Montag, 25. November 2013

Die Diva

"die welt will sich einfach nicht an die modelle der wissenschaftler anpassen und macht voll einen auf diva" via

Das ist schön formuliert und passt zu einem Vortrag, den ich am Donnerstag im Grassi Museum gehört habe. Dieser kleine Download link hier macht diesen Vortrag wieder lebendig. via

Sonntag, 30. September 2012

Haende fassen und loslassen

Nun habe ich ein zweites Mal den Roman von Amitav Ghos: Glaspalast fast durchgelesen. Es ist ein wunderbares Buch und beim zweiten Mal noch intensiver als beim ersten. Ich will aber gar nicht so sehr von dem Buch erzaehlen, als vielmehr von zwei Anekdoten aus dem Buch, die als Motiv und Thema das Buch immer wieder durchziehen. Anekdoten, die romantragend sein sollen, das klingt komisch? Ich bin kein Literaturwissenschaftler, deswegen weiss ich nicht, was nun geht und was nicht aber lassen wir das.

Zu den Anekdoten

Die eine kommt gleich zu Anfang des Buches: Der birmanische Koenig Thebaw und seine Familie werden von den Englaendern in die Verbannung geschickt und unter den Familien- und Hofmitgliedern ist auch eine der Hauptpersonen des Buches: Dolly. Diese ist keine sechs Jahre und eine der Hauptheldinnen des Buches. Rajkumar, ein indischer Waise, kaum 4 Jahre aelter, bekommt sie ein erstes Mal zu Gesicht, als er zusammen mit dem Mob den Palast pluendert. Das zweite Mal, als die Familie aus dem Palast zum Schiff gefuehrt wird. Bei diesem zweiten Mal kauft er geschwind Suessigkeiten am Strassenrand und schafft es, diese trotz Soldatenbewachung Dolly zu uebergeben. Das erste was diese macht, ist die Suessigkeiten, den sie bewachenden Soldaten anzubieten. Rajkumar ist darueber erst sehr erbost, dann erkennt er ihre Weisheit. Sie knuepft mit dem Unvermeidlichen Beziehungen, anstatt gegen diese anzukaempfen.

Dieses Bild beschaeftigte mich nun in der Zeit, die ich in Bangladesh weilte immer wieder. Ist es nun ein Zeichen des Fatalismus oder ein Zeichen der Weisheit, nicht zu kaempfen, nicht zu oponieren, sondern aus der gegebenen Situation das Leben immer wieder neu zu beginnen. Das Land Bangladesh hat mir immer wieder diese Anekdote auf erstaunliche Weise vorgefuehrt. Eigentlich koennten die Bewohner dieses Landes einen gut begruendeten Groll gegen die Fremherrschaft der Briten und der Westpakistanis hegen. Die Briten haben diesen einst reichsten Landstrich des Indischen Subkontinents ausgenommen, leergeblutet, Hungerkatastrophen hingenommen und schliesslich zu dem gemacht, was es heute ist, ein Land mit Problemen. Die Pakistanis hatten dazu nicht die Gelegenheit, aber besonders ruehmlich haben sie sich auch nicht verhalten. Statt des Grolls aber spuert man in Bangladesh ueberall die unbedingte Bereitschaft mitzumachen, den Anschluss zu gewinnen oder nicht zu verlieren. England ist Studienplatzwahl Nummer eins, man bewundert das postkoloniale Europa und die Beziehungen mit den Pakistanis sind auf der Ebene der normalen Menschen ebenfalls ohne Gram. Man bewundert ihr Krikettteam, das gerade hier in Sri Lanka mit den Aussies, den Indern und den Suedafrikanern um den Sieg kaempft. Man macht nicht da weiter, wo man aufgehoert hat, wie vielerorts in den Vertriebenenverbuenden und bei den Radzurueckdrehern, sondern dort wo man gerade steht. Ein Land, das regelmaessig in den Fluten versinkt und in denen die Natur verhindert, dass sie Gegensaetze zwischen Arm und Reich die Grenzen sprengen (auf dem Lande -- in der Stadt Dhaka sind sie eklatant), ist vermutlich so aufgestellt. Es zaehlt nicht so sehr die historische Erinnerung, sondern das Heute und das Morgen.

Die zweite Begebenheit kommt erst sehr spaet im Buch, kuendigt sich aber immer wieder in den Gewissensbissen der indischen Soldaten innerhalb der Britisch Indischen Armee an. Sie wird aber nicht vom Soldaten Arjun, der eine her weniger tragende Rolle spielt geaeussert, sondern von seinem schaerfste Kritiker, dem wunderbaren Dinu, um dessen Schicksal ich das eine oder andere Mal im Buch zu Traenen geruehrt war. Dieser formuliert, dass es die schlimmste aller Niederlagen eines Unterdrueckten ist, gegen seine Unterdruecker zu fallen, ueberhaupt gegen sie angetreten zu sein. Denn auch im Gegensatz sei man mit ihnen vereint, koennte sich dem System nicht entziehen, waere auf ewig gefangen zwischen den Polen der Gegensatze. Diese laehmen alle Kreativitaet, wuerden Potentiale vergeuden, die sich in der freien Entfaltung ganz andere Orte, Ebenen und Richtungen erschliessen koennten. Also nicht Dafuersein, nicht Dagegensein, sonder Sein, sei das Gebot der Freiheit. Auch dass wieder ein schwieriges Bild, eine Absage an Fatalismus, aber auch eben keine Stellungnahme, wie wir sie gewohnt sind, zu haben. Wir wolllen uns Meinungen bilden, dafuer oder dagegen, lieben die Momente der Debatte. Der Held Dinu lehnt diese fuer sich ab. Fuer ihn ist das frei entfaltete Lachen wichtiger als ein Kampf um Leben und Tod, dass nicht nur auf den Weg der Unfreiheit fuehrt, sondern diese eben dadurch immer wieder stabilisiert. Waehrend ich hier auf dem Flughafen von Colombo auf meinen Nachtflug nach FFM warte, erwische ich mich immer wieder im Denken der Gegensaetze, mache mir Gedanken ueber die hier wartenden leicht bekleideten Strandurlauber, setze mich dauernd in Beziehungen ohne dabei zu sein.

Und das erinnert mich wiederum an eine letzte Frage, gehoert in einem Theaterstueck, dass ich vor Jahren einmal sah. Hier wurde einem Leherer die Frage gestellt: "Was ist nun besser: Das Sein im Nichtsein oder das Nichtsein im Sein" und der Lehrer antwortet: "Weiss ich nicht!"

Montag, 24. September 2012

Fischer und deren Frauen

Das Delta ist voller mobiler Gruppen. Die einen nutzen das Wasser, die anderen den Wald, wieder andere die Bewohner als Ressourcen ihrer Lebenssicherung. Diejenigen, die das Wasser nutzen haben gerade Hochsaison, in der Regenzeit und in der sich der Regenzeit anschließenden Jahreszeit des zweiten Frühlings, in dem die zweite Ernte der Bauern eingefahren wird, ernten auch die Fischer reichlich. Einige Fischerfamilien leben am Rande des Ufers und sind seßhaft. Sie sind in Schaaren in der Nacht auf den Fluesssen und lenken die Boote mit ihren Taschenlampen von ihren Netzen weg. Sie sind auch in sehr unruhigen Wasser unterwegs, da an vielen Stellen, wo die einzelnen grossen Arme des Drei Fluss Deltas aufeinandertreffen Wellen in die Hoehe schlagen, Strudel sich bilden, je nach Tages und Nachtzeit. Am ruhigsten ist es in Zeiten der Flut, wenn das Wasser vom Meer aus eindringt und in das Delta und seine Kanäle fließt.

Boira

Es gibt neben den Seßhaften auch mobile Fischergruppen, die sich boira nennen. Diese leben auf der Basis einer Familie, häufig ein Familie mit ihren Söhnen und deren angeheirateten Frauen oder eine Familie mit ihren Töchtern und deren angeheirateten Maennern zusammen und fischen mit mehreren Booten von einem Punkt aus, an dem ihr Haus steht. Ist jedoch gerade eine Flut im Territorum, hat ein Zyklon die festen Behausungen zerstoert, ist fuer die boira, im Gegensatz zu den anderen nichtmobilen Fischern das Leben auf den Booten überlebenswichtig. Sie suchen sich dann an anderen Stellen des Deltas ihre neuen Siedlungsräume und fangen eine neue Existenz an.

Boira1

Obwohl die Fischer eigentlich ein Familenleben ohne weiteren Gruppenzusammenhalt führen (bei ihnen gibt es nur selten die Institution des Gruppenführer chowdur) heiraten sie vor allem unter den Mitgliedern ihrer erweiterten Familien. Dies siedeln in Reichweite zueinander und besuchen sich, wenn es noetig ist, Absprachen bezüglich ihrer Kinder zu treffen. Ihre Profession als Fischer kennt keine Alternativen. Sie leben ein Leben auf dem Wasser.

Dienstag, 18. September 2012

Diese Amerikaner

Heute hatten wir vor, die Stadt Jhalokathi in Richtung einer anderen kleinen Stadt zu verlassen. Wir wollten es auch ohne unseren Gewaehrsmann vor Ort tun, da dieser das letzte Mal so einen Schiss in der fremden Stadt hatte, die war naemlich nicht sein Territorium. Nun fuhren wir also in einer E-Rikscha, die die Chinesen fuer den asiatischen Markt gebaut haben in Nolchitti und wollten gerade mit der Faehre ueber den Fluss uebersetzen, als uns ein Telefonanruf aus Jhalokathi erreichte: Bleibt wo ihr seid, ich komme Euch holen, es gibt Probleme, die wollen dasss ihr auf der Stelle zurueckkehrt. Wir munkelten Streik? Ist irgendwo ein Streik ausgebrochen? Ist es etwa dieses verdammte Mohammedvideo, das nun auch den Volkszorn hier erreichte? Nun, es dauerte keine 15 Minuten und unser Freund kam auf dem Motorrad aus Jhalokathi angebraust. Die Polizei haette uns den Ort verlassen sehen und meinte, wir seien nicht sicher da draussen, wegen dem Mohammedvideo. Die Leute koennten doch denken ich sei Amerikaner! Nun in Jhalokathi wissen sie alle, dass ich eine Deutscher bin, der aus der Uni kommt und Geschichten sammelt. Da sind wir also sicher, da draussen sei das umgekehrt. Es ist natuerlich alles grosser Unsinn. Die Bengalen sind religioes so tolerant, dass hier seit Jahrzehnten nichts von Religionskaaempfen zu hoeren ist, Shiiten, Sunniten, Hindus, Jainas, Buddhisten, Christen, alle sind sie Bengalen oder Bangladeshis und tun sich nichts gegenseitig zu leide. Ganz im Gegenteil, die Legenden um den lokalen Helden hier, Gadschi Kalu, sind so voller Hinduistischer Einfluesse, dass man manchmal nicht weiss, ist das nun eine islamisierte Hindulegende oder eine hinduisierte muslimische Legende. Hier ist also Religionsfrieden. Nur die Polizei schaut zuviel fern. So ist das mit der Globalisierung, da kann man nicht mal in den Nachbarort fahren und den Vater eines Freundes in Dhaka besuchen….

Vom lauten und leisen Lesen

In der Huette vor unserer Wohnung hier in Jhalokati lebt eine Familie mit ihren vier Kindern. Die Grosse hat das Schulalter durchsstanden und geht jetzt auf das College. Um fuer das College zu lernen, sitzt sie am Nachmittag und Abend am Tisch am Eingang ihrer Huette und liest laut in ihren Buechern. Wir sind hier schon oft vorbei gegangen und Shimul mein Freund und Begleiter fragte mich gestern abend, was ich den denken wuerde, was besser sei: Das Laute oder das Leise Lesen? Hmm, meinte ich, ich lese laut nur meine eigenen Texte, weil man sonst nicht merkt was man da eigentlich geschrieben hat. Das Gehirn denkt sich doch beim leisen Lesen alle moeglichen fehlenden Teile selbst dazu, ohne das man es merkt. Und das Laute lesen, das sei doch auch ganz gut dazu, sich Dinge zu merken, also zu memorisieren. Aha, meinte Shimul, bei ihnen sei das ganz anders gewesen. Sein Vater hat ihn immer dazu angehalten laut zu lesen, damit der Vater auch merkt, dass der gute Sohn nicht nur ins Buch starrt, sondern auch wirklich liest. Deshalb musste auch er immer laut gelesen. Hmm meinte ich, vielleicht liest dann das Maedchen in der Huette auch deshalb laut, weil es sonst immer wieder gestoerrt werden wuerde von ihren Geschwistern, die denken, ach die Grosse, die starrt ja nur in dieses bloede Buch, vielleicht spielt sie ja mit mir…

So ist das also ganz verschieden mit dem lauten und dem leisen Lesen. Auf Deutschland und die familiaere Situation im Land der Kinderzimmer ist das wohl nicht zu uebertragen. Da merken wir als Eltern naemlich nie, ob die Kinder lesen. Nur wenn die Deutschzensur eine vier ist, merken wir, dass sie es mal wieder nicht getan haben….

Freitag, 14. September 2012

In der Regenzeit

Eigentlich ist es ja das Ende der Regenzeit, eigentlich, den heute war ein ganz typischer Regenzeittag. Es fing um 7 Uhr frueh an. Ich hatte vor, mit einem Freund ein uns gut bekanntes Zigeunerlager zu besuchen und von den Zeltzigeunern ein paar Bildergeschichten aufzunehmen. Aber nach 10 Minuten goss wie unter der Dusche, und wir brachen das Ganze ab. Dann nach 3 Stunden warten, wagten wir uns mit dem Motorad heraus. Ein Freund faehrt uns hier immer herum , doch alle 10 Minuten stiegen wir ab und setzten uns in eine dieser unzaeligen Teebuden, die es hier an jeder Strasse auch zwischen den Doerfern unzaehlige gibt. Die Doerfer sind ja eigentlich keine Doerfer in unserem Sinne sondern Streusiedlungen, wie sie in jedem Delta vorhanden sind . Die Menschen bewohnen inmitten ueppig mit Wasser gesegneten Feldern Haeuser, weit entfernt vom naechsten, weil diese nachsten Haueser wiederum ueppig mit Wasser gesegnete Felder um sich herum scharen.
Waehrend wir so auf unseren 7 oder 8 tee warteten malte ich ein kleines Bild einer aus Bast geflochtenen Reuse in mein Buch, die ich gestern auf unserer Fahrt durch das Delta gesehen habe und fragte, ob man das hier auf dem Markt bekommen koenne. Es ist eine sai busna, ein Gegenstand den hier jede Familie im Haushalt besitzt, die einen Tuempel vor der Haustuer hat. Das trifft auf 100 Prozent der Dorfbewohner und auf mindestens 70 Prozent der Stadtbewohner zu. Diese kaufen sich alle im Fruehling kleine Fische auf dem Markt fuer vielleicht 10 Dollar und ernten dann die grossen Fische zur Regenzeit aus dem Tuempel mit eben diesen Bastreusen. Da gehen dann fuer jeden tag 2 bis drei essbare Fische hinein, die anderen laesst man wieder in den Tuempel frei. Ich fragte, ob den auch die Fische gefuettert warden? Ja, meinten sie, man wirft hier die Kuhscheisse in die Tuempel, dass moegen die Fische gern. Als ich meinte, ich wolle so eine Bastreuse kaufen, lachte mein Freund. Er konnte es nicht fassen. Sich hier mit der Natur zu befassen wird als rueckstaendig von eben den 30 Prozent der Stadtbevoelkerung angesehen, die keinen Tuempel vor der haustuere haben und zur gebildeten Elite des Landes gehoeren. Das waere eigentlich ein schoenes Bild fuer die Orte auf der Welt, an denen man das Wissen um die Natur mit 12 Jahren Schule eintauscht, die einen zwar in ein staedtisches Leben einfuehren und einer Arbeitssklaverei von 9 bis 17 Uhr, aber total von der Natur entfremden. Nun ja, es blieb nicht viel Zeit fuer solche Gedanken, wir fuhren weiter und ….
Nachdem wir dann an unserem Bestimmungort anggekommen waren, war wieder Regen und Pustekuchen mit Bootszigeunern, die wir eigentlich besuchen wollten. Diese waren hier schon laenger auf der Insel, auf der wir uns befanden, nicht mehr gesehen worden. Stattdessen baute die Bezirkstadt hier ihre neue Universitaet. Ob die Bildung hier aber die Zigeunergruppen verdraengt, das waer eigentlich ein schoenes Bild fuer viele Zigeunergruppen auf der Welt, dass weiss ich nicht, auf jeden Fall waren sie nicht da.

Mittwoch, 12. September 2012

Jalokathi

Der Anblick von Jalokathi ist atemberaubend. Tropische Pflanzen, Singvoegel, das Alltagsleben einer KLeinstadt inmitten von Gruen, Kanaelen, Gruen, Feldern, Gruen, Fluessen, grau und manchmal braun. Das was bei einer Tropenpflanzen liebenden Gaertnerin liebevoll gehuetet bei uns im Topf steht, steht hier 5 mal groesser an jedem Strassenrand. Die Kleinstadt hat ihren Basar, der einen Morgens und einen Abendbetrieb kennt, wunderschoen am Tag und am Abend voll mit tropischen Fruechten und Gemuese, Fisch, Garnelen und Backwerk. Dazwischen Kinder auf dem Weg zur Schule und von der Schule, in einem Hindutempel spielt Musik, glaeubige Muslime gehen zur Moschee und das Hupen der Autos und Mopeds heisst hier nicht nur, “lasst mich mal durch”, sondern auch “ schaut hier kommt Shah Alam!”, oder Muhammad Reaz, oder wie sie alle heissen. Den Schneider kennt man beim Namen, er ist der Onkel vom besten Schulfreund. Und inmitten dieser beschaulichen und doch facettenreichen Naehe der Menschen zueinander sind einige Zigeunergruppen unterwegs. Was fuer ein Anblick, ihre Zelte aus Plastik gebaut machen den Eindruck einer armen Behausung, indrinnen ist es trocken, clever eingerichtet. Die Zeltplane faengt das Regenwasser auf und die Haende waescht man sich im kleinen Tuempel der sich in der Regenzeit unweigerlich an allen Ecken des Zeltes bildet.

Die Gruppe von Abdu Baba ist schon seit zehn Tagen hier. Ihre Frauen gehen von Haus zu aus und bieten Heilmittel und Heilung an, die Maenner verrdingen sich als Finder verlorener Sachen in Brunnen und Tuempeln, als Schlangenbeschwoerer in der Innenstadt und verkaufen nach einem Schauspiel ihrer Schlangen und Floeten Amulette gegen den Schlangenbiss. Sie haben ihre Boote seit 7 Jahren aufgegeben. Die Boote zu erhalten ist so teuer, wie mittlerweile ein Stueck Land zu kaufen. Also haben sie ihr Boote verkauft, sind seitdem mit Zelt unterrwegs, waehrend an den Orten, an denen sie jetzt Land besitzen die Alten mit den Jungen und Maedchen bleiben, die jetzt zur Schule gehen. Die anderen, die ganz Kleinen und die Grossen ziehen in den Sommermonaten umher, machen ihre Sachen, die sie so gelernt haben und sind zufrieden. Verglichen mit damals in den Booten sei das alles Ganz ok. Es gaebe jetzt Schulen und Krankenhaueser, damals gab es nur ihre Boote und die Dorfbewohner, die sie besuchten, jetzt sind die Moeglichkeiten groesser. Bildung ist immer wieder das Zauberwort, dass hier alle dazu bringt, ihr Leben danach auszurichten. Da sind sich die Zigeuner mit dem Rest der Bevoelkerung einig.

Montag, 10. September 2012

Nach Barisal

Nun bin ich seit drei Tagen in Dhaka und werde die Stadt schon wieder in wenigen Stunden in Richtung Sueden verlassen. Ich fahre ins Delta hinein nach Barisal genauer Jhalokathi, ein paar Kilometer weiter den Fluss hinab. Ich habe in den letzten Tagen so viel gehoert und gesehen, viel mit den Leuten ueber das Wasser, das Delta oder ueber den indischen Nachbarn geredet, der mit seinen Staudaemmen alles Wasser zurueckhaelt in der Fruehjahrsaison und alles uberfluessige Wasser in den Sueden im Sommer spuelt, wenn es keiner braucht.. All das sind Geschichten, die doch sehr an das Amudarja Delta erinnern. Bisher habe ich die Geschichten nur aus zweiter Hand gehoert, nun bin ich auf dem Weg, sie selber aufzunehmen.

Ich habe einen Traum. Eine Ausstellung ueber das Delta zu machen, in der Mitte ein Boot, an den Waenden all die Dinge die sich mit einem Boot im Delta verbinden:

# Die Leute auf den Sandbaenken, den Char, die hierauf angewiesen sind, um auf den Markt zu fahren, in die Schule zu gehen, in das Krankenhaus.

# Die Flusszigeuner, Bede, die es kaum mehr nutzen koennen, weil fuer Fahrten quer durch das Delta die Wasserstaende zu niedrig werden, die Weltbank ein Netz aus Schleusen hat bauen lassen, damit das Wasser besser reguliert werden kann.

# Die Fischer im Delta, an der Kueste, die hier sich auf die Fluten einstellen muessen, die Cyklonschutzhaeuser aufsuchen mit ihren Booten.

# Die Raeuber und Piraten, die es hier zu Hauf gibt, die auf Booten die verstreut siedelnden Bauern besuchen, Shcutzgeld erpressen, terrorisieren und mitschleppen, was nicht Niet und Nagelfest ist

Dazu auch ein wenig Gesammeltes> vielleicht eine Bede Apotheke, vielleicht ein paar Schaufeln, die sie benutzen um verlorene Gegenstaende aus dem Uferbereich zu bergen, vielleicht ein paar Boxen fuer Schlangen, die die Sapuria Zigeuner hier benutzen, um Schlangen zu halten...

Dhaka

Am Anfang war Dhaka für mich nur die radikale Fremde. Kaum etwas woran ich mich festhalten konnte, keine Strassenecken, die einem das Gefuehl gaben, sich orientieren zu koennen. Ich hatte keine Ahnung, wie ich mich hier fortbewegen sollte... Nach einem einfachen Spaziergang im Viertel überprüfte ich immer gleich die zurueckgelegte Route. Wieviel Mal bin ich jetzt rechts, wie viel mal links gegangen? Wie heisst die Strasse aus der ich komme? Strasse Nummer 7, obwohl hier gerade 9 und da 11 ist, ist dahinten etwa die 7 gewesen?

Heute, nach zwei Tagen Gehversuchen habe ich die groessten Huerden absolviert. Ich kann mittlerweile Busnummern auf dem Bussen erkennen (wer schonmal bengalische Zahlen gesehen hat, weiss, dass dies nicht ganz einfach ist), Ich weiss nun wie lange eine Rikschafahrt sein sollte, ohne das man sich spaeter ueber den Preis aergert und ich kenne auch die groesseren Orientierungspunkte Newmarket, Shahbag, Sahmoli, Muhammadpur. So kann ich inzwischen manche Punkte im Koordinatensystem der Megastadt Dhaka orten.WOW! Ich haette nie gedacht, dads so einmal eine Reise beginnen kann. Aber so kann ich mich auch damit troesten, mal eine Ahnung von der radikalen Fremde bekommen zu haben.

Ich habe hier ein paar Freunde lieb gewonnen, die mir unendlich geduldig die Gegenwart Bangladeshs erklären. Ich würde sie nicht Patrioten nennen (obwohl das fuer sie in ihren Augen das Beste Kompliment ist, das man gegenwärtig Politikern machen kann – solche soll es naemlich kaum geben) aber sie reden anders über ihr Land, als ich das von Leuten, die von Bangladesh reden, gewöhnt bin. Die krassen Arm Reich Gegensätze in einer Stadt, in der jeder Stadtteil mehr Einwohner hat als Berlin ingesamt, sind für sie kein Manko, sondern Herausforderung. Viele tausend einheimische NGOs bauen an einer etwas besseren Gegenwart herum und selbst Nobelpreistraeger und ihre Familie, wie der Begründer der Grameen Bank, Dr. Junus, sind keine Luftgestalten, sondern haben schon das eine oder andere Projekt von meinen Freunden persoenlich betreut. Das soll nicht heissen, sie waeren irgendeine krasse Geldelite. Es bedeutet aber wohl, dass die Leute hier naeher zusammenstehen und auch schon mal der Innenminister bei einer NGO Veranstaltung vorbeischaut.

Diese Freunde habe mir immer wieder die Zusammenhaenge zwischen Geschichte, Armut, Politik, Oekosystem und den Menschen mittendrin auseinandergenommen. Ich hatte beispielsweise auf einem “Stadtspaziergang”, den kann man in Dhaka wirklich nur in Anfuehrungszeichen setzen, ein Armenviertel entdeckt, dessen Anblick mich echt schaudern lies. Wellblech war hier ein Luxusgegenstand, es gab keine Wege, sondern nur verkrustete Erde, die sofort aufweicht, wenn die ersten Regentropfen sie treffen, in den Haeusern, die eher offene Unterstaende waren, gab es kaum Fussboeden usw.. Nun es waren die Viertel der Biharis einer Muslimischen Ethnie aus dem Norden, die im Unabhaengigkeitkrieg von 1970/71 auf Seiten Pakistans standen. Diese wollen seit langem nach Pakistan auswandern. Der Pakistanische Staat will sie aber nicht haben und die Bangladeshis wollen sie auch nicht mehr. So sind diese Menschen nach 40 Jahren immer noch die Traeger einer diffusen kollektiven Schuld, die auf viele Biharis trifft, die jemals das Licht Bangladeshs erblickt haben. Andere Armenviertel widmen sich dem Müllsammeln und der Muelltrennung. Sie sind oft Flutopfer aus den Bengalischen Sueden, dem Deltaland. Klimafluechtlinge werden sie gerne in unseren Medien genannt. Das darunter aber vor allem Frauen und Kinder zu finden sind, die von den Maennern verstossen wurden, oder bei denen die Maenner bei Fluten ums Leben gekommen sind, erleichtert zwar nicht da Los dieser Menschen, macht das gesamte Armutsbild aber um so komplexer, denn viele Familien, die als Familien die Fluten ueberstehen, wandern im Land einfach auf andere Flaechen ab, die sich nach den Fluten immer wieder von neuem bilden, die so genannten Char Länder, Sandbänken im Delta. Das Delta kann seit Jahrhunderten von vielfaeltigen Formen von Mobilitaet erzaehlen.

Die Erfolgsgeschichten aus der Stadt Dhaka, in der man schnell Arbeit als Rikschafahrer finden und hier am Tag so um die 200 Thaka machen kann, etwa 2,5 Dollar, locken immer wieder Menschen
vom Land hierher. Im Jahr 2050 sollen hier, wenn die Statistiken so weitergehen wie bisher, etwa 240 Millionen Menschen leben. Das waere eine Stadt unvorstellbaren Ausmaßes.

Ich allerdings werde nun aufs Land fahren, nach Barisal, um Gruppen zu suchen, die ebendiese Mobilitaet im Delta als alltaegliche Lebensform kennen, die Bede, Flusszigeuner, wie sie genannt werden. Viele von ihnen sind jedoch mittlerweile Zeltzigeuner, weil auch im Brahmaputra- / Jamuna- / Merghnadelta die Kanaele trocken fallen, und aufgrund der von der Weltbank gebauten Schleusen, die Flusszigeuner vielerorts nicht mehr mit ihren Booten passieren koennen.

Donnerstag, 6. September 2012

ceylon

Gerade bin ich in der Zwischenzone, im Trans-it, am Nichtort und da stehen doch so an der sich immerdrehenden Gangway in Colombo frei und fuer jeden, der sich den Transitbereich erschliessen kann, Internetcomputer als Werbeaktion der lokalen telefon gesellschaft. Das sollten sie denen mal sagen, die in anderen Transitbereichen ihr halbes Leben auf der Warteschleife und noch vor dem Asyl fristen. Hier koennten sie ein kleines internet startup eroeffnen. (Ich muss wohl in der Nacht zu viel Amitav Ghosh gelesen habe -- ich sag nur Glaspalast, da kommt man dann auf ganz komische Gedanken.)
Aber nun...

Und so bekommt mein Blog auf die schnelle neues Leben eingehaucht....

Bangladesh ich komme!!!

Und Leute, die ihr dieses RSS Feed noch nicht in die Tonne gekloppt habt, war
ja ein jahr lang nichts los..., danke

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Olim ist ein arabischer Vorname, der sich aus der Silbe ilm ableitet und soviel heißt wie der Wissende oder Wissenschaftler. Ich habe den Namen 1994 in Buchara verliehen bekommen und ein Jahr später angefangen, Mittelasienwissenschaften zu studieren. Das tue ich heute immer noch im fortgesetzten Stadium. Devona ist ein Wort das man fuer verrückt, entrückt, weggetreten benutzen kann. Es hat immer irgendwie mit Liebe zu tun, zu den Menschen, zum Leben, zu Gott. Naja und das zusammen macht die Figur Olim devona aus. Manchmal schlüfe ich in sie hinein und fuehle mich dann total devona.

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