleicht, ist das Fehlen des Schöpferischen. Solange sie nichts Schöpferisches vorzuweisen haben, bringen diese Gedanken letztlich nur den schlechten Geruch der Selbstzerfleischung, des Selbstzerstörerischen...

Nabelschau

Ich weiss nicht, woran es liegt, aber irgendwie grassieren immer Sinnfragen durch die Zunft der Wissenschaftler, da gibt es "quo vadis Symposien" und Selbstbeschäftigung. Und die neue Qualität ist, dass neben Selbstbeschäftigung immer neue Worte ersonnen werden, sich selbst oder den Zwischenraum zu beschreiben: Urbane Penner, Prekariat oder Zwischenschafter (via) ...
Meine Herren!

Ich will nur die letzten Sätze des Prekariatartikels zitieren:

Die Theorieabteilungen des Euro Mayday weisen darauf hin, dass »Prekarität« ohne einen ausdifferenzierten Begriff von gesellschaftlicher Arbeit allenfalls zur Agitationsfloskel taugt. Tatsächlich entscheidet sich am Begriff der Arbeit, ob es sich bei den Prekarisierten um bloße Opfer der gesellschaftlichen Entwicklung handelt oder nicht doch um eine Avantgarde, die bereits in die Kämpfe der Zukunft verstrickt ist. Denn wenn die Macht der Verhältnisse darin besteht, sich die lebendige Arbeit anzueignen, dann schlummert in diesem Sachverhalt kraft Dialektik auch der Same der Veränderung.

Dito, sind es nun also hybride Zugvögel auf den Weg zu warmen Nestern oder eine neue Kraft? Ich bin da eher skeptisch.

Samstag, 6. Mai 2006

wo ist der Zoo?

Warum gibt es unter der Menschheit
so viele aus der Herde
der a-emotionalen Rhinozerosse?

Warum müssen die Dickhäuter
immer und immer wieder
in mein Leben eindringen?

Und wenn sie dann mal wieder
den Weg der Kommunikationssubversion
in meinen Lebenskreis gefunden haben,
dann überschütten sie mich mit ihrer Arroganz,
wollen aber die Früchte meines Leibes
als Würze gegen ihre Langeweile!

Oh, ihr Zauberlehrlinge, hinfort hinfort!!

Dienstag, 2. Mai 2006

Verknüpfungen erstellen: Sprache als ethnologisches Denkmodell

Meistens gefallen mir die Sachen, die nicht stromlinienförmig dahgerkommen (mit Ausnahme der Faltbote). Genauso wie mich sperrige Dinge, Themen und Ansätze faszinieren, beeindrucken mich immer das entwerfen von Denkmodellen, die es einem einfach und in ihrer Plastizität leicht machen, komplexe Dinge einfach zu kapieren. Es ist die Verknüpfung von bisher Unverknüpftem, die meine Begierden weckt.

So hat mich bei der Abfassung meiner Doktorarbeit die open source Bewegung beeindruckt, wahrscheinlich auch, weil “die Bibel” dieser Leute “The Bazaar and the Cathedral” ist und mir der Bazaar mit der Liebste Aufenthalt in den Ländern ist, die ich so kenne.

Auch hat mich der Gedanke von Claude Levi Strauss sehr beeindruckt, der meinte Geschichtenerzähler könne man auch Bricoleur nennen: Bastler. Sie hätten einen Handwerkskasten von Anekdoten, Ideen und Erfahrungen, aus dem sie sich beim Bauen ihrer Geschichten bedienen und sich dabei nach dem Geschmack der Leute, für die sie Basteln richten. So bin ich durch viele andere Einflüsse zu einem Fan von Baukästen geworden. Baukästen haben den Vorteil, dass man immer wieder mal in den Baumarkt gehen kann und sich ein Teil dazuholt, mit dem man bisher nicht gearbeitet hat.

Ausgangspunkt für die hiesigen Überlegungen war der Umstand, daß ich nach einer Methode suchte, den Sozialismus der zwanziger und dreißiger Jahre in der Sowjetrepublik Turkestan zu beschreiben. Mir kam die Idee, dass alles was ich aus den Archiven der Museen herausholte keine Vergangenheitsbeschreibungen waren sondern Narrative. Schlüsselsituationen in der Zeit des Aufbaus des Sozialismus, zu denen man sich positiv zu verhalten hatte, wollte man Anerkennung im neuen System. Man mußte die Konterrevolution bekämpfen, mußte die Boden Wasserreform mitgestalten, der Kollektivierung voranhelfen, die Alphabetisierung der ländlichen Bevölkerung vorantreiben... Narrative hörten sich an wie Fälle in einem Deklinationsystem, welches ich dann “Die Deklination der Wirklichkeit” nannte. Aber andere Formen des Sozialismuses ließen sich aus dem Grammatischen Modell heraus erläutern: Konjunktiv (die Allgegenwärtige Lüge im System), Superlative (das Bilden von Heldenmodellen), Subjekte (fremde Aktivisten, die Familien, die kleinen Chefs) usw. Und das spannende daran war, man konnte mit der “Gramatik der Roten Zone” auch erklären, warum sovieles nach dem Zusammenbruch schnell aus dem Leben der Menschen ausgeschieden wurde, und warum sovieles immer noch in ihnen fortlebt: Sprachen kann man verlernen, aber Teile von ihnen bleiben länger im Gedächtnis.

''Nina nina, tam kartina eto traktor i motor''

So und nun kommt der Punkt, auf den ich eigentlich zu sprechen kommen wollte: die Verknüpfung von Ethnologie und Sprache als Denkmodell. Eigentlich soll dieser Ansatz kein Oberlehrerepos sein, sondern die Einladung zum Mitdenken. Sprache ist eine der vielleicht dynamischsten Methoden Bedeutungen zu produzieren. Sie ist höchst individuell, kann aber ohne Sprachumgebung nicht existieren. Von einer Sprache gibt es mannigfaltige Varianten: Soziolekte, Dialekte, Creole, Pidgins usw. Sie zu produzieren ist ein indiviueller Schöpfungsprozeß, der aber vom Korrektiv des Kollektivs stark reglementiert wird. Sprache und ihre benutzung ist ein ritueller Akt, der Nähe wie Distanz erzeugen kann, je nach Intension des Sprechers.

Die Sprachwissenschaft und die Methoden, diese zu erklären, sind weit fortgeschritten. Sie blieben auf der Ebene der Kategorien ohne Konnotationen, keiner würde behaupten ein Genitiv ist schlecht, er wird nur in der Umgangssprache wenig gebraucht. Genauso wie keiner behaupten, würde ein Futur II ist schlecht, zum Erzählen von Geschichten ist übermäßiger Gebrauch nur unpassend, da er weniger Spannung aufbauen kann als ein Präsens, das in den meisten Sprachen auch auf das Futur ausgreift.
Mann kann also sprachwissenschaftlich die meisten willkürlichen Sprachäußerungen der Menschen beschreiben, ohne das hier Hierarchisierungen oder kausale Verknüpfungen nötig sind wie es (eine) Geschichte verlangen würde. Man hat eine Menge sprachlicher Elemente, kann aber mit nur wenigen von ihnen schon Bedeutung in der sozialen Kommunikation herstellen. Der Beobachter und Aufsteller eines Regelsystems erhebt keinen Anspruch auf Art und Weise der Benutzung einer Sprache. Er ermöglicht aber das Erlernen von Elementen dieses Systems. Hier greift der Punkt der Verknüpfung von Ethnologie und Sprachmodell. Kann man einfach die Sprachwissenschaft ausweiten und ihr nicht nur eine Sprachbeschreibung des Albanischen zutrauen, sondern auch die Sprache z.B. der Ungleichheit?
Ein Versuch:

Die Sprache der Ungleichheit,


Subjekte (Personen, die im empirischen Kontext unterschiedlichen Zugang zu Ressourcen der Macht, Produktion usw. haben)

Die Flexion der Verben

sein (Bildung der Vergangenheit von Gruppen von Minderheiten, Präsensbeschreibungen (biographische Notizen), sowie Zukunftsvorstellungen)

haben (ungleichmäßige Verteilung von Besitz und die Auswirkungen von besessen haben, zu besitzen und dem Wunsch danach zu besitzen)

können (ungleichmäßige Partizipation an Erwerbsmodellen: Selbständigkeit, Angestelltenverhältnisse, Meisterschaft, Verwaltung, Direktion usw.)

Deklinationssystem der Ungleichheit


Wer (unterdrückt, raubt aus, übervorteilt, überlistet)
... wessen (Besitz) ?
... mit wem ?
... wen?
... durch wen ?
... wo ?


Sprache kann also als Erklärungsmodell zur Überwindung des Widerspruches zwischen Ungleichheit und Gleichheitssgedanken dienen, das Erklärungsmodell jedoch verzichtet auf Konotationen und Hierarchien usw.
Neben dem Festhalten des Regelsystems, kann aber auch auf den Spracherwerb (Biographien in Bezug auf das Phänomen der Ungleichheit), auf Sprache ihrer Vermittlung durch die Gemeinschaft (sozialisierende Prozesse) und und und hingewiesen werden , das System ist mit jedem Paragraphen ausbaubar und doch verfälscht es nicht das Bild, es macht es nur dichter und die Empirie handhabbarer.

So, und nun meine Einladung zur Partizipation:
Die Spezialisten gerade in (Maschinen-) Sprachen und ihrer Anwendung sind die Informatiker und Computerspezialisten. Sie beherrschen die verschiedensten von ihnen aber auch ihre Regelsysteme. Informatiker nähern sich auch immer weiter der (menschlichen) Sprache, der Grammtik an (oder waren ihr schon immer nahe). Wie ich hörte, sagen sie, daß Programme und die Handhabbarkeit komplexer Vorgänge besser und damit ähnlich dynamisch funktionieren würden, wie Sprache, wenn sich Programme dem sprachlichen System anpassen würden. Hier kann sich ein Programm aus unterschiedlichsten Elementen selbst und kreativ schöpfen. (Ist XML schon eine Entwicklung davon?) Diejenigen, die aus der Informatikerbranche kommen, werden nur müde die Stirn runzeln und sagen, man was weiß der denn von uns? Und ich gebe gerne zu: Nicht wirklich viel. Aber ein gemeinsames Interesse ist vorhanden: die Nutzung von menschlichen Sprachen zur Behandlung komplexer Systeme, wie es Computerprogramme aber auch die menschliche Gesellschaft, die Fremde obendrein (Ethnologie) sind.

Und für alle die, die nicht zu denjenigen gehören, die nun schon zig Mal die Finger gehoben hätten. So what? Nun ja, kann mir jemand auf die Sprünge helfen, wie menschliche Sprache in der Informatik mittlerweile mitgedacht wird?

Montag, 1. Mai 2006

zwei Beispiele

Mal was Neues...

Eigentlich kann ich mich nicht beklagen, daß mir irgendwie fad sei, ganz im Gegenteil. Es liegt 'ne Menge Mist auf der Halde, der unter die Leute gebracht werden will, aber ich schiebe meine Frühjahrsmüdigkeit vor mir her .... Obwohl ich sowas noch nie hatte.

Aber trotzdem, ich habe ein neues Projekt ins Auge gefasst: Ick schreibe zusammen mit Kumpel ein Hörspiel. Das hatte ich vor Jahren mit Stralau schon mal vor, haben es aber wie so viele Projekte vertrocknen lassen. Diesmal ist das Hörspielprojekt auf solideren Füßen. Es wird eine Wiederaufnahme eines Jules Verne Stoffes. Besonders geheim ist das nicht, besonders spruchreif ist es aber auch nicht, deswegen hier keine hard facts. Ich werde in Zukunft immer mal wieder was dazu schreiben. Dies war nur die Einleitung für eine kleine Empfehlung.

Neulich traf ich mich zum Zweck der Netzwerkknüpfung mit EINEM aus dem Inneren Kreis der Hörspielmacher beim Hörfunk. Der sollte sich mal anhören, was wir vor haben und sollte uns sagen, wie man das Grundsätzliche an einem Hörspiel anpackt. Wir hatten uns seit Jahren nicht gesehen, erkannten uns sofort und der knallte mir zwei CD's auf den Tisch, die eine war eine Folge eines Hörspieldreiteilers von Jules Vernes "In Achtzig Tagen um die Erde"

die andere CD war das Kriminalhörspiel, "Nackt in Berlin."

Sie waren nicht nur durch sich heraus existent, sondern sie sollten einem höheren, pädagogischen Zweck dienen. Es waren zwei Beispiele, sagte er. Das erste war eines, das als schlechtes Beispiel dienen sollte: Es war hochdotiert, hatte lauter geile, heiße Schauspieler (Axel Milberg , Boris Aljinovic beides Tatortkomissare aus Kiel und Berlin) aber durch Umsetzung des Stoffes und Regie ein mordsmäßig langweiliges Teil eben.

Das andere, das gute Beispiel setzte sich nicht nur um Längen vom Hörspiel Nummer eins ab, ich setzte mich sogar für es eine Stunde lang hin. Man wollte gar nichts mehr nebenbei tun -- nur hören. Leider ist das Hörspiel nicht noch irgendwie in der Hörspielredaktion online gestellt. Aber wer hinmailt, sollte vielleicht Glück haben das Hörspiel zugesendet zu bekommen.

Neben ein paar Bier einer netten Unterhaltung sprangen sogar noch eine Menge Tipps an diesem Abend heraus, Hörspielautor zu werden. Falls ich das Projekt nicht austrocknen lasse, steht in diesem Blog immer mal wieder was drin.

Suche

 

Archiv

Juni 2026
Mo
Di
Mi
Do
Fr
Sa
So
 1 
 2 
 3 
 4 
 5 
 6 
 7 
 8 
 9 
10
11
12
13
14
15
16
17
18
19
20
21
22
23
24
25
26
27
28
29
30
 
 
 
 
 
 
 
 

Web Counter-Modul

Impressum

Olim ist ein arabischer Vorname, der sich aus der Silbe ilm ableitet und soviel heißt wie der Wissende oder Wissenschaftler. Ich habe den Namen 1994 in Buchara verliehen bekommen und ein Jahr später angefangen, Mittelasienwissenschaften zu studieren. Das tue ich heute immer noch im fortgesetzten Stadium. Devona ist ein Wort das man fuer verrückt, entrückt, weggetreten benutzen kann. Es hat immer irgendwie mit Liebe zu tun, zu den Menschen, zum Leben, zu Gott. Naja und das zusammen macht die Figur Olim devona aus. Manchmal schlüfe ich in sie hinein und fuehle mich dann total devona.

Here be dragons
Randzone
Reisenotizen
Sinnprovinzen
Straße der Besten
vom sofa in die Unterwelt
Profil
Abmelden
Weblog abonnieren