Freitag, 3. März 2006

Gaunergrammatik

Dem Sprach- und Kulturgelehrten Shlomo a Lurion war fad. Seine Studierstube roch ihm nach arg verschimmelten Gedanken. Die Schriften auf losen Blättern Papier lagen überall herum, hatten für ihn aber keinerlei Bedeutungen. Wilhelm Mühlmann, Richardt Thurnwaldt und deren Rumgeseiere über menschliche Urkonstanten. Die einizge Urkonstate von Shlome a Lurion war, dass ihm fad war. Er brauchte Abwechslung! Wie oft hatte er schon die Matrizen angehört, auf denen er Mundarten der Gauner sammelte? Hunderte Male! Zugegeben, es war auch eine stattliche Wörtersammlung fremder Gaunersprache dabei herausgekommen aber pf! das Ganze ergab doch nichts, absolut nichts vernünftiges. Er brauchte mehr, mehr Geschichten, mehr Sätze, mehr Wörter. Er brauchte sie von allen, von den Nutten, huhh waren die heiß, wenn man ihnen die eine oder andere Mundart herauslocken wollte, den fahrenden Handwerker, bei denen die Fäuste locker saßen, den herumziehenden Wandermönchen, die mit ihren Penisringen nicht nur die Frauen auf dem Land in heilige Liturgien versetzen konnten, den fahrenden geheimniskrämerischen Juwelieren, er brauchte Sprachmaterial von allen. Das war das Leben! darin konnte er sich baden, nicht in diesem sterilen Theoretikerjargon der ängstlichen Sesselfurzer.

Und so schloss er das Zimmer in seinem Wohnviertel sorglos zu und ging durch die geschäftigen Straßen in der Nachmittagssonne in das Bahnhofsviertel. Darin lag eine Kneipe, eine ganz besondere Taverne, in der sich Hinz und Kunz trafen. Leute aus der Diebesgilde, den Kesselflickern, den Bettlern, den Babyhändlern, kurz alle, die neben zwielichtigen Geschäften auch gleich noch zwielichtige Ausdrucksweisen hatten.

Die Tür ging auf und er trat in eine weitgehend stille Kneipe. Für die Massen war es noch zu früh, die mußten zuhause noch nach dem Rechten sehen und das von ihren Frauen bereitete Mal einnehmen. Mit nüchternem Magen trinkt es sich nicht gerne!
Nur Gadar Schwarz, der Narr war da. Shlomo ging zu ihm, er bekam wieder diese geilen Schweisshände, die er immer bekam, wenn er Unbekannten gegenübertrat und Wissen zu finden hoffte.
"Hallo, meine Name ist Shlomo!"
"Hmm!" murrte der Hospitalismusfreak Gadar.
"Ich brauche Wörter, deine Wörter aus deiner Sprache!"
"Hmm, bekomm ich dafür ein Bier?"
"Na klar!" Schlomo freute sich, er hatte wieder einmal einen Untergrundler an der Angel.

"Also!... ", begann er freudig erregt auf Gadar einzuquatschen, der seinen Körper immer mehr nach vorn und nach hinten wippen ließ. Das war kein gutes Zeichen, vor allem war es das totsichere Zeichen, dass Gadar ihm gar nicht zuhörte.

"Nun ja", bemerkte Schlomo, als er sah, dass alles Reden sogar an der Tapete abprallte, und die war sonst recht verständig, jedenfalls in Schlomos Augen. "Dann versuchen wir es doch auf deine Weise! Erzähl mir einfach eine Geschichte!"

Da fing Gadar an: "Was soll ich Dir Oberschlaumeier schon erzählen? Passiert ja so nicht viel hier… Aber heute, da bin ich in der Strasse der Juweliere gewesen. Da gab es eine Braut, Mann! die hatte Titten, so geile Möpse, dass ich volle Kanne einen Steifen bekommen habe. Dann schaue ich runter auf ihren Arsch und was sehe ich? Zwei pralle feste kleine Berge und die Gegend um die Fotze, die wölbte sich schön nach vorn. Hm, ich war gespannt wie ein Flitzebogen. Aber was soll’s war eh für die Katz. Ihr Kätzchen schnurrt eh nur für die die Reichen! Kriegt ja von ihrem Alten auch die nötigen Penunzen, für ihren Spaß. Ha, soll sie nur machen, ist ja noch nicht unter der Haube, kann se sich ja noch ausprobieren."

Schlomo war begeistert. Ein Kollege, Lutz der Hammer, hatte ihm schon vor Jahren zu dieser Technick geraten. Er nannte es ‚’orale Geschicht’’ bei oral musste Schlomo immer an die Foltermethoden der Mädels aus dem Internat denken. Die wandten sie aber komischerweise nur bei den bebrillten Leseratten an. Naja jetzt hatte sie sich gelohnt. Er hatte zwei Fliegen mit einer Klatsche erlegt. Erstens hatte er einen Teil des Alltages aufgenommen, zweitens hatte er wieder seine Wortliste geheimer Gaunersprachenwörter vervollständigt:
  • Oberschlaumeier,
    Braut,
    Titten,
    Möpse,
    volle Kanne,
    einen Steifen,
    Arsch,
    Fotze,
    gespannt sein wie ein Flitzebogen,
    schnurrendes Kätzchen,
    Penunzen,
    unter der Haube
Er würde jetzt Heim gehen und in die Wörterbücher schauen. Wochen der ausgefüllten Arbeit lagen vor ihm. Er freute sich unbändig. Er war auf seinem Weg zur Gaunergrammatik wieder einen Schritt näher gekommen.

Untergejubelte Geschichten

Es gibt jede Menge Märchen. Die Romantiker, die auszogen den Leuten diese zu entlocken, haben das ihrige getan, um sie fest in unser heutiges modernes Literaturgut zu verankern. Dass es Märchen über Zigeuner gibt, sollte da nicht verwundern. Dass diese aber zum Teil gar nicht von Zigeunern stammen, wurde anhand der durch deutsche Forscher ''gesammelten'' Märchen schon mehrmals bewiesen. Soweit so gut! Ich wollte trotzdem so gut wie alles, was man über Zigeuner finden kann, in meinen Bürcherschrank stellen. Die guten interessieren mich eben. Da die Bücher der DDR Verlage alle schön billig in den Antiquariaten zu bekommen sind, habe ich mir vor ein paar Wochen einen ganzen Schub dieser Literatur billig ergattert, unter anderem das Buch: ''Der Nachtvogel. Zigeunermärchen aus Rußland.'' Hier gibt es das Märchen: ''Wie sich die Zigeuner über die Welt verstreuten''. Ich bin immer schon ganz heiß gewesen nach Urspungsmythen. Die machen einem immer auf so schön metaphorische Weise den Grund der Existenz von bla bla klar.

Nur über die Zigeuner, da wurde bisher soviel Mist drüber geschrieben, dass ich ganz gespannt war, wie denn wohl russische Zigeuner ihren Urspung erklärten. Und da lesen wir folgendes:

Es ist nun schon lange her, da war ein Zigeuner mit seiner Familie unterwegs. Sein schwächliches klapperdürres Pferd mußte einen vollbeladen Leiterwagen ziehen, denn der Zigeuner hatte eine große Familie, eine ganze Schar Kinder. Wie sollte er sie alle satt bekommen? Auch das Pferd wollte fressen, aber nirgends war Heu zu ergattern. Der Zigeuner mußte stehlen, doch das klappte nicht immer. So zog er durch die Welt und litt große Not. Auf dem Wagen durften nur die kleinen Kinder sitzen, sonst hätte sich das Pferd nicht mehr von der Stelle gerührt. Wer älter war, der mußte hinter der Fuhre hergehen. Der Wagen war so überladen, mit Hausrat und Kindern, daß er schwer zu lenken war. Er schwankte mal nach links mal nach rechts, mal viel ein Topf herunter mal ein barfüßiges Kind. Bei Tage, wenn alles gut zu sehen war, sammelte der Zigeuner Topf und Kind wieder ein, im Dunkeln aber konnte er nicht alles im Auge behalten. Wie sollte er auch bei den vielen Kindern? Also gab er dem Pferd die Peitsche und ging immer geradeaus. Und so geschah es denn: da blieb ein Kind zurück, und da ein zweites. Der Zigeuner durchstreifte die ganze Welt, fuhr kreuz und quer durch alle Länder, und überallhinterließ er Kinder. Seit damals haben sich die Zigeuner über die ganze Welt verstreut.

Als ich das las, war ich sauer! Na toll, schon wieder so 'ne Geschichte Nichtzigeunern über Zigeuner.
Das ungeheuerlichste zuerst: Die Geschichte unterstellt dem Zigeuner Sorglosigkeit im Umgang mit seinen eigenen Kindern. Wir wissen, die Familie ist der Zigeuner höchstes Gut. Ihre Angelegenheiten gehen alle Mitglieder an, die Schande des einen ist die Schande der anderen, der Ruhm des einen schlägt sich auf die anderen nieder. Hier aber ist dem Mann das Schicksal seiner Kinder egal. ''Hmm naja, wieder eins verloren'' will er sich gesagt haben und zog weiter? Im richtigen Leben hätte er, auch wenn in der Nacht einer vermißter wird, Himmel und Hölle, alle Mitglieder seiner Familie in Bewegung gesetzt, um ihn wieder zurückzuholen. Wäre es eine Tochter gewesen, hätte er wohl noch harscher und konsequenter gehandelt, denn die Tochter verkörpert die Ehre ihres Vaters, ihre Veräußerung an eine andere Familie, ist mit größter Vorsicht zu bewerkstelligen. (Außerdem ziehen Zigeuner nicht nachts durch die Gegend!)

Der zweite Stein des Anstoßes, ist in der Geschichte der Anstoß: ein Mann wohnt einfach so auf einem Leiterwagen. Und da es bitterarm ist, muss er umherziehen. Also: wäre er bitterarm, würde er sich in den Wäldern in einem Erdloch aufhalten, würde sich von den Früchten des Waldes ernähren und könnte sich nie und nimmer einen Leiterwagen leisten. Zweitens: er würde keine der Bratpfannen einfach mal so in der Nacht vom Leiterwagen rutschen lassen. Die ganze Armutstränendrüse ist das Stereotyp der Nichtzigeuner, die sich immer wieder erklären müssen, warum Zigeuner wohl vor ihrer Nase die Hand aufhalten. Doch Zigeuner, die sich natürlich auch durch Bettelnomadismus durchschlagen, nutzen nur hier das Barmherzigkeitsgebot der Gemeinschaften als Einkommensstrategie, was noch lange nicht heißen muß, dass sie auch wirklich arm sind.

Das dritte und letzte, was es hier zu meckern gibt, ist das Design der Geschichte als Unterwanderung der Welt durch Zigeuner. Sie spricht ihnen zwei Sachen ab, einen eigenen Stolz, ein positives Selbstbewußtsein, und ebenfalls die Möglichkeit, das eigenes Tun durchaus eigene Motive haben kann und nicht aus dem purem Zwang der Armut geschieht. Dass der Bettler das Stigma der Armut benutzt, um selbst davon zu profitieren, schon klar. Aber das er es bewußt tut, dass wollen wir manchmal nicht kapieren.

Donnerstag, 2. März 2006

Wo ist die Randzone? Wo ist sie? Wie sieht sie aus?

Fragen, Fragen, fragen. Wenn man Urlaub hat, Bücher schreibt und Lebensmittel zählt, es ist ja Fasten, dann beschäftigt man sich schon mal mit der Randzone. Besonders auf Klo. Da liegt derzeit die wunderbare Klolektüre "1926, ein Jahr am Rande der Zeit". Das paßt immer gut. Kurze Stücken über ein mir völlig unbekanntes Jahr, dass mir außerdem völlig egal ist. Ist nur ein wunderbares Buch. Und der Herr Gumbrecht erzählt uns von dem 1926er Jahr in kleinen Scheibchen, wie auf Klo, äh, wie für das Klo gemacht. Und hier steht nun:" Zusammenbrechende Codes" : "Zentrum & Peripherie", dass alle immer über das Phänomen Randzone und Zentrum reden würden und so tun, als müsse man die Randzone erklären, dass Zentrum sei jedem als solches klar definiert! Ha! Erwischt! Wir denken nämlich immer, wir sind das Zentrum! Und das beim Kacken, das ist gut! Ja, die Chinesen, die sagen "`zhongguo"' -- "`Land/Reich der Mitte"', die bekennen sich dazu. Die Egozentristen, die es offen zugeben, die auch. Schlimm sind die fishing-for-compliments-Typen, oder die mit dem understatement-Fimmel. Sich selber spielerisch in die Randzone stellen und dann ins Zentrum rücken lassen, bitte, bitte, du bist doch viel besser als du denkst.

Sowas kann schon mal passieren, wenn man rumkackt, da kommt eine Erkenntnis ins Zentrum deines Gehirns. Du sitzt gar nicht in einer Randzone, sondern schleppst das Zentrum mit dir rum, sogar auf Klo. Hmmm!

und das (Öl) vertreibt uns

Es ist ein weltweites Dilemma. Menschen brauchen Öl, Gas und Strom und die Menschen vertreiben Menschen, um anderen Menschen das Raubgut an der Natur teuer verkaufen zu können. Dafür kriegt man 80 EURO Kompensation, und die Barrel-Rubel rollen. für die Privatwirschaft und für den Staat . Doch der ist in Sibirien weit weg.

Mehr über Sibirien hier.

Falls die Links nicht funktionieren einfach über das Portal zu journal.ethnologie gehen

Mittwoch, 1. März 2006

feine kommentiermaschine!

Das wahre leben hier!
Ich benutze immer, wenn ich kommentieren muß, diese Programm "Beitrag anlegen" meiner eigenen Seite: die baut mir schön in xml alles das auf, was ich nur unter Schwierigkeiten in den Kommentaren bei anderen mir selbst ausdenken könnte, ich muss nur noch texten! Und da ich dieses nun schon mal in dieses Fenster geschrieben habe, kann ich ja auch gleich auf den "Veröffentlichen" Knopf drücken, damit springe ich vielleicht auf der Startseite von twoday ein paar Plätze nach oben! Oh, die Statisitik ist das nicht der wirkliche Porno der Blogger, sie macht geil oder turnt ab, je nach Inhalt, so nun aber Inhalt auch wenn er für eine andere Seite bestimmt war

McLuhan, der alte Mann, schrieb in seiner "Mechnischen Braut" ein ´paar wundervolle Sätze in seinem Abschnitt die armen Reichen:

In der Vergangenheit befreite ein großes Vermögen seine Besitzer oft von der Ausübung niedriger Tätigkeiten und von schlechter Gesellschaft und sorgte für ein Gefühl öffentlicher Verantwortung. Heute hat sich diese Tendenz umgekehrt. Die allermeisten Reichen sind die alltäglichen Fronochsen, in denselben Tretmühlen unterwegs wie die Draufgänger, die noch am Reichtum arbeiten. Wie jeder Krämer arbeiten sie unermüdlich, pflichtbewußt, ohne die Wirkung ihres Vermögens und ihrer Macht zu überblicken.
[...]
Haben sie erst genug Geld für alle Konsumgüter, sind sie am Ziel. An diesem Punkt läßt sie der Schlüssel zum Erfolg ins Leere laufen. Es gibt keine Bäume mehr, die sie erklettern können. Am Gipfel angekommen finden sie keine Hochebene, auf der sie sich eine umfassende und nützliche Existenz einrichten könnten. Als Gipfelstürmer erben sie eine Ethik für Arbeit und Freizeit, die sich in nichts von den tief unter ihnen stehenden Toms, Dicks und Harrys unterscheidet. Hatte der englische oder europäische Geschäftsmann ersteinmal die Spitze erklommen, versuchte er, seine Existenz im Verlauf von ein oder zwei Generationen dem Adel anzugleichen. Er konnte seine Freizeit für Politik, Bildung und direktes persönliches Mäzenatentum nutzen. Heute aber ist das anders. Für uns hat der Vorgang des Ankommens Bedeutung, nicht mehr das erklärte Ziel, uns selbst zu bestimmen und die eigene und fremde Erfahrung durch unseren Wohlstand und unsere Freizeit zu bereichern.


Man könnte es nicht besser formulieren. Aber es gibt die alten Reichen immer noch: George Soros z.B. auch wenn er Politik für seine offenen Gesellschaft macht, er macht wenigstens was aus seinem Spielgeld. Der Stiftungsführer des Maecenata Instituts ist voll Leuten von kleinerem Kalliber aber mit dem gleichen Anliegen.

Es gibt noch Hoffnung, vielleicht auch für die Kinder von dem beschriebenen Paar.

Arbeit macht das Leben süß!

Gestern habe ich wieder mal Holz für die Öfen gemacht. Da nun die Schränke und andere Holzreste aus dem Keller verschwunden sind (oder mir einfach zu kompliziert sind zu bergen) habe ich mich wieder mal daran gemacht, die Palletten hinter dem Haus handlich mit der Brechstange zu zerkleinern, um sie dann später mit derTischkreissäge in Stücke zu sägen. Diese Arbeit bringt mir Ruhe und Entspannung und außerdem kann man dabei prima nachdenken. Gestern dachte ich komischerweise darüber nach, warum einige dieser Palletten so scheiße schwer zu zerkleinern sind.
Ich fluchte und zählte nach der zweiten Pallette, die mich eine Stunde kraftraubender Zeit kostete, mal spasseshalber die Nägel, die befliessene Pallettenfacharbeiter da in das Holz droschen. Um die Unwissenden aufzuklären: Palletten bestehen aus fünf Holzleisten, von denen drei (rechts, mitte, links) mit jeweils drei Füßen versehen sind. Dazwischen sind zwei Latten, um die Fläche zu vergrößern. Die Fußlatten ihrerseits haben nocheinmal jeweils eine Latte als Befestigung, ein Sandwich mit Holzklotzbelag gewissermaßen. In einige der Palletten waren pro Fußfestmachung bis zu 8 dicke sieben Zentimeter lange Stahlnägel reingedroschen. Von beiden Seiten, sind das sechzehn, daß mal neun, huch da muß ich schon den Rechner nehmen: man hat da bis zu 144 Nägel in das Holz versenkt. Schaut man sich die Pallette genau an, sieht man das Zeichen DDR im Kreis. Bei den anderen, bei denen man vernünftig mit Nägeln umging, deren Holz leicht und schnell aber wenig effektiv verbrennt, da stand EU drauf, Europalletten halt.
Hah, dachte ich, daran ging die Zone zugrunde. Gewissenlose Arbeiter, die ihre Nägelpracht einfach in die Palletten versengten. Waren diese alle, konnte man Karten spielen, der Nachschub mußte erst her, vielleicht mußte man ja sogar länger warten, hmm: “Arbeit mach das Leben süß, Faulheit stärkt die Glieder!” war das nicht ein alter Spruch von Zonenqualität?

Und ich muß mich noch fünfzehn Jahre später darüber ärgern! Kein Wunder das wir aufgekauft wurden ...

Dienstag, 28. Februar 2006

Ofen aus oder: so geht es jeden Tag

"So und nun schreibe ich ein Buch!" dachte ich mir, fing an, in den Keller zu gehen, mir Holz für den gemütlichen gußeisernen Ofen in der Bibliothek zu holen, ein paar Kleinkohlestücken für die Glut zusammenzuklauben, Feuer zu machen... Gemütlich sollte es zugehen, wenn man ein Buch schreibt!
Ich brauchte nur noch das alte Manuskript, dass ich voher vergeblich gesucht hatte und nun beschloss, dass Ganze einfach noch mal auzdrucken, das erste Kapitel wenigstens. Ich setzte also den Computer nocheinmal in Gang und schickte das Ganze an den Uralttintendrucker. Doch der Einzelblatteinzug funktioniert hier nicht, die Gummirolle hat keine Lust Blätter aufzunehmen. Und nimmt sie sie doch, nimmt sie gleich 4.

Ok. bei Blatt 9 fing ich an mir nervös ein Bier aufzumachen, bei 11 überlegte ich ob es nicht besser wäre mir die Haare einzelnen auszureissen, wenn ich schon nichts zu tun habe, bei Blatt 13 schaute ich verstohlen in die Programmzeitschrift, was es denn so Fern zu schauen gebe, bei Blatt 14 hatte der Drucker gerade 10 Blatt auf die Matrize gewürgt, ich war fertig! Ich könnte mir ja auch den Drucker sanft nehmen, ihm auf die Matrize ein bißchen Massageöl schmieren, damit es dem feinen Herren besser gefalle in meinen verrauchten Arbeitstzimmer! Nö, dachte ich, und schlug mit der Faust auf das Plastikverdeck. Die Schaale zersprang, er entblösste obszön sein Inneres. Vielleicht dachte er, wenn er seine Beine spreizt, dann bin ich besser auf ihn zu sprechen, pah, widerlich! Für mich waren es nichts anderes als eklige Organe, die er mir da anbieten wollte. Ich haute nochmal drauf, dachte mir, als ich dieses Skellett aus Plaste und Stahl ansah Schade, dachte ich, dass dieses Mistding nicht auf Salz reagiert! Ich würde es blutig dreschen, und ihm eine ganze Packung Salz auf die Wunden streuen!

"Hallo!", sagte es in meinem Kopf, "hast du es schon mal mit Liebe probiert?"

Ich hielt Inne, holte das Fahrradöl aus dem Schrank, besprühte die Matrizen, schmierte alles schön mit einem Pinsel breit. Die Liebe und der Frieden siegte, doch in der Biblithek war der Ofen bereits aus. Meine Laune war auf dem Tiefpunkt und im Fernsehen kommt gleich ein Krimi Naja, vielleicht schreibe ich ja morgen ein Buch!

Montag, 27. Februar 2006

Die Dorfschullehrer

Donalphonso hat den Nagel auf den Kopf getroffen. Er beschrieb ein sehr schönes Bild.

Vermutlich sass an den Lagerfeuern des Paläolithikums schon einer, der prima Geschichten erzählen konnte. Und abseits davon sass einer, dessen Faustkeile zwar ziemlich gut waren, aber nach einem Tag Feuersteinbearbeitung nichts zu sagen hatte, ausser über Feuersteine.


Als ich mich unter Gauklern rumtrieb, um deren Lebensgeschichte zu erfahren, wunderte ich mich immer, dass nur ganz bestimmte Leute ihrem Leben eine darstellbare Form geben konnten, dass nur wenige sie in die Form einer Geschichte packen konnten. Das musste gelernt werden, und es konnte nicht jeder.

Nun zieht Donalphonso gegen die Leute, die nicht so richtig erzählen können, oder die Schönheit dessen nicht sehen, zu Feld und er macht genau den gleichen Fehler wie ich ihn damals machte. Er richtet. Er richtet die, die nicht die großen Geschichtenerzähler sind und die keinen Sinn im Vortragen von Geschichten sehen. Dass das jedoch alles nur Geschmackssache ist, das ist wohl unbestritten. Dem einen schmeckts, dem anderen nicht.

Levi Strauss nennt die Leute, die immer wieder ihre Geschichten erzählen bricoleur – Bastler. Sie sammeln unermüdlich kleine Geschichten, kleine Zeitungsausschnitte, kleine Versatzstücke und zimmern sie dann mit Hilfe ihrer Werkzeugkiste zuhause wieder zusammen. Sie machen für die Öffentlichkeit die eine um die andere Bastelarbeit und passen sich dabei dem Geschmack der zuhörenden Masse an. Das Material mit dem sie arbeiten wird nicht hinterfragt, es ist wahr, muss wahr sein, sonst hätte das Ganze keinen Sinn.

Es gibt eine Spezies auf der ganzen Welt verteilt, die Dorfschullehrer, die teilen alle diese Passion. In Europa war es verstärkt ab der Romantik, einer Zeit in der Bildung langsam sich immer fester als Bürgergut etablierte, dass die Dorfschullehrer auszogen, um dem Volk aufs Maul zu schauen, seine Lieder und Geschichten zu sammeln. Herder hatte seine Herde genau im Blick, als er seine Volksgedanken unter das Volk schmiss. Ob nun auf dem Balkan, in Mitteleuropa, in Rußland ganz egal, es waren die Geschichtensammler und deren Art sich in Szene zu setzen, die begannen Geschichte zu schreiben. Sie konnten das zum Teil besonders gut. Ihre Sammlungen, auch wenn sie alle frisiert, zum Teil erstunken und erlogen oder nur versatzstückhaft gesammelt, immer schön das Obszöne und Pralle auslassend, sind bis heute Bestandteil von Nationalgeschichten. Das Lagerfeuer fand seinen Weg in die Schulbücher, Zeitungen und Massenmedien. Gerade wird es in den Blogs angezündet. Die einen beginnen seelig zu schwatzen und die anderen haben "nach einem Tag Feuersteinbearbeitung nichts zu sagen, ausser über Feuersteine."

Was das bessere von beiden ist, sollte jeder für sich entscheiden.

Sonntag, 26. Februar 2006

Wo ist China?

Ich stelle mir seit Monaten immer die gleiche Frage: "Ob es in China eigentlich Zigeuner gibt?" Da ich seit Monaten mir diese Frage nun schon stelle, habe ich natürlich auch schon ein paar kleine Antworten, die große Antwort jedoch, die lebt immer noch im Untergrund. Schauen wir uns doch die kleinen Antworten an, die die Ankunft der Großen Antwort vorbereiten.

Als die Periode der "Neue Ökonomische Politik" Lenins von Stalin beendet wurde und der Terror der Kollektivierung anfing, konnten die auf Privatwirtschaft, Bars, Keipen, Musikhallen usw. angewiesenen Lovara Zigeuner nicht mehr in Rußland überleben. Sie schauten kurz auf die Landkarte der privatwirtschaftlichen Welt nach und da es überall zu eng war mit all den anderen Kollegen, kam ihnen die Idee: Warum nicht in das dekandete China reisen? Da braucht man noch Kneipenmusiker und sonstiges Entertainment. So gingen sie ab 1927 nach Shanghai. Hier lebten sie ganz einträglich bis auch China der Kommunismus in seinen Bann zog. Die UdSSR und Volksrepublik China unterzeichneten 1948 ein Rückführungsabkommen aller russischen Exilanten. Die Zigeuner zählten dazu. Als sie wieder zurück nach Europa kamen, wurden sie von ihren Roma Kollegen von nun an die Kitaicurya (die Chinesen) genannt.

Auch schreibt der China Daily in einem Artikel, daß es im 17. Jh. urkundlich erwähnte Zigeuner gegebenen habe. Die Spuren von ihnen seien aber verwischt. Naja jedenfalls habe sich bisher noch keiner aufgemacht, die Nachfahren der selbigen in den Provinzen Gansu und Shaanxi zu suchen.

Dass es in muslimisch Zentralasien chinesischer Provinienz sprich Xinjiang Zigeuner (Eynu, Abdal) gibt, das ist nicht weiter verwunderlich. Die gehören ja nun auch zum muslimischen Kulturkreis und nicht zu diesen Dao, Lao, Mao Gelbchinesen. Also es bleibt die Frage: "Gibt es Chinesen unter den Zigeunern ... ähh... gibt es Zigeuner unter den Chinesen?"

Juri Slezkine behauptet ja nun, dass alle seßhaften Kulturmenschen Tabuzonen haben und diese Tabuzonen (Prostitution, öffentlicher Auftritt, Saubermachen, Leichenwaschen, Beschneidung usw.) von Leuten aufgefüllt werden, die er Mercurianer nennt im Gegensatz zu den Appolloianern, den Seßhaften. Also, wer macht dann bitte schön in China die Drecksarbeit? Die Chinesen selber? Soviel ich selbst gesehen habe, ist das zwar auch tatsächlich so. Da nun aber die gute Judith Okeley sagt: "Wenn wir keine Zigeuner hätten, würden wir uns welche machen!" , so muß es ja auch in China Zigeuner geben. Die Frage bleibt also bestehen.

Nun haben die Romani Studies Linguisten in Manchester einen Relaunch ihrer Webseite gemacht und haben dazu eine linguistische Romani Karte für die ganze Welt gemacht, ähh, naja für den eurasischen Kontinent jedenfalls und wo ist da China?

Die Frage bleibt bestehen.

Samstag, 25. Februar 2006

Randzone

-- "Wo ist eine Randzone? Wo ist sie? Wie sieht sie aus?"
-- "Sag mal, noch bescheuerter gehts nich oder?"

Die beiden Typen standen am improvisierten Tisch in dem Jahrzehnteprovisorium, das hier in X unter den Leuten Bahnhofskneipe genannt wurde, sich selber irgendeinen albernen Mädchennamen gegeben hatte: "bei Isy..." irgendsowas

-- "Also, wenn ich von A nach B will! ... "
-- "Du bist hier aber in X!"
-- "Ja, also wenn ich von X nach A will!..."
-- "Ach jetzt komm, wer will denn schon von hier aus nach A. Unserer Lehrer hätte das vom Regen in die Traufe genannt!"
-- "Und wie nennst Du das?"
-- "In die selbe Scheisse!"

Beide hatten ein Bierglas vor sich stehen, beide rauchten die gleiche Marke Zigarette, beide sahen irgendwie auch gleich aus, nur der eine von ihnen hatte wohl einen längeren Schwanz. Jedenfalls tat er so. Der Rauch in der Kneipe kämpfte mit der Luft um die Vorherrschaft im Raum. Kann man sich wundern, warum die Luft überhaupt noch kämpfte. Jeden Tag um 12 die gleiche Scheisse, gerade zwei Stunden auf, lag die Luft schon wieder in den Seilen, dem Rauch war das Spiel wohl auch über die Jahre langweilig geworden. Jedenfalls triumphierte er schon lange nicht mehr. Es war wohl wie mit dem Grashalm am Bordstein, der sich jeden Tag auch nur für fünf Minuten wünschte, heute mal nicht von dieser Dreckstöle angeschissen zu werden, die fette Sau, die hier jeden Morgen kurz rauskam, um zu scheissen. Die Kacke triumphierte schon lange nicht mehr, der Grashalm hatte sich in sein Schicksal ergeben.

Mit den beiden am Tisch war es wohl ebenso. Der eine hoffte wohl jeden Morgen darauf, mal eine guten Tag zu erleben, mal was zu erfahren, und so stellte er seine Fragen. Der andere schiss da drauf, ohne Triumph, einfach so, wie man eben scheisst. Und beide ergaben sich wieder dem Tag. Naja, blieben sie eben immer in ihrem Zentrum, in der Bahnhofskneipe in X und glitten nicht ab, in eine dieser Randzonen.

Montag, 20. Februar 2006

Die armen Pennäler

In einem sehr witzigen Beitrag, hat sich Christoph Koch dem von der Zitty vorgeschlagenen Begriff angenähert und ihm keine Zukunftschancen vorausgesagt.
Wir wollen hoffen, dass er Recht hat. Als Provokation scheint der Text von Mercedes Bunze ja sehr gut zu funktionieren. Für die Denkanstöße, die hier aus der Diskussion kommen, müsste man sehr dankbar sein, wenn es sich um ein ernstes Phänomen handeln würde. Die urbanen Penner (Penne ist ein rotwelsches Wort mit der Bedeutung temporäres Nachtquartier) jedoch sind ein temporäres Phänomen. Sie sind die Leute in der Durchgangsstation von den Ausbildungsstätten in den sicheren Hafen einer selbst geschaffenen oder angenommenen Stelle. Es wäre so, als ob man über die Befindlichkeiten von Zugvögeln sprechen wollte. An ihrem Herkunftsort spricht man nicht mehr über sie, an ihrem Bestimmungsort kennt man sie noch nicht. Doch die Zugvögel zwitschern uns zu: „Schaut her, wie arm wir sind! Wie wir uns abrackern müssen, um ins Warme zu kommen!“ Diese Durchgangssituation, diese Passage gewissermaßen wird als unerträglich empfunden. Doch war das nicht schon immer so? Die kleinen Aufsteiger beschreiben fröhlich ihre Lage, während die Jungs unten keine Stimme haben, um sie zu erheben. Da braucht man dann die Walraffs, die Jaubaris oder die anderen undercover Agenten der sozialen Bekenntnis, die den Leuten sagen, was im Lebensraum der Armen wirklich los ist. Denn die Vögel in den warmen Nestern haben es nicht so gern in der Unterwelt. Da ist es heiß, stickig und eng.

Was ich jedoch so frappierend finde, ist eher das Schweigen, als das fröhliche Gezwitscher. Intellektuelle Beglückungsideologien gibt es ja immer wieder. Aber haben denn die Jungs und Mädels da unten wirklich keine Lust die Stimme zu heben? Oder können sie es nur nicht artikulieren?

Meine Cousine (Frisöse,23) sollte vor ein paar Wochen für einen Sammelband zu Opas Achtzigsten eine Erinnerung an die beiden aufschreiben. Das Ergebnis war eine liebe Geschichte, jedoch mit Sprache und Orthographie, die in keiner der intellektualistischen Gesprächsrunden bestand haben würde. Sie würde ihre Kraft auch gar nicht einsetzen, teilzuhaben, weil ihre Herangehensweise an ihr Leben so gar nicht kompatibel zu den anderen der Intellektuellen ist. Es hat nichts mit Schläue oder Ausbildung zu tun, sondern nur mit sich fremden Lebenswelten, über die es kaum kommunikative Brücken gibt. Meine einzige Brücke zu ihr ist die Verwandtschaft, eine Brücke der ich dankbar bin, denn ohne diese hätte ich wohl mit ihr und auch ihrem Leben, so gar nichts zu tun. Die Welt dieser kleinen Frisösin würde für mich verschwiegen bleiben.

Ich glaube, dass die meisten der schiefgegangenen Beglückungsideologien mit der Fremdheit beider Welten undmit dem Übersetzungsversuch zu tun haben.
Diejenigen, die es wagen, Fremdbeschreibung abzuliefern, sind in einem Übersetzungsprozeß verfangen, der von „unten“ nach „oben“ übersetzt und oben gestrenge Analysten hat, die nur auf das kleinste ungenaue Wort warten, um den Übersetzungsversuch zu zerstören. Ist also vielleicht die Übergangsphase des Pennälertums nicht vielleicht genau die Zeit, in der wir auf dem Weg nach Oben, die Erfahrung des „da unten“ mittransportieren sollten? Wenn das den Zugvögeln gelingen würde, wäre einigen auf der Welt damit geholfen.

Oder machen wir es etwa immer und überall so, wie mit dem von Norbert Elias beschriebenen Phänomen, dass auf die uralte Aufforderung: "Erkenne Dich selbst!" wohl immer wieder geantwortet werden würde: "Das will ich eigentlich gar nicht so genau wissen!"

Suche

 

Archiv

Juni 2026
Mo
Di
Mi
Do
Fr
Sa
So
 1 
 2 
 3 
 4 
 5 
 6 
 7 
 8 
 9 
10
11
12
13
14
15
16
17
18
19
20
21
22
23
24
25
26
27
28
29
30
 
 
 
 
 
 
 
 

Web Counter-Modul

Impressum

Olim ist ein arabischer Vorname, der sich aus der Silbe ilm ableitet und soviel heißt wie der Wissende oder Wissenschaftler. Ich habe den Namen 1994 in Buchara verliehen bekommen und ein Jahr später angefangen, Mittelasienwissenschaften zu studieren. Das tue ich heute immer noch im fortgesetzten Stadium. Devona ist ein Wort das man fuer verrückt, entrückt, weggetreten benutzen kann. Es hat immer irgendwie mit Liebe zu tun, zu den Menschen, zum Leben, zu Gott. Naja und das zusammen macht die Figur Olim devona aus. Manchmal schlüfe ich in sie hinein und fuehle mich dann total devona.

Here be dragons
Randzone
Reisenotizen
Sinnprovinzen
Straße der Besten
vom sofa in die Unterwelt
Profil
Abmelden
Weblog abonnieren